vonChristian Ihle & Horst Motor 08.03.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Sambassadeur – Migration

Vor drei Jahren sorgte eine kleine Gruppe von Indie-Bands in Schweden dafür, dass aus Lo-Fi plötzlich Big Business wurde. Sambassadeur waren eine davon…

Gut, übertreiben sollte man vielleicht nicht. Zwar fand man sich in den Charts wieder – und das mit einem verspielten, melancholischen Indie-Lo-Fi-Pop-Album. Verkehrte Welt herrschte aber schon immer in Schweden. Und gerade Bands aus dem Labrador-Umfeld haben das in ihrem Heimatland geschafft, wovon hierzulande nur geträumt werden kann. Aus Sambassadeur sind aber keine neuen Mando Diao geworden, Gottseidank nicht. Das liegt schon am musikalischen Genre, dem man sich verpflichtet fühlt – Indie-Pop erster Güte – sondern auch am Labrador-Umfeld. Das Label ist seit zehn Jahren Geschmackslieferant. Pelle Carlberg, Acid House Kings, Suburban Kids With Biblical Names und The Mary Onettes heißen die Aushängeschilder. Seit neuestem sollten auch Sambassadeur dazugezählt werden, die sich nahtlos in den Label-Rooster einfügen. Potenzielle Sommerhit-Gefahr beim Opener „The Park“, der mit Mellotrom und Anna Perssons Gesang formvollendet die Adoleszenz feiert und gleichzeitig in düsteren Farben die Zukunft an die Wand malt. „We were hanging in the park at night / making comments on the people passing by / and the colour of the sky / an image that stuck in my mind … I’m not sure the morning ever arrives“. Wer noch mehr schwungvolle Melancholie braucht, wird auch beim Rest des Albums fündig. „Subtle Change“ gallopiert quietschfidel durch den Sonnenuntergang und lässt den Hörer mit geschickten Streichern links liegen. Der Titelsong „Migration“ ist schwermütiger 80s Indie-Pop, „Final Say“ packt die Cure-Synthies aus und das Instrumental „Calvi“ ganz am Schluss lässt das Herz noch einmal so richtig schwer werden. Rundum gelungene Pop-Wundertüte mit Hang zur Schwermut, aber nicht zur Theatralik. Sowas sollte auch bei uns mal in die Charts… (Robert Heldner)

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Murder – Stockholm Syndrome

Verwirrend präsentiert sich die dänische Band Murder. Bandname und Albumtitel (der Fachbegriff für eine positive emotionale Beziehung von Opfern zu Ihren Geiselnehmern) sowie die skandinavische Herkunft, die andere Bands gerne zu Exkursen in Schweinerock und Hell’s Angels Party verpflichtet, konterkarieren sie durch ein schwarz-weiß Foto auf dem Cover, das die eine männliche Hälfte des Murder-Duos in einem weißen Brautkleid mit Sträußchen zeigt.

Die Musik ist demnach auch gar nicht Schweinerock, niemals auf die zwölf, aber andererseits auch keinesfalls dem modernen wimp zugetan, die Metrosexualität feiernd, sondern düsterer Folk. Auch wenn man gerade den Johnny Cash Vergleich hier nicht ziehen will, ist es doch die Herangehensweise von Cash und Konsorten, die sich in Murders Balladen wiederspiegelt. (Christian Ihle

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Kat Frankie – Pocketknife

Von einer Berliner Folk-Szene zu sprechen, ist vielleicht ein wenig optimistisch. Ein zweites Greenwich Valley wird es wohl auf absehbare Zeit nicht geben, die Zeiten sind anders. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, immerhin stechen dann Songwriterinnen wie Kat Frankie heraus.

Verdient hat sie jede Aufmerksamkeit. Im Dezember kam Frankie aus dem amerikanischen Sydney ins verschneite (oder zumindest eiskalte) Berlin und blieb dann tatsächlich hier. Zuhause scheint sie hier jedenfalls inzwischen zu sein. Das Berliner Label Solaris Empire hat sie unter die Fittiche genommen, ihr ein bischen Stadt und Land gezeigt und nun gibt es doch tatsächlich das erste Album zu vermelden. In guter Gesellschaft kommt Kat Frankies „Pocketknife“ heraus und dürfte sich schnell zum Aushängeschild des kleinen Labels mausern. Bernhard Eder hat es mit den Living Room Sessions vorgemacht, jetzt ist die anmutige Australierin am Zug und meistert den Koloss Debüt-Album ordentlich. PJ Harvey-ish heisst es in ihrer Heimat. Und das kommt ihren eigenartigen, etwas sperrigen, immer aber aufwühlenden Songs ziemlich nahe. Was als bloße Akustiksongs wahrscheinlich etwas blass gewirkt hätte, wird mit der Backing Band, bestehend aus Steffen Schlosser, Ben Kahn, Karen Weber und Chris Weber, veredelt und schafft dann Kleinode wie „The Tops“. Beatles habe da Pate gestanden. John Lennon hätte Kat Frankie, vorausgesetzt sie wäre da schon am Leben gewesen, sicherlich mal in sein weißes Wochenendhaus eingeladen.

„Pocketknife“ sollte man am besten mit offenem Fenster hören. Nicht nur, weil die Songs ein gewisse Urbanität voraussetzen und sich perfekt in den nachmittäglichen Geräuschpegel einer mäandernden Großstadt einfügen, sondern auch und vor allem, weil jemand, der zufällig vorbeikommt, vielleicht stehen bleibt und den anmutigen Songs lauschen mag. Auf jeden Fall sollte die Fremde Person dann bis „Treading Water“ warten. Da wünscht man sich nämlich dringlichst eine Berliner Folkszene. So schön und so gekonnt ist hier noch kaum jemand an Aimee Mann, Martha Wainwright, Kate Bush und Nick Drake herangekommen. (Robert Heldner)

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