vonericbonse 22.06.2017

Lost in EUrope

Eric Bonse, EU-Korrespondent der taz in Brüssel, schreibt hier all das über Europa und seine Krise(n), was die EU gerne verdrängen würde | Bild: dpa

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Altkanzler Kohl ist tot – und wird von unseren kleinen EU-Politikern sofort als “großer Europäer” vereinnahmt. Auch Kanzlerin Merkel stimmt in den Chor ein. Dabei wollte Kohl ein völlig anderes Europa als sie.

“Die macht mir mein Europa kaputt”1, soll Kohl schon 2011 gesagt haben. Das war auf einem der vielen Tiefpunkte der Eurokrise. Merkel ließ sich damals von Ratingagenturen und Spekulanten treiben.

“Mein Europa” – das bedeutete Kohl viel. Zwar hat er mit der Wiedervereinigung zuallererst Deutschland und den Nationalismus gestärkt – vor allem auf dem Balkan sollte das fatale Folgen haben.

Doch der Altkanzler verstand, dass der Anschluß der DDR nicht zum Nulltarif zu haben war. Er überging die Westmächte, ging danach aber auf Russland und vor allem auf Frankreich zu.

Ob die Einführung des Euro der “Preis” für die Wiedervereinigung war, ist bis heute umstritten. Frankreichs Ex-Präsident Mitterrand nutzte jedenfalls die Gelegenheit, und Kohl schlug ein.

Zwar wurde der Euro zu deutschen Konditionen eingeführt, “3,0 ist 3,0”, tönte Finanzminister Waigel. Aber Kohl wußte noch, dass die neue Währung ohne politische Union nicht funktionieren würde.

Er wollte diese politische Union – im Gegensatz zu Merkel, die dieses Ziel offenbar vergessen hat. Frankreich war für ihn der unverzichtbare Partner – und nicht eine lästige Option, wie für Merkel.

Kohl wäre es nie in den Sinn gekommen, kleine Euroländer wie Finnland oder die Niederlande gegen Frankreich auszuspielen, wie dies Merkel und ihr Adlatus Schäuble in der Eurokrise gemacht haben.

Er hätte auch nicht verstanden, warum Merkel sich ausgerechnet auf die Briten stützt, um ihre Macht in der EU auszubauen. Er wollte kein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland.

Heute hat man schon vergessen, wo der Unterschied liegt…

P.S. Ich habe das alles als Journalist hautnah miterlebt. Als ich 1994 nach Paris kam, war Mitterrand noch an der Macht. Über die Verhandlungen zum Euro habe ich für das “Handelsblatt” und den “Tagesspiegel” berichtet. – Mehr zu meiner Zeit in Paris hier. Mehr zum deutschen Europa hier

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