vonPeter Strack 30.10.2019

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Am 20. November 2019 ist der 30. Jahrestag der Verabschiedung der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Sie definiert die Rechte aller Kinder und Jugendlichen bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres, weltweit. Etwa das Recht auf eine ganzheitliche Entwicklung (Artikel 6). Es gilt auch für Jugendliche, die straffällig geworden sind. Simona Böckler berichtet in den folgenden Wochen auf latinorama in loser Folge über die Verwirklichung von Kinderrechten in Bolivien; über die Fortschritte seit der Verabschiedung der Konvention wie über die Schwierigkeiten. Nah dran… und aus der Perspektive der Betroffenen.

Von SIMONA BÖCKLER

Heute geht Charlotte, eine Kooperantin der Schweizer Organisation Interteam, die „Jungs“ im Centro COMETA besuchen. COMETA ist ein Zentrum für die soziale Wiedereingliederung von straffällig gewordenen Jugendlichen in der bolivianischen Stadt Cochabamba. Ich darf sie begleiten. Das Gelände ist von einer hohen Mauer umgeben. Der Zugang ist nur über das große Eingangstor möglich, das von Männern in Uniform überwacht wird. Charlotte musste mich vorher anmelden. Wir müssen am Eingang unsere Ausweise und Handys abgeben und uns auf die Besucherliste mit unseren Personalia und Ankunftszeit eintragen.

Eingang des Zentrums Cometa (Credit: Simona Böckler)

Das Zentrum wird von SEDEGES (Centro Servicio Departamental de Gestión Social), also von der Bezirksverwaltung für soziale Angelegenheiten, betreut. Aktuell leben hier circa 70 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Einige sitzen lange Freiheitsstrafen ab, andere warten auf ihren Prozess und sind nur vorläufig hier.

Ich darf mit einem der Jugendlichen sprechen. José (fiktiver Name) ist 19 Jahre alt, kommt aus dem tropischen Tiefland und lebt seit fast 2 Jahren hier in COMETA. Seine Freiheitsstrafe beträgt insgesamt 4 Jahre, er wird aber Ende November wegen guter Führung entlassen. Er erklärt mir welches Konzept dahinter steht.

José: Jugendliche, die noch minderjährig sind, wenn sie eine Straftat begehen, haben das Recht auf eine Halbierung ihrer Haftstrafe, sofern sie sich hier drinnen gut benehmen. COMETA ist kein Gefängnis im engeren Sinn, sondern ein geschlossenes soziales Rehabilitationszentrum. Hier drinnen wird uns geholfen, wieder gesellschaftstauglich zu werden.

Frage: Ihr seid ja ca. 70 Jugendliche, das ist eine Menge. Wie ist das alltägliche Zusammenleben in COMETA geregelt?

José: Hier drinnen gibt es zwei Kategorien von Jugendlichen, diejenigen in Vorbeugehaft, die noch auf ihren Prozess warten („preventiva“), und diejenigen, die verurteilt wurden und ihre Strafe absitzen („sentencia“). Wir sind dann nochmal in 3 Untergruppen aufgeteilt: Sentencia 1, Sentencia 2 und Sentencia 3. Ich bin in der zweiten Gruppe. Jede Gruppe besteht aus 14 bis 15 Jugendlichen. Ich mag die Jungs von „Sentencia 2“ sehr. Wir lernen viel voneinander, sprechen miteinander, teilen alles. Eigentlich sind wir eine große Familie. Ich habe 13 Brüder hier drinnen. Die ganzen Aktivitäten werden primär mit der eigenen Gruppe durchgeführt, zum Beispiel gehört dieser Gartenabschnitt der „Sentencia 2“ und dafür sind wir 14 verantwortlich.

Frage: Ich habe mitbekommen, dass hier unterschiedliche Aktivitäten stattfinden. Wie sieht ein typischer Tag hier drinnen aus?

José: Wir haben einen festgelegten Tagesablauf, eine Aktivität nach der nächsten. Und jeden Tag werden abwechselnd Personen aus den jeweiligen Gruppen von den Sozialarbeitern mit unterschiedlichen Aufgaben beauftragt.

Wir stehen morgens um 6 Uhr auf, wir werden von einer Klingel geweckt. Um 6.30 Uhr klingelt es ein zweites Mal. Dann müssen die Beauftragten die Gläser in den Speisesaal bringen, den Tisch decken und das Frühstück verteilen. Um 7 Uhr klingelt es ein drittes Mal für die Formation, dann gibt es Frühstück. Zwischen 7 und 8 Uhr erledigen wir alle morgendlichen Aufgaben, machen das Bett, waschen uns, räumen das Zimmer auf. Wir sind auch für die Reinigung der Gemeinschaftsräume zuständig, dabei wechseln wir uns ab.

Um 8 Uhr gibt es einen Schichtwechsel des Personals und um 8.10 Uhr fangen wir direkt mit den therapeutischen Aktivitäten an. Der Tag beginnt mit einem Morgentreffen („Encuentro de la mañana“) mit unserer Gruppe an. Das Morgentreffen ist die erste Austauschmöglichkeit des Tages, wir sprechen über unsere Familien und über Probleme innerhalb der Gruppe. Zentrale Frage ist immer, wie wir uns hier drinnen noch weiterentwickeln können damit wir eines Tages wieder gesellschaftstauglich werden. Um 10 Uhr haben wir dann eine halbe Stunde Pause mit einer Zwischenmahlzeit. Anschließend gehen die Aktivitäten bis 11.30 Uhr weiter.

Treffen in der Gruppe für eine gemeinsame Aktivität (Credit: Homepage Gobernación de Cochabamba)
Jugendliche pflanzen Zwiebelsätzlinge (Credit: Charlotte Siedler)

Es werden unterschiedliche Sachen angeboten. Montags kommt beispielsweise ein Ausbilder aus einem Institut aus Vinto und lehrt uns das Backen. Ein weiteres Angebot ist der Schneiderkurs. Ich bin in der Gruppe der Bäcker und Konditoren. Wir lernen, wie man Kuchen, Donuts und solche Dinge bäckt. Es gefällt mir sehr, ich kann all das für meine Familie backen, sobald ich wieder zu Hause bin. Charlotte unterstützt uns in der Gartenarbeit, sie bringt uns hin und wieder Saatgut und hat uns beigebracht wie man organischen Dünger produziert. Sie hat auch einen Break Dance Kurs gegeben. Das ist echt schwierig! Aber Charlotte ist richtig gut darin.

Nach dem Mittagessen, zwischen 13 und 14 Uhr, haben wir dann eine Art Siesta. In dieser Pause mache ich meine Hausaufgaben oder wasche meine Klamotten. Außer am Donnerstag kommt dann jeden Tag von 12 bis 16.30 Uhr ein Lehrer vom C.E.A. (Centro de Educación Alternativa) zu COMETA. Denn wir haben ein Recht auf Schulbildung hier drinnen. Ich bin in der Oberstufe.

Frage: Wie geht es dir allgemein hier?

José: Ich fühle mich hier sehr wohl, trotzdem bin ich manchmal etwas deprimiert, weil ich nicht bei meiner Familie sein kann. Sie kommen mich oft besuchen, jetzt am Donnerstag kommt mein Vater. Wir sprechen viel, wenn sie hier sind. Sie geben mir gute Ratschläge. Mein Vater meinte zu mir, dass jeder im Leben schwierige Phasen durchläuft, keiner perfekt ist und jeder mal einen Fehler machen kann. Hier zu sein ist wie eine Pause in meinem Leben, in der ich mich neu finden kann. Das weiß ich. Trotzdem gibt es Tage, an denen ich traurig bin.

Frage: Was gefällt dir am meisten in COMETA? Was vermisst du?

José: Ich hätte gerne mehr Lehrangebot. Ich fände zum Beispiel eine Friseur- oder Mechanikerausbildung sehr interessant.

Am meisten gefällt es mir, dass wir hier alles teilen, zusammen Fußball spielen, Spaß haben können. Auch finde ich es schön, von den Sozialarbeitern und Pädagogen zu lernen. Bevor ich hier reinkam wusste ich nicht was Psychologie und Pädagogik ist, ich habe es hier kennengelernt. Die Arbeit der Pädagogen gefällt mir sehr, ich überlege selber nach der Schule Pädagogik zu studieren. Dann kann ich anderen Jugendlichen helfen. Die Mitarbeiter haben mir ein paar Bücher ausgeliehen und ich fand sie alle sehr interessant. Ich würde gerne Lehrer werden.

Murales innerhalb des Zentrums (Credit: Homepage Gobernación de Cochabamba)

Frage: Was für eine Rolle spielt COMETA in deinem Leben?

José: Vorher war ich ein schlechter Mensch, die Zeit und die Hilfe hier drinnen haben mich verändert. Bevor ich hierher kam, habe ich geklaut, geschlagen und habe anderen Menschen Schaden angerichtet. Damals dachte ich: Wieso soll ich zur Schule gehen, wenn ich mit dem Verkauf von Drogen einfaches Geld verdienen kann? Wieso soll ich arbeiten, wenn ich klauen kann? Hier drinnen habe ich verstanden, dass das alles nicht gut war. Hier helfen sie mir, mein Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Seitdem ich hier bin, habe ich angefangen viele Sachen zu machen und zu lernen. Wenn ich dort draußen geblieben wäre, dann hätte ich nie die Oberstufe besucht. Jetzt mache ich gerade meinen Abschluss. Hier bekomme ich eine langfristigere Perspektive, finde eine neue Richtung für mein Leben. Jetzt habe ich ein Projekt für meine Zukunft.

Frage: Gibt es noch etwas, das dir auf dem Herzen liegt oder das die Leser*innen unbedingt über dich wissen sollten?

Josè: Wenn der Mensch frei ist, kann er tun und lassen was er will. Aber hier drinnen ist die Freiheit ein alltäglicher Kampf. Wahr ist aber auch, dass dort draußen Freiheit Synonym von Verantwortung ist: wenn du frei bist, musst du verantwortungsvoll sein. Als ich dort draußen war, hatte ich das noch nicht verstanden, habe immer gemacht was ich wollte, es war mir alles egal.

Ich habe damals den anderen Menschen keinen Wert bemessen. Ich habe meine Familie ignoriert, ich habe meine kleinen Brüder gesehen, ohne ein Wort mit ihnen zu wechseln. Jetzt erkenne ich den Wert und jedes Mal, wenn mich meine Familie besuchen kommt, freue ich mich. Ich würde jedes Mal gerne mit ihnen Heim gehen, der Abschied an der Tür fällt mir immer sehr schwer. Ich vermisse sie. Wenn meine Brüder zu Besuch kommen, spreche ich mit ihnen, gebe ihnen Ratschläge. Sie können es kaum erwarten, dass ich wieder zu Hause bin. Und es fehlt nicht allzu lange! Aber ich zähle nicht die Tage, denn sonst verzweifele ich dran. Hier drinnen bringt dir die Verzweiflung nichts, das ist ein schlechter Ratgeber. Ich nutze jeden Tag, in dem ich noch hier bin.

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