vonChristian Ihle & Horst Motor 11.03.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Douglastannen, Kirschkuchen, verdammt guter Kaffee und die schönste Wasserleiche der Weltgeschichte: Welcome To Twin Peaks, Population 51.204

Der 10. September 1991 ist ein historisches Datum in der deutschen Fernsehgeschichte: die Erstausstrahlung von Twin Peaks auf RTLplus. Nicht nur markiert Twin Peaks einen der ersten Gehversuche der damals noch recht herumflegelnden Privatsender in dem Reich des Seriösen, sondern auch den ersten Medienhype um eine noch nicht gestartete Serie, der sogar so weit ging, dass Sat1 den Mörder der zentralen Figur Laura Palmer veröffentlichte, um RTL zu schaden.
Aus einer relativ normalen Krimi-Exposition bildet sich über 31 Episoden der von David Lynch erfundenen Serie eine immer seltsamer werdende Welt heraus, die bis zum heutigen Tag in Film & Fernsehen oft nachgeahmt, doch leider nie mehr erreicht wurde.

Wie alles begann

Laura Palmer, die Ballkönigin der amerikanischen Kleinstadt Twin Peaks, wird in einen Plastiksack gewickelt als Wasserleiche gefunden. FBI Agent Dale B. Cooper, der eine Vorliebe für Kirschkuchen und „verdammt guten Kaffee“ pflegt, wird hinzugezogen und fährt in das beschauliche, von Douglas-Tannen umrahmte Twin Peaks. Nach und nach werden die liebevoll-skurril gezeichneten Bewohner des Städtchens vorgestellt, deren Lebensgeschichten auf vielfältige Weise miteinander verwoben sind.
Folge um Folge wird Beziehungsgeflecht um Liebesaffäre aufgedeckt während parallel – mehr gleichberechtigt, denn im Vordergrund stehend – das FBI seine Ermittlungsarbeit aufnimmt.

Die Kleinstadt als Mikrokosmos der USA

Wir Zuschauer lernen gemeinsam mit Neuankömmling Dale B. Cooper die Wunderlichkeiten und Eigenheiten der Stadt und ihrer Bewohner kennen und tauchen Stunde um Stunde tiefer in den Kosmos Twin Peaks ein. Das wahrlich meisterhafte ist die Verquickung der verschiedensten Seriengenres zu einem großen Ganzen, das in sich stimmig, obwohl voll von Subversivität, Absurdem und Surrealem ist. „Das Geheimnis von Twin Peaks“ ist nicht nur who killed Laura Palmer? sondern auch, dass jeder Zuschauer „seine“ Serie daraus macht: es gibt eine Thriller-Serie wie die Daily Soap, Mystery- wie Coming-Of-Age-Handlungsstränge, absurde Komik, familiäre Tragik, Brutalität wie Liebe, Intrigen und Beschaulichkeit.
Der rote Faden der Serie ist natürlich die große Suche nach dem Mörder von Laura Palmer und für die Antwort zieht Dale B. Cooper Träume, Zen-Techniken und Beschwörungen zu Rate, auf die man sich dank des vollständigen Eintauchens in die Twin Peaks – Welt einlässt und Tage darüber nachdenken kann, was „through the darkness of futures past, the magician longs to see. One chants out between two worlds: Fire Walk With Me.“ bedeuten mag.

Die Visionen werden gen Auflösung hin häufiger und insbesondere die Figur BOB, eine der furchteinflößendsten Gestalten, die das Fernsehen geschaffen hat, dringt immer weiter in das normale Kleinstadtleben ein, das von einem undefinierbar Bösen, das schon immer in den Wäldern um Twin Peaks gehaust haben soll, tiefer erschüttert ist als es die mühsam aufrecht erhaltene Fassade des Kleinbürgertums zeigen mag.

Eine eigene Welt, eine eigene Zeit

Twin Peaks spielt dabei in einer eigenen Zeit. Die Kleinstadt und ihre Bewohner leben in einer Art 50er-Jahre-Welt, obwohl die Serie fraglos in der Gegenwart spielt. Dieser Kunstgriff David Lynchs unterstützt einerseits bereits das surreale Gefühl, das später durch die Plotentwicklung affirmiert wird und spielt andererseits auch auf der Storyebene eine Rolle. Die 50er Jahre repräsentieren die Zeit, in der noch alles gut war und doch ist all das nur Fassade. Das Böse und Schlechte, die Verderbtheit hat längst Einzug gehalten in Twin Peaks.

David Lynch hatte einige Jahre zuvor mit dem gefeierten Film „Blue Velvet“ eine ähnliche Thematik – der seedy Untergrund, auf dem die Bourgeoisie lebt und den sie verzweifelt versucht unter der Oberfläche zu halten – abgehandelt, war aber in letzter Konsequenz nicht so weit gegangen wie in Twin Peaks. Bis einschließlich Folge 18 („Selbstjustiz“), in der Laura Palmers Mörder gefasst wird, ist Lynchs Serie allen vergleichbaren Fernsehmehrteilern meilenweit überlegen. Insbesondere die Folgen 3, 16 und 18 sind so intensiv, dass sie selbst den großen Bruder Kino überragen und auch innerhalb des David-Lynch-Oeuvres zum Besten gehören.

Bahnbrechend neben dem gut entwickelten Drehbuch, dem Twin Peaks seinen Facettenreichtum verdankt, sind immer wieder die Regie, die überraschende Bilder findet und die Besetzung. Kyle MacLachlan in der besten Rolle seiner Karriere als Dale B. Cooper, Lara Flynn Boyle (als Donna Hayward), Sherilyn Fenn (Audrey Horne), James Marshall und Dana Ashbrock als jugendliche Rebellen zwischen James-Dean-Kopie und Marlon-Brando-Reminiszenz, Richard Beymer in seiner wundervollen, oftmals unterschätzten Rolle als Großrundbesitzer oder auch die vielen kleinen, liebevoll gezeichneten Nebenrollen (von denen eine von Lynch selbst gespielt wird) hauchen dem Buch das nötige Leben ein und bereiten den Boden für die metaphysische Ebene, die man nur deshalb zu akzeptieren bereit ist, weil die menschliche so überzeugend funktioniert.

Gut gegen Böse, Jung gegen Alt

Auch auf popkultureller Ebene funktioniert Twin Peaks, da es so entschlossen wie kaum eine andere Serie zuvor die Selbstreferentialität des Fernsehens spiegelt und andere Serien in kleinen Anspielungen einführt oder zitiert (so trägt beispielsweise die Schlüsselfigur des einarmigen Mannes den Namen „Gerard“, was wiederum der Name des Polizisten ist, der in der legendären Thriller-Serie „Auf der Flucht“ Roger Kimble verfolgt, der wiederum nach dem einarmigen Mörder seiner Frau fahndet).

Das Besondere an Twin Peaks ist aber neben all den schönen Nerd-Ratereien und Referenzhöllen das bereits angesprochene Nebeneinander der verschiedenen Serienformen. So wird Twin Peaks auch beim x-ten Durchlauf nicht langweilig, weil immer wieder ein anderer Handlungsstrang hervortritt, der wiederum der Serie eine andere Anmutung gibt. Der erste Durchlauf beschränkt sich normalerweise auf das Wahrnehmen der Thriller- und Mysteryebene, während bei späterem Anschauen der Serie der politische, gesellschaftskritische Subtext hervortritt oder das Coming-Of-Age-Drama der Jugendlichen von Twin Peaks in den Mittelpunkt rückt. Das Böse, das in Twin Peaks von den Schönsten und Besten der Heranwachsenden Besitz ergreift, es steht für das Erwachsenwerden, das das einfache, vielleicht naive, aber immer gute Leben der Jugend vernichtet. Selten wurde der Generationenkonflikt mit soviel Wucht im Fernsehen ausgetragen.
There is nothing nice in my head / the adult world took it all away.

(Christian Ihle / der Text erschien ursprünglich im Fanzine Pittiplatsch3000)

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Nach langen Jahren des Wartens ist nun seit einigen Monaten die komplette Twin-Peaks-Serie auf DVD erhältlich. Wer bisher noch nicht twinpeaksifiziert wurde, möge zugreifen. Alle anderen haben sich die Twin-Peaks-Box wahrscheinlich sowieso gekauft.

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