vonNils Brock 17.04.2017

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Der Richard Wagner Chiles hört Mozart “und das ist wirklich kein rhetorischer Trick”, wie er selbst betont. Der chilenische Wagner komponiert auch nicht, sondern schreibt als “Pastor emeritus” in der Deutsch-Chilenischen Wochenzeitung El Cóndor. Und, Sie ahnen es bereits, Herr Wagner schreibt auch nicht über Musik, sondern über Gott und die Welt – zu dieser Jahreszeit dann jeweils Osterkolumnen.

Doch statt einem heiter-besinnlichen “es ostert rund um den Globus” liefert der bekennende “Kantianer Pfarrer” in diesem Jahr düsteren Stoff. Unter dem Titel “Der tote Osterhase” arbeitet er autobiographisch das Kindheitstrauma von “Richardle” auf. An einer steifen Langohrattrappe in Großvaters Obstgarten erfährt der Vierjährige keine augmented reality, sondern wird “ahnungsvoll gestreift” vom “Flügel des dunklen Gesellen, dessen Schatten schon oft über das kranke Kind geglitten war.” Wirkmächtiges Pathos, das die Lesenden anschließend in eine recht vorhersehbare Betrachtung über den Sinn des Lebens und der “eventuellen Möglichkeit eines Lebens nach dem Tode” verwickelt.

Alles das ist eigentlich keinen Blogeintrag wert, würde Wagner seine Story vom falschen Hasen nicht zugleich zu einer Geschichtsstunde ausweiten, die nahelegt, der Bund der Vertriebenen (BdV) und nicht der Deutsch-Chilenische Bund (DCB) sei Träger des 1938 gegründeten Wochenblatts. So erfahren wir, dass an jenem längst vergangenen Ostersonntag “Vater an der russischen Front kämpfte,” während im Städtchen Bistritz (heute: Bistrița) noch Frieden herrschte. Dort lag nicht nur Opas Obstgarten, sondern auch Mutters Villa und Vaters Eisenwarengeschäft. Und die “fielen ein Jahr später in die Hände eines Volkes, das gerne erntet, wo es nicht sät.” Spätestens da hört man zwischen den Zeilen dann doch die Walküre…

El Cóndor als komplettes Alt-Nazi-Blatt abzustempeln wäre jedoch unfair. Schließlich gibt es neben der heimeligen Dauerserie “Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg” und reichlich Dirndl-Romantik auch Beiträge über deutsche Imkerinnen, Autos, klassische Musik und die neusten Trends (“Twirling: Tanzen mit einem Baton”). Rückblickend ist dem DCB zudem anzurechnen, in den 1930ern durchaus eine gewisse moralische Distanz zur Presse- und Jugendarbeit der NSDAP gehalten zu haben. Zugleich wollte man damals jedoch nicht wie das Argentinische Tageblatt eine Publikation “für Juden und andere Verfolgte des Naziregimes” seien, erklärte Herausgeber Ralph Delaval vor zwei Jahren dem Tagesspiegel. Man habe sich immer eher “an den Institutionen orientiert.” An welchen genau, lässt Delaval offen.

Und genau da liegt die Stärke des Blatts. Seine scheinbare ideologische Blindheit qualifiziert El Cóndor heute als “Lernmaterial” in den 27 deutschen Schulen Chiles. Auch im Konsulat liegt jeweils die aktuelle Ausgabe aus. Gut so, denn wie sonst könnten die 300000 “deutschstämmigen” Einwohner_innen aus der Ferne jene liberale Einwanderungspolitik begreifen, die dazu geführt hat, dass ihre zweite Heimat “von Flüchtlingen als Schlaraffenland angesehen wird”. Humanitäre Katastrophen, Kriege, Kapitalismus, globale Verantwortung – alles nur Scheinargumente. El Cóndor kennt den wahren Grund: “Die Deutschen möchten sich von all dem, was im ‚Dritten Reich‘ geschehen ist, 150-prozentig distanzieren.” Was für Weicheier! In Santiago ist man solchen sentimentalen Reflexen zu 150 Prozent erhaben.

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