vonClaudius Prößer 24.10.2010

Latin@rama

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Dieses Audio ist zugegebenermaßen von bescheidener Qualität, soll aber nur belegen, dass Sebastián Piñera, wenn er Deutsch vom Blatt liest, ein bisschen so klingt wie Charlie Chaplin im „Großen Diktator“. Immerhin: Auf Englisch parlierte der chilenische Präsident, der seine Kindheit in den USA verbrachte, nicht akzent-, aber weitgehend fehlerfrei, und fremdschämen musste man sich am vergangenen Donnerstag im Audimax der Berliner Humboldt-Universität vor allem über die ebenfalls auf Englisch vom Blatt gestotterten Worte des HU-Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz, der den Staatsgast in seinem Haus begrüßte.

Piñeras Powerpoint-Vortrag über die großen Pläne, die er für sein Land hat, brachte wenig Neues: In den kommenden acht Jahren werde Chile die Armut endgültig besiegen und Teil der Ersten Welt werden – das sage er „mit der gebotenen Bescheidenheit“. Als Besucher der Veranstaltung konnte man sich freilich davon überzeugen, dass Piñera alles ist, aber nicht auf den Mund gefallen: Die Bemerkung seines Vorredners Bengt-Arne Wickström, Prodekan der HU-Wirtschaftswissenschaften, Piñera habe bei der Präsidentschaftswahl 2005 gegen eine ehemalige Studentin der Humboldt-Uni verloren – also Michelle Bachelet -, griff dieser dankbar auf: In der anschließenden Fragerunde mit dem Vorwurf konfrontiert, die Mapuche-Aktivisten im Süden des Landes säßen wegen Pinochets Anti-Terror-Gesetz im Gefängnis, konterte er, betreffendes Gesetz sei a) unter der ersten demokratisch gewählten Regierung nach Pinochet verabschiedet worden und b) unter der Regierung einer ehemaligen HU-Studentin zur Anwendung gekommen.

Wie auch immer – in Chile muss sich Piñera wohl nur selten so vielen unangenehmen Fragen stellen und auf Tuchfühlung mit seinen Gegnern gehen. Die saßen nicht nur im Saal, sondern demonstrierten auch lautstark vor dem Hintereingang der HU und damit klar in Hörweite des Audimax. Dass der Präsident bei einer Rede eine Geräuschkulisse aus Pfiffen und Rufen ertragen muss, wäre  in Santiago unvorstellbar. Am Ende segelten nach studentischer Tradition Flugblätter in den Saal, und obwohl Botschaftspersonal die Protestierenden abdrängte, wurde niemand verletzt oder gar festgenommen. So gesehen, sind Staatsbesuche gar keine schlechte Einrichtung.

Natürlich spielten die 33 verschütteten und mit großem finanziellen Aufwand geretteten Bergleute eine Hauptrolle in Piñeras Vortrag („Wir waren die ganze Zeit besorgt wie um unsere eigenen Kinder“, „Die Rettung ist ein großartiges Zeichen der Solidarität und nationalen Einheit“ usw.). Pikantes Detail: Gleich die erste Frage, die eine in Berlin studierende Chilenin stellte, bezog sich auf den in Chile bekannten Fall des 5-jährigen Kemuel Lobos Contreras. Der Junge aus Arica leidet an einer seltenen Stoffwechselstörung, die ohne medikamentöse Behandlung zu Behinderung und frühem Tod führt. Seine Eltern – der Vater ist Lehrer – können sich die teuren Präparate nicht leisten, das Gesundheitssystem übernimmt die Kosten nicht. Ob, so die Frage an Piñera, das Leben dieses Kindes der chilenischen Regierung nicht auch so viel wert sei wie das der 33 mineros? Die Antwort des Präsidenten wurde in Chile mit freudiger Überraschung aufgenommen: Er wisse darüber Bescheid und könne alle Anwesenden beruhigen – seine Regierung habe sich des Falles angenommen, auch weil sie dem menschlichen Leben eine besonders große Bedeutung zumesse.

In Arica wurde Kemuels Vater dann am Samstag in die Regionalverwaltung bestellt, wo man ihm die frohe Botschaft überbrachte, auf Anweisung des Präsidenten werde die Beschaffung des lebensrettenden Medikaments ein ganzes Jahr lang übernommen, und in dieser Zeit könnten sich die Eltern um eine Lösung kümmern. Ein Jahr also. Wie der Vater des Jungen hier schreibt, war Piñeras Statthalter überrascht, dass das großzügige Angebot nur auf verhaltene Begeisterung stieß. Die Eltern wollen an diesem Montag tun, was sie ohnehin schon länger geplant hatten: bei der spanischen Botschaft in Santiago medienwirksam um humanitäres Asyl bitten.

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