vonKnut Henkel 05.03.2021

Latin@rama

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Der Name von Inés Condori steht auf der Liste, auch der von Victoria Vigo und Rute Zúñiga. Drei Namen, die in Peru Symbolcharakter haben. Sie stehen für den hartnäckigen und oft frustrierenden Kampf indigener, zwangssterilisierter Frauen gegen den peruanischen Staat. Alle drei wurden ohne ihr Einverständnis, zum Teil gegen ihren Widerstand zwischen 1995 und 2000 unfruchtbar gemacht – im Rahmen eines staatlichen Geburtenkontrollprogramms. „Das geht direkt auf den damaligen Präsidenten Alberto Fujimori und seine Gesundheitsminister zurück und sie haben uns Unrecht getan“, erklärt Victoria Vigo mit fester Stimme. Die 56-jährige Sozialarbeiterin lebt im Zentrum Limas nur ein paar Kilometer entfernt von dem Gericht, wo der für sie wohl wichtigste Prozess ihres Lebens 1. Mörz endgültig eröffnet worden ist. Mehrere Anläufe hat es gegeben. Einmal fehlten die Übersetzer*innen,dann hatte die Verteidigung wieder einen Antrag auf Vertagung gestellt, Victoria Vigo kann nichts mehr erschüttern.

Victoria Vigo, 56[caption id="attachment_11417" align="alignnone" width="300"]Indigenes Paar Santa Tómas Ein indigenes Paar blickt auf das Stadion von Santo Tomás….
Jahre, wurde 1996 ohne ihre Einwilligung in Piura im Krankenhaus nach einer Notfallbehandlung bei der ihr Sohn per Kaiserschnitt auf die Welt kam, sterilisiert – ohne ihre Einwilligung. Seit 1997 kämpft die Sozialarbeiterin für Gerechtigkeit – wir ihr erging es Tausenden von Frauen die zwangssterilisiert wurden. Als Teil eines Geburtenkontrollprogramms, das von der USA und der Weltbank kofinanziert wurde. [/caption]
Warten ist Vitoria Vigo gewohnt, aber die Hoffnung auf Gerechtigkeit hat sie nie aufgegeben und der 1. März ist so etwas wie ein Etappenerfolg. „Nun müssen sich Alberto Fujimori, die verantwortlichen Gesundheitsminister dieser Jahre und weitere Politiker dafür verantworten, was sie uns angetan haben“, sagt sie und die Genugtuung in ihrer Stimme ist kaum zu überhören. Nach fast 24 Jahre des Insistierens, unzähligen Demonstrationen, noch mehr Treffen mit Anwälten und zahllosen Schreiben an die peruanischen Ermittlungsbehörden ist sie endlich einen Schritt weiter.

Krieg mit dem Skalpell?

„Der Prozess könnte zum Durchbruch werden. Der erste Schritt, um Abertausenden Frauen zu entschädigen und ganz offiziell eine Entschuldigung zu erhalten – endlich“, sagt sie mit bebender Stimme. Victoria Vigo ist Opfer eines staatlichen Geburtenkontrollprogramms, wurde gegen ihren Willen 1996 in einem Krankenhaus in Piura, im Norden Perus, sterilisiert. Sie ist eine von 272.028 Frauen und 22.004 Männer, die laut offiziellen Zahlen der peruanischen Behörden zwischen 1996 und 2001 im Rahmen eines Programms zur reproduktiven Gesundheit des Gesundheitsministeriums die Eileiter oder die Samenstränge durchtrennt wurden. Manchen mit ihrer Einwilligung, die oft unter massiven Druck zustande kam, viele ohne ihre Zustimmung und etliche unter Zwang. „Es gibt zahlreiche Frauen, die auf dem OP-Tisch fixiert und betäubt wurden, die unter Vorwänden in Krankenhäuser und Gesundheitsposten gelockt wurden“, erklärt die mittelgroße Frau mit dem dunkelbraunen Pony, der ihr in die Stirn fällt. Leidenschaftlich, klar und deutlich spricht sie und es fällt nicht schwer zu glauben, dass es ihr um mehr geht als das eigene Schicksal. Seit Jahren nimmt sie regelmäßig an Treffen der Opfer dieses Geburtenkontrollprogramms teil, die fast alle indigener Abstammung sind. „Kein Zufall“ so Vigo. „Es war rassistisch allein die ärmste und verletzlichste Bevölkerungsgruppe Perus, die Indigenen, in das Visier des Programms zu nehmen. Wie ist es möglich Frauen im 21. Jahrhundert so zu behandeln, sie zu entmündigen, ihre Menschenrechte zu verletzen und so massiv in ihre persönliche Zukunft einzugreifen?“, fragt die in der Andenregion Huánuco geborene Frau indigener Abstammung.
Bei Inés Condori fand der folgenschere Eingriff in einem Krankenhaus in Cusco statt. Dahin war sie im April 1995 gefahren, um sich im Hospital untersuchen zu lassen. Unterleibsschmerzen plagten sie seit der Geburt ihres vierten Kindes, das sie sieben Monate zuvor Zuhause in Santo Tomás, sieben Fahrstunden entfernt, zur Welt gebracht hatte. Dort gab es damals weder Hospital noch Frauenarzt.„Im Krankenhaus angekommen wurde ich in den zweiten Stock geschickt. Da gab es einen Saal, wo rund dreißig Frauen lagen, manche auf dem Boden, manche in Betten, und viele wimmerten vor sich hin. Andere schrien vor Schmerz,“, erinnert sich die schmale Frau. 34 Jahre war sie damals alt und ohne lange zu fragen, weshalb sie gekommen sei, gab ihr eine Krankenschwester eine Spritze und kündigte eine Untersuchung an. Wenig später sackte Inés Condori betäubt in sich zusammen. Ein paar Stunden später wachte sie wieder auf. Als sie sich gerade orientiert hatte, wo sie war, wurde sie schon barsch aufgefordert ihre Kleidung zu wechseln und nach Hause zu gehen.
Diagnose, Folgeuntersuchung, Verhaltenstipps oder Schmerzmittel: Fehlanzeige. „Es sei nur ein kleiner Eingriff gewesen, ich könne ruhig aufrecht gehen, herrschte mich die Krankenschwester an“, erinnert sich Condori. Der kleine Eingriff hat jedoch ihr Leben grundlegend geändert. Sie konnte nicht mehr auf dem Feld arbeiten, mehrfach hat sie massive Blutungen gehabt und immer wieder Schmerzen. So geht es vielen der Frauen, die sich im 2015 geschaffenen Register der Opfer von Zwangssterilisationen haben eintragen lassen. Mehr als 6.000 Opfern sind dort registriert, so Frauen und Menschenrechtsorganisationen. Die scheuen sich nicht das Geburtenkontrollprogramm in den historischen Kontext zu setzen: „„Die staatlichen Institutionen gingen wie die Sieger des Bürgerkriegs vor – sie sterilisierten Frauen aus der Bevölkerungsgruppe, aus der sich sowohl die Guerilla des Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfades, als auch die des MRTA (Moviemiento Revolucionario Túpac Amaru) rekrutierten“, meint die Juristin Anan Vidal, die lange für die Dachorganisation der Menschenrechtsorganisationen Perus arbeitete. Für sie sind die Sterilisationen Menschenrechtsverbrechen, die von der peruanischen Wahrheitskommission, die die Verbrechen aller Bürgerkriegsakteure zwischen 1980 und 2000 dokumentiert hat, schlicht übersehen wurden. Warum ist eine andere Frage. Die Tatsache, dass die Zwangssterilisationen im peruanischen Strafgesetzbuch nicht als Menschenrechtsverletzung aufgeführt sind, spricht jedoch Bände.

Straße in der kleinen Andenstadt Santo Tomás, wo Inés Condori lebt.

Das könnte sich mit dem Prozess gegen Alberto „Kenya“ Fujimori, den mittlerweile 81-jährigen Ex-Diktator (1990-2000), und die ehemaligen Gesundheitsminister Marino Costa Bauer, Alejandro Aguinaga y Eduardo Yong ändern. Die vier sind laut der Anklage für die Entwicklung und den Fokus des Sterilisations-Programms verantwortlich und haben auch die Durchführung überwacht. Persönlich soll sich Fujimori wöchentlich die Zahlen kommen haben lassen und auch Erfolgsprämien für Kliniken, Ärzte und Sozialarbeiter ausgelobt haben. Hintergründe, die Victoria Vigo genau kennt und die beim Prozess ab dem 20. Oktober auch thematisiert werden soll.
Für Victoria Vigo geht es dabei nicht nur um eine Entschädigung, sondern um viel mehr: „Ich will, dass sich die peruanische Regierung bei den zwangssterilisierten Frauen entschuldigt, zugibt, dass sie uns Unrecht zugefügt hat“, sagt sie. Viel Hoffnung, dass der Oberste Verantwortliche, Ex-Diktator Alberto Fujimori, das einsieht, hat sie zwar nicht, aber der Prozess könnte ein Zeichen gegen die Stigmatisierung indigener Frauen setzten.

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