vonPeter Strack 13.03.2021

Latin@rama

Politik & Kultur, Cumbia & Macumba, Evo & Evita: Das Latin@rama-Kollektiv bringt Aktuelles, Abseitiges, Amüsantes und Alarmierendes aus Amerika.

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Für die einen sind es Wilde, für andere die Hüter des Waldes und Bewahrer umfangreichen Wissens. Bergbaufirmen, Regierungsmitglieder und Kolonisatoren sehen in ihnen ein Hindernis für die wirtschaftliche Erschließung der Amazonas-Region und den Wohlstand Boliviens. „Es geht hier um angestammte Rechte“ sagt die Dokumentarfilmerin Maria Elena Solares Fernández. „Ich komme doch auch nicht zu dir, um ungefragt auf deinem Grundstück mein Haus zu bauen“.

Ein Interview mit Solares und dem auf Entwicklung und Raumplanung spezialisierten Ökonomen Oscar Alquizalet Arce. Er ist Koordinator und Co-Autor einer gerade veröffentlichten Studie zu den Mosetenes, die in der bolivianischen Amazonasregion des Pilon Lajas und Madidi in selbstgewählter Isolation leben.

Titel der gerade veröffentlichten Studie

 

Frage: Was bewegt euch, quasi ehrenamtlich über Jahre die Anliegen einer Gruppe von vielleicht 100 oder 200 oder nur wenig mehr Menschen zu unterstützen, die sich gegen den Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft entschieden haben?

Alquizalet: Es war kein Ziel der Studie zu erfahren, wieviele es sind. Wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, ob es Mosetenes sind. Gleichwohl haben Mosetenes der angrenzenden Gemeinden sich bei einzelnen Kontakten mit ihnen in dieser Sprache verständigt. Es gäbe mehrere Siedlungen, heißt es. Viel wichtiger ist es, das Territorium zu identifizieren, in dem sie sich bewegen. Dies Territorium gilt es zu schützen, selbst wenn nur noch ein Mensch von ihnen dort lebt.

Frage: Die Organisationen der Sidler aus dem Hochland kritisieren die Größe der Schutzgebiete für die indigenen Völker des Tieflands, während sie selbst nur über wenig Land verfügen. Und die Regierung sieht sich im Recht, in diesen Schutzgebieten nach Erdöl zu suchen, um Altersrenten und Sozialleistungen für Millionen Bolivianer*innen zu finanzieren. Warum ist der Schutz dieser Territorien so wichtig?

Alquizalet: Es sind zwei Weltsichten. Das Interesse des Zentralstaats steht gegen das Recht dieser Menschen, in ihrer Eigenart weiter zu leben. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie schon vor der Kolonialzeit und der Gründung der Republik dort gelebt haben. Das Land gehört ihnen. Die internationalen Abkommen priorisieren ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Und diese Lebensform erfordert nun einmal ausgedehnte Territorien.

Frage: Maria Elena, es ist nicht das erste Mal, dass du dich filmisch den Völkern in selbstgewählter Isolation widmest.

Solares: Das Wichtigste, was ich in meinem Leben gelernt habe, habe ich von Menschen gelernt, die keine Schule besucht haben, Foto: Peter Strack

Solares: Die Völker in selbstgewählter Isolation gibt es tatsächlich. Über Jahrhunderte wurden sie immer weiter zurückgedrängt. Das ist Unrecht. Es kann doch nicht sein, dass all die, die in ihre Territorien eindrängen, einen Beruf oder Schulbildung haben, sich gar als Experten fühlen, nicht ein Mindestmaß von gesundem Menschenverstand besitzen, um das zu verstehen. Die isolierten Völker haben keine Schulen. Das ist auch gut so, weil sonst alles verloren ginge, was sie ausmacht.

Frage: Was macht sie denn aus?

Es sind sehr alte Kulturen. Das Wichtigste, was ich in meinem Leben bislang gelernt habe, habe ich von Menschen gelernt, die keine Schule besucht haben. Sie besitzen Weisheit in einem sehr umfassenden Sinne. Das ist schwer zu erklären, aber man kann ihre Reinheit des Lebens spüren.

Frage: Es geht Euch also nicht darum, dass diese Menschen die grüne Lunge der Menschheit und das Klima schützen? Damit die Menschen in Europa auf Kosten der Armutsbevölkerung in Bolivien genug Sauerstoff in der Luft haben? Das war die Kritik des früheren Vizepräsidenten Alvaro García Linera.

Solares: Schon hier in der Stadt gibt es viele, für die ein Baum nur ein Hindernis ist, das weg kann. Aber diese Völker haben Respekt vor den anderen. Und zu dem Anderen gehören Tiere und Pflanzen. Die Alten wissen sehr gut, dass man keinem Vogel oder keinem Baum Schaden zufügen kann, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Dieses Denken findet man nicht mehr in den Gemeinden, die im stärkeren Kontakt mit der städtischen Gesellschaft stehen. Welches Recht haben wir, dort einzudringen und zu tun, was wir wollen? Selbst wenn der Staat sich in der Verfassung den Zugriff auf die Bodenschätze gesichert hat: Legitim ist es nicht.

Alquizalet: Viele bezeichnen die Völker in selbstgewählter Isolation als Wilde. Manche unserer Zeugen im Dokumentarfilm nennen sie „Barbaren“. Aber nach dem, was wir von ihnen wissen, entsprechen sie überhaupt nicht den Klischees, die man aus Filmen kennt. Sie bewahren vielmehr die Weisheit der Welt, die Bedeutung des Lebens, auch wenn wir das wissenschaftlich nicht beschreiben können. Sie haben ihre eigene soziale und spirituelle Ordnung. Sie erhalten Werte, für die die restliche Menschheit vielleicht gar nicht bereit ist. Vielleicht werden sie diese irgendwann einmal teilen. Aber vielleicht ist es auch besser, dass diese dort in den Gemeinden bewahrt werden und nicht nach außen dringen. Ich kann natürlich nicht zu allen 180 Völkern Aussagen machen, die in der Amazonasregion in selbstgewählter Isolation leben. Aber was die isolierten Mosetenes betrifft, bin ich mir sicher, dass es eine Kultur ist, die uns in vielem voraus ist. Sie ergänzen meine wissenschaftlichen, sozialen und Interessen als Aktivist, die ich natürlich auch schätze.

Während der Forschungs- und Dreharbeiten. Mit der Kamera: Maria Elena Solares, links daneben Oscar Alquizalet,  Foto: Roger Araoz

Frage: Wie kann man eine Studie und einen Dokumentarfilm über Menschen machen, die keinen Kontakt mit Außenstehenden wünschen und für die ein solcher Kontakt auch wegen der Gefahr der Übertragung von Krankheiten auch tödlich sein könnte?

Solares: Wir haben natürlich nicht diese Menschen gefilmt, die nicht kontaktiert werden wollen. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch Sorge. Weil sie nicht kontaktiert werden wollen, wehren sie sich, wenn jemand in ihr Territorium eindringt. Das ist ja auch normal. Aber wir konnten an die Grenzen gehen und Stimmen einfangen, die Zeugnis über dieses Volk abgeben können. Manche berichteten von eigenen Begegnungen, viele von Spuren, die sie hinterlassen haben. Selbst, wenn wir zufällig auf sie getroffen wären, hätten wir uns entfernt.

Frage: Nach der allgemeinen Einführung über die Problematik in der Amazonas-Region wird ausführlich dargestellt, warum diese Gruppen aus oder vor den Franziskaner-Missionen geflohen sind, die es in der Region gab: Krankheiten, Ausbeutung, Prügelstrafen, sexuelle Gewalt… Was sind heute Gründe, die Isolation zu wählen?

Alquizalet: Wir konnten sie dazu natürlich nicht befragen. Die Ansteckungsgefahr besteht noch heute. Aber vor allem leben sie in Frieden, dort wo sie sind. Sie haben alles, was sie für ihre Art zu leben brauchen. Die Region gehört zu jenen mit der höchsten Artenvielfalt. Wenn du in deinem Haus einen vollen Kühlschrank hast, gehst du auch nicht freiwillig in ein anderes, von dem du nicht weisst, ob der Kühlschrank vielleicht leer ist.

Das Team bei der Arbeit, rechts: Oscar Alquilazet, Foto: Roger Araoz

Frage: Ein Motiv für Eure Studie und den Dokumentarfilm waren auch Pläne, einen Großstaudamm in der Region zu bauen, um Strom nach Brasilien zu exportieren.

In der Tat liegen die beiden geplante Staudamm am Chepete und 70km weiter am Bala in der Region. Die Studie zu Umweltfolgen liegt allerdings bislang wegen einem Rechtsstreit zwischen dem Auftraggeber, dem staatlichen Stromunternehmen ENDE, und dem Auftragnehmer seit 2018 auf Eis. 2019 wollte ENDE die Studie selbst zu Ende führen, aber auch eine Wirtschaftlichkeitsberechnung fiel negativ aus.

Frage: Warum auch einen Staudamm bauen, der den lokalen Tourismus und die Lebensgrundlagen vieler indigener Familien zerstört, wenn die erwarteten Einnahmen geringer sind als die Kosten?

Alquilazet: Das muss gar nichts heißen. Seit 1958 gibt es Pläne für diese Staudämme. Und während all diesen Jahren sind die Pläne unter unterschiedlichen Regierungen immer ein Stück weit vorangetrieben worden. Unter der Regierung der MAS ging es am stärksten voran. Und wenn sich Bolivien wirtschaftlich erholt, kann es weiter gehen. Das hängt weniger von der Regierung ab, als von den ausländischen Investoren. Die machen Druck. Derzeit sind es drei chinesische Konsortien: Powerchina, deren Tochter Sinohydro….

Frage: In der Studie ist auch von Plänen zur Erdölförderung und von der Holz- und Goldausbeutung in der Zone die Rede. Wer steckt da dahinter?

Illegales Lager für den Goldbergbau im Territorium der Mosetenes, Foto: OPIM/OMIM

Alquilazet: Bei der Goldausbeutung sind es chinesische, kolumbianische, aber auch bolivianische Kleininvestoren. Die gleichen Unternehmen, die auch in Tipuani und Guanay im Norden von La Paz aktiv sind. Es gibt auch einen Antrag der Bergwerkskooperative von Apolo. Sie fordern, das Schutzgebiet des Madidi aufzulösen. Das haben sie noch nicht erreicht. So dringen sie illegal in kleinen Schritten ein und sind schon am Eingang des Schutzgebietes Pilon Lajas und an der Grenze des Autonomen indigenen Territoriums der Mosetenes. Vor wenigen Tagen sind sie dann tatsächlich dorthin gekommen. Sie haben dabei ausgenutzt, dass die Gemeinden nicht einig waren.

Frage: Die isolierten Völker haben mit den Spaltungen nichts zu tun. Aber welches sind die Positionen der übrigen Gemeinden der Mosetenes, die im Kontakt mit den Unternehmen stehen?

Alquilazet: Genauso wie die staatliche Stromfirma ENDE bei dem Staudammprojekt so haben auch die Bergbauunternehmen Anstrengungen unternommen, die Gemeinden zu spalten. Man zahlt ihnen Geld, damit sie sich für das Projekt aussprechen, verspricht Arbeitsplätze. Praktisch entstehen dann Parallelorganisationen. Die eine vertritt die Basis, die andere die Interessen der Firma.

Frage: Welches sind dann eure Strategien als externe Unterstützer?

Alquilazet beim Interview, Foto: Peter Strack

Alquilazet: Wir schauen auf andere Länder, wo es schon mehr Erfahrungen gibt. Die Verbreitung von Informationen ist wichtig, um Bewusstsein zu schaffen. Aber das reicht nicht, wenn die rechtliche Lage unklar ist. Deshalb ist auch die juristische Absicherung wichtig. Das fordern auch die Organisationen der Indigenen vor Ort, der Regionale Rat der Chimanes und Mosetenes (CRTM), sowie die Organisation der Indigenen Gemeinden der Mosetenes (OPIM). Wir unterstützen sie dabei. Und selbst wenn diese nach langen Bemühungen erreicht wurde, heißt das nicht, dass die Gesetze dann auch respektiert werden. Seit kurzem arbeiten wir auch mit der CANOB, der Vertretung der Ayoréode im bolivianischen Chaco sowie den Yuki im Tiefland von Cochabamba. Bei beiden Ethnien gibt es noch Gruppen, die in Isolation leben. Geld, um die operativen Kosten zu decken, haben wir allerdings noch nicht.

Frage: Und welche Verbündeten gibt es auf staatlicher Seite?

Alquilazet: Es gibt das Gesetz 450 aus dem Jahr 2013 für Völker, die in Isolation leben. Eigentlich müsste das Gesetz komplett überarbeitet werden. Aber immerhin ist darin die Einrichtung einer spezifischen Behörde vorgesehen. Doch bis heute gab es für deren Arbeit kein Budget und es wurde auch kein Personal ein- oder abgestellt. Es gab im Gesetz eine Frist bis 2019, die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Das ist bis heute nicht geschehen. Ich weiß nicht, ob es administrative Probleme gab, oder schlicht der politische Wille fehlt. Nun soll die Behörde in das Vizeministerium für indigene Justiz eingegliedert werden. Das bedeutet, dass sie verschwindet. Die Mitarbeiter im Ministerium, die mit der Aufgabe betraut wurden, haben keine Ahnung vom Thema. Sie wurden wohl aufgrund politischer Kriterien eingestellt. Sie haben uns gefragt, ob wir ihnen Vorschläge machen können. Eigentlich ist das ihre Aufgabe. Der vorherige Vizeminister ist nach zwei Wochen wieder gegangen, weil das ganze Vizeministerium nur vier Mitarbeitende und kein Budget hatte. Und die bolivianische Justiz ist reine Fassade.

Frage: Welche Chance haben dann die isolierten Völker, überleben zu können?

Alquilazet: Vom Staat ist wenig zu erwarten. Im Fall der Ayoréode etwa gibt es ein Dekret aus dem Jahr 2012, das umgerechnet knapp 300.000 USD für eine multi-disziplinäre Studie bereit gestellt hat. Bis heute wurde das Geld nicht eingesetzt. Die Agrarreformbehörde arbeitet in der Zone, auch die staatliche Erdölgesellschaft. Es fehlt jedoch der politische Wille. Die Ayoréode setzen deshalb auf die Zivilgesellschaft.

Frage: Und internationale Gremien?

Alquilazet: Die sind eine weitere Möglichkeit. Aber zunächst benötigen wir solide Studien, die von den indigenen Organisationen abgesegnet sind. Denn beim Thema der in Isolation lebenden Gemeinden mangelt es an harten Fakten. Die Bücher der Ethnologen oder Anthropologen, die erschienen sind, sind ein wichtiger Schritt. Aber sie reichen nicht für die internationalen Gremien. Das sind langatmige Prozesse. Ich hoffe, dass ich noch lebe, wenn es Ergebnisse gibt. Aber auf jeden Fall können wir die nächsten Schritte gehen.

Frage: Gibt es noch etwas, was ihr den Leser*innen in Europa mitteilen wollt?

Alquilazet: Hoffentlich interessieren sie sich für die Informationen. Die wollen wir ja nicht für uns behalten. Der Film „Ellos existen“ ist auf Youtube (hier). Und wer mehr wissen will, kann die Studie und anderes Material (u.a. ein Geoportal mit Karten) auf der Homepage finden. Und wer selber etwas beitragen oder mitarbeiten will: Herzlich Willkommen! Wir brauchen noch viel mehr Unterstützung, damit das Thema auch hier debattiert wird. In Peru gibt es viel mehr Bewusstsein. In Bolivien wissen selbst im Amazonas-Tiefland viele nicht, dass es diese Völker gibt. Mit der Studie und dem Video haben wir einen Anfang gemacht. Die Mosetenes aus den Nachbargemeinden diskutieren darüber schon via Facebook. Es sind keine Phantasien. Die Völker gibt es wirklich. Das haben selbst die Mitarbeiter der Firma gemerkt, die den Staudamm bauen will. Aber sie haben das bislang unter der Decke gehalten.

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