vonChristian Ihle & Horst Motor 08.06.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Die Veröffentlichungspolitik der deutschen Plattenfirmen wird immer wunderlicher: zunächst verschlief man die Klaxons, deren New Rave Movement in England erstaunliche Erfolge erzielte und sehr wohl auch in Deutschland hätte funktionieren können und ließ The Horrors links liegen, so dass kaum jemand deren Albumveröffentlichung hierzulande mitbekommen hat – dabei zeigt doch die Vergangenheit, dass deutsche Plattenkäufer immer einen soft spot für goth-beeinflußte Musik hatte.

Mit „The Freedom Spark“ treibt man diese Wunderlichkeiten nun auf die Spitze: das vor einem Jahr in England erschienene Debüt der blutjungen Londoner wird nun in Deutschland, wenige Wochen nachdem sich die Band bereits wieder aufgelöst hatte, veröffentlicht. Eine Schande: die späte Veröffentlichung wie die Auflösung der Band!
Denn aus der großen Masse der Libertines-Epigonen ragen Larrikin Love heraus: ihr Sound schuldet dem libertines’schem Ansatz der Punk- und Strokesisierung von Smiths- & Kinks- Songs ebensoviel wie der stilistischen Zügellosigkeit der ganz frühen The Coral. Eine ganze handvoll wahrlich fantastischer Singles war die Folge: Von „Six Queens“ über „Edwould“ bis zum Schaffenshöhepunkt „Downing Street Kindling“ feuerten Larrikin Love eine Spitzensingle nach der anderen in den britischen Untergrund.

Neben dem überbordenden Spielwitz und der Bereitschaft, auch gemeinhin eher verachtete Genres (Ska, osteuropäischen Folk) zu integrieren, sind es Edward Larrikins Lyrics, die ihn aus der Masse der Doherty-Wannabes herausstechen lassen. Während The View darüber singen, ihre Jeans vier Tage am Stück aufzutragen, behandelt Larrikin Mord & Vergewaltigung in „Happy As Annie“, Transsexualität in „Six Queens“ („I was a boy who yearned to be a cover girl“) und Politik wie Revolte. Gerade „Downing Street Kindling“ mit seiner erhobenen Faust unterscheidet sich dabei so willkommen von dem üblichen Romantisieren Englands, das sich von Morrissey über Doherty durch die britische Musikszene zieht. Edward Larrikin besingt mit „but England has nothing more to offer me, well everything that I adore came well before 1984” das Negative im Heute statt sich der sonst üblichen Verklärung des Gesterns, des Englands von Keats, Blake und Wilde hinzugeben. Die schönste Stelle ergreift dabei Wort gegen Blairs Kriegslust: „So I will burn a fire in Westminster using the door of Downing Street. And when Tony rushes out complaining of a draft I’ll let him warm his feet”.
Wenn es an „The Freedom Spark“ etwas zu bekritteln gibt, dann nur die Songabfolge. Indem die Larrikins alle Singles auf die erste Hälfte stellen, ist ein Stimmungsabfall auf Seite B natürlich unvermeidlich. Aber selbst diese Klippe umschiffen sie letzten Endes: als Larrikin Loves Album letztes Jahr in England erschien, war der 2007er Shooting Star Jamie T schon Freund, aber noch ohne Plattenvertrag, so dass er auf „Well, Love Does Furnish A Life“ brav die backing vocals einsang.

Christian Ihle

Anhören!
* Downing Street Kindling
* Ed Would
* Happy As Annie (hier)

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https://blogs.taz.de/popblog/2007/06/08/album-des-monats-mai-platz-1-larrikin-love-the-freedom-spark/

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kommentare

  • mit „yates“ ist hier wohl der ausgesprochen irische william butler YEATS gemeint, dessen sicht auf england im übrigen wenig anlass zur interpretation als verklärung bietet. man hätte im booklet von „the queen is dead“ ruhig mal nachschauen können, wie man den richtig schreibt.

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