vonChristian Ihle 28.02.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Pavement – Brighten the Corners (re-release)pavement

Es war am 3. April im Jahre 1994 als der großartige Fernsehmoderator und MTV-Reporter Toby Amies in seiner bahnbrechenden Fernsehsendung „120 Minutes“ eine junge amerikanische Band eingeladen hatte. Nachdem Amies die Videoclips zu „Divine Hammer“ von den Breeders und „Animal Nitrate“ von Suede gespielt hatte, stellte er die seiner Studiogäste Pavement vor.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=uTLBFeopQGQ[/youtube]

In diesem Moment nahm mein Leben eine neue Richtung. Ich hatte eine Lieblingsband gefunden. Das wusste ich nicht erst als „Stop Breathin’“ live im Studio gespielt wurde und auch nicht erst gegen Ende der Sendung als die Band aus Stockton / Kalifornien ihre Single noch einmal live intonierte. Ich wusste das, als die erste Minute von „Cut your hair“ vorbei war. Das hier war für mich. Weniger bekifft als die gerade hippen Grunge-Bands, nicht so weibisch wie die Lemonheads, ohne das ellenlange Gitarren-Gekniedel von Dinosaur jr. und selbst für die Melodien ließen sich Pavement mehr Zeit als es Sonic Youth damals taten. Trotzdem klang alles wie hingeschmissen. Großartig. „Sophisticated“ war der englische Ausdruck, der die Musik von Pavement am besten traf. „Sophisticated“ übersetzt mit „differenziert“, mit „durchdacht“, mit „mondän“, „weltklug“ und „schwierig“. Das war Pavement. Das war meine Musik.

Als Pavement wenig später in der Münchner Charterhalle spielten, schrieb ein Redakteur der Zeitschrift Musikexpress in seiner Konzert-Kritik, dass Fans, die in der völlig überfüllten Halle aus den vorderen Reihen irgendwann nach hinten kamen, wie Helden verehrt wurden. Da vorne war das Licht. Und wer es in dessen Nähe schaffte, war… war.. war… keine Ahnung, mir sollte egal sein, was da hinten geredet, gedacht oder verehrt wurde. Ich stand die ganze Zeit über in der ersten Reihe, direkt vor Stephen Malkmus.

Pavement veröffentlichten bis zum Jahr 1999 noch drei Alben. Nur eines reichte aber noch einmal an „Crooked Rain, Crooked Rain“ (das mit „Cut your Hair“) ran. Moment. Diesen Satz könnte man in den falschen Hals bekommen. Jedes der fünf Pavement-Platten ist mindestens ein in Stein gemeißeltes Jahrhundertalbum. Nur muss man bei „Wowee Zowee“ und „Terror Twilight“ minimalste Abstriche in Kauf nehmen. Geschenkt.

„Brighten the Corners“ war jedenfalls wieder ein Album, dem man 101 von 100 möglichen Punkten geben mochte. „Type slowly“, „Shady Lane“ und vor allem das von Scott Kannberg geschriebene und gesungene „Date w/ Ikea“ waren Songs, nach denen man sein Leben ausrichten mochte.

(Der Autor dieser Zeilen macht gerade eine mehrminütige Pause, um zur John Peel Session-Version von „Date w/ Ikea“ durchs Zimmer zu hüpfen)

Nachdem sich Pavement aufgelöst hatten, erschienen im Zwei-Jahres-Rhythmus Neuauflagen der Pavement-Alben. Immer als Doppel-CD, immer mit einer Unmenge an unveröffentlichten Songs, Live-Versionen, Variationen und Outtakes. Gerade erschien „Brighten the Corners – Nicene Creedence Edition“. Genauso wie jede andere Pavement-Platte bekommt diese Doppel-CD einen Schrein. Und wird regelmäßig herausgenommen, um abgehört zu werden.
Und: Ein Jahr nach der entscheidenden 120 Minutes-Sendung mit Toby Amies kam „Digital ist besser“, das erste Tocotronic-Album, auf den Markt. Nur mal zum Vergleich: für die Re-Issue-Ausgaben sämtlicher Tocotronic-Platten hab ich mich nie interessiert.

Wisst ihr, was ich meine?

Im Netz:
* Indiepedia

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Ter Haar – Delta

ter haar

Es war beim Mamallapuram-Festival 2007. Ein paar Jungspunde, die sicher noch zur Schule gehen mussten, kletterten auf die Bühne und nahmen ihre Instrumente auf. Von hinten erklärte jemand, dass das nur der kleine Bruder von einem anderen Musiker sei, der hier auch noch auftreten werde und dass Ter Haar wohl nur auftreten dürfen, weil familiäre Beziehungen eine Rolle gespielt haben. Noch bevor ich dem Satz zu Ende gelauscht hatte, brach ein Post-Rock-Gewitter aufs Publikum nieder. Gespielt von Buben, denen man kaum ansah, dass sie „Rock“ überhaupt schon ausreichend definieren können. Was da aus den Lautsprechern kam, war reif und komplex.
Eineinhalb Jahre später erscheint, nach einer schon sehr empfehlenswerten E.P. („A Fryhole“), mit „Delta“ das Debütalbum von Ter Haar; und steht der Postrock-Appokalypse vom Mamallapuram-Festival in nichts nach. Mehr noch. Die Stücke sind vertrackt, kompliziert und bilden eine Schnittmenge aus den befreundeten Bands SDNMT, Kate Mosh und Bodi Bill – dargeboten auf Gitarre, Bass und Synthesizer. (Säm)

Anhören:
* Yatzy
* Gletscher

Im Netz:
* Indiepedia
* MySpace
* Homepage

Texte: Säm Wagner

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