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vonClaudius Prößer 29.05.2009

Latin@rama

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„Seine Augen waren offen. Alle, die da lagen, hatten offene Augen. Die­ses Bild geht mir bis heute nicht aus dem Kopf.“

Anfang dieser Woche hat Héctor Herrera Olguín als Zeuge vor dem Un­ter­suchungsrichter Juan Eduardo Fuentes ausgesagt, der die Er­mor­dung des Sängers Víctor Jara in den Tagen nach dem Militärputsch 1973 aufklären soll. Das Verfahren war vor einem Jahr eingestellt worden, wurde aber nach anhaltenden Protesten neu aufgerollt. Herrera Olguín war im September 1973 ein junger Mitarbeiter der Meldebehörde von Santiago. Er musste mit einem Kollegen rund dreihundert Tote in der Ge­richts­medizin identifizieren, bevor die Leichen – auf Anordnung der Militärjunta unter striktem Ausschluss der Öffentlichkeit – beerdigt wurden.

Herrera Olguín hatte damals den populären Sänger trotz der massiven Verstümmelungen erkannt und seiner Frau Joan die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbracht. Darüber gesprochen hatte der Mann, der einige Jahre später in seine jetzige Heimat Frankreich flüchtete, bis heute nicht. Nach seiner Aussage in Santiago erlitt er einen Zusammenbruch und musste medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.

Ein ausführliches Telefoninterview, das er am Donnerstag Radio Coope­rativa gegeben hat, kann man hier anhören.

Mit dem 54-jährigen José Adolfo Paredes hat Richter Fuentes derweil den mutmaßlichen Täter in Untersuchungshaft genommen. Der damals 17-jäh­rige Rekrut führte freilich bloß den Befehl eines Offiziers aus, dessen Identität weiterhin nicht geklärt ist. Dass dies bald geschieht, hofft auch Jaras Witwe. „Ich verspüre ihm gegenüber keine Ra­che­ge­lüs­te“, sagte sie in Bezug auf Paredes, der seine Ma­schi­nen­pistole auf Jara abfeuerte. „Er hat die letzten 37 Jahre mit der Erin­ne­rung an seine Tat leben müssen.“

(Das Foto zeigt Víctor Jara und Joan Turner Anfang der 70er-Jahre.)

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