vonChristian Ihle 08.08.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Entgegen allen zynischen Erwartungen betritt Pete Doherty die Bühne auf die Minute pünktlich und in bester Verfassung. Dem Aussehen nach zu urteilen, gehört Heroin derzeit tatsächlich der Vergangenheit an – folgt man der alten Doherty-Faustregel: dürrer Pete = Heroin, dicker Pete = kein Heroin…

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Im in der Zwischenzeit traditionellen schwarzen Anzug mit Hut und Krawatte gekleidet, deutet schon der erste Song darauf hin, dass Doherty tatsächlich eine Setlist präsentieren wird, die wild aus seinen verschiedenen Alben spielt statt sein neues Soloalbum vorzustellen. Das von Drugbuddy Wolfman geschriebene „For Lovers“ singt Doherty allein mit Akustikgitarre auf der Bühne – und dabei wird es auch den restlichen Abend über bleiben. Nur Doherty, eine Gitarre und eine Flasche Rotwein. Keine Band, keine Unterstützung, er allein auf der Bühne des riesigen Flugzeughangars. Lediglich zwei in einen alten Union Jack gewickelte Balletttänzerinnen bereiten als Bühnenfee eine Abwechslung.



Die Hut-Dichte im Publikum ist angenehm gering (circa zwei aus 1000) und doch verwundert es enorm, dass ausgerechnet der zwar gute, aber im Rahmen von Dohertys Backcatalog sicher nicht herausragende Song der Babyshambles, „Delivery“, den größten Applaus des Abends erhält. Deutschland ist eben doch ein Shambles- und kein Libertinesland. Blame it on Kate Moss. Wobei festzuhalten bleibt, dass „Delivery“ in der Akustikversion deutlich gewinnt, da die The-Kinks-Hommage des Gitarrenriffs nicht mehr so stark den Song dominiert (vergleichbar etwa mit der frühen Demoversion aus den Jim & Stookie Bumfest Sessions). Dass Doherty aber seinen backcatalog bis zu seiner ersten Single überhaupt („What A Waster“) durchwühlt, seine unvergängliche Hymne „Time For Heroes“ spielt, das alte Babyshambles-Versprechen „Killamangiro“ spielt, „Music When The Lights Go Out“ als weiteren Höhepunkt präsentiert und auch die verlorene große Libertines-Single „Don’t Look Back Into The Sun“ nicht vergisst, bringt alle Phasen seines Songwritings in ein einziges Konzert.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=c3vdQtV9AdU[/youtube]
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Leicht skurril wird es, als Doherty „1939 (Returning)“ von seinem neuen Album spielt, das die Geschichte eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg erzählt. Es ist schon bizarr, Teile einer Halle im Flughafengebäude Tempelhof „Dragged out of the frozen Rhine / For the Motherland / and the third reich“ oder „In 1939, for Germany / he sacrificed his life“ singen zu hören. Wäre interessant zu wissen, ob sich Doherty der Ironie bewusst ist, diese Textzeilen in Berlin von einem deutschen Publikum zu hören…

Als Doherty zu „Salome“ von der Bühne geht, zählen wir in Gedanken noch einmal zusammen, wieviele wichtige Momente er trotz der großartigen Songauswahl nicht gespielt hat (Albion, Death On The Stairs, Fuck Forever) und bleiben dann doch bei dem Fazit: ein sehr gut gespieltes Konzert, dessen Songauswahl im besten Sinne unberechenbar war und wie sehr man sich wünschen würde, so einen Auftritt auch in Deutschland in einem intimeren Rahmen erleben zu dürfen.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=wuotGugiHIw[/youtube]
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Setlist (ohne Reihenfolge):
* For Lovers
* Arcady
* Back From The Dead
* Hired Gun (Cover von Lefthand)
* Don’t Look Back Into The Sun
* Music When The Lights Go Out
* Killamangiro
* What Katie Did
* Delivery
* The Last Of The English Roses
* Lady Don’t Fall Backwards
* Palace Of Bone
* I Love You But You’re Green
* Time For Heroes
* What A Waster
* Can’t Stand Me Now
* 1939 Returning
* The Man Who Would Be King
* Salome

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=PfSitgELdP8[/youtube]
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(Text: Christian Ihle, Foto: Martin Brommont)

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https://blogs.taz.de/popblog/2009/08/08/pete_doherty_solo_in_berlin/

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kommentare

  • Am 2. September 2009 präsentiert ALEX um 20:45 Uhr den Auftritt von Peter Doherty beim Berlin Festival 2009 in einem Urban Music-Spezial noch einmal in voller Länge.

    Peter Doherty war beim diesjährigen Berlin Festival auf dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhof einer der Headliner. Die Spannung war groß, ob das „Enfant Terrible“ der britischen Musikszene überhaupt anreisen würde. Pünktlich um 00:30 Uhr stand Peter Doherty auf der Hauptbühne und präsentierte sein Soloalbum „Grace / Wasteland“ in einer akustischen Version.
    Der 30-jährige, ehemalige Sänger der britischen Band „The Libertines“ wurde auf der Bühne von zwei Tänzerinnen mit einer ausgefallenen Choreographie begleitet – eine ganz besondere Atmosphäre. ALEX war mit seinem mobilen Fernsehstudio dabei und hat das komplette Konzert aufgezeichnet.

    Sendetermine bei ALEX:
    2. September 2009, 20:45 Uhr
    4. September 2009, 08:00 Uhr
    6. September 2009, 14:45 Uhr

    Außerhalb Berlins kann man ALEX leider nicht empfangen. Das Konzert könnt Ihr trotzdem sehen: über den ALEX Livestream unter http://www.alex-berlin.de!

  • aah ich freue mich schon so auf das konzert im November (München)

    Hoffentlich spielt er death on the stairs

  • Stimmt. Sehr seltsame Reaktion (und sicher nicht die von 75 % im Hangar), das Publikum folgte sicher seinem Geschmack und nicht Wenige waren, das auch sicher, NICHT wegen der Headliner Doherty (oder Jarvis Cocker am anderen Tag) da – gut so! Weshalb es sogar relativ intim war, wie ich fand… ansonsten war ich wirklich, wirklich angenehm von Dohertys Zustand (okay, über das dick? könnte man… aber), Setlist, Atmosphäre usw. überrascht, es war nach dem vielen Warten vor irgenwelchen Hallen oder dann wieder doch abgesagte Termine von The Libertines ff das Geld für das gesamte Festival wert… allein das übliche, eine Zugabe (die es, wie das Set lief, vermutlich hätte geben können, so gut gelaunt usw. es war) verhindernde Technogewummse, das den abrupten Abruch signalisierte, störte nach so einem stimmungsvollen Konzert doch ein wenig arg.

  • Und zu überbewertet etc.: das ganze war ja von vornherein als Solo-Akustik-Gig angekündigt. das hat man bekommen. dazu noch eine bemerkenswerte Setlist und einen topfitten Doherty. versteh nicht ganz, was man ansonsten erwartet hat?

  • Ekel, ruhig mal bedenken, dass es sich hier um ein Blog handelt – das darf voll subjektiv vom Autor ausgewählte Themen besprechen und sich nen Dreck um die Allgemeinheit scheren.

    Fern dieses allg. Hinweises erachte ich Petes Auftritt auch für brutal überbewertet.
    Moderat waren in der Tat das Highlight des ersten Tages, nachdem die sonst wunderbaren Bodi Bill durch verfrühten Slot und allg. schlechten Sound nicht das bieten konnten, was sie sonst drauf haben. Junior Boys sind aber auch allg. wieder ziemlich überbewertet.

    Herr Ihle, was macht Tag 2!?

  • ich fand den auftritt sowas von arm!

    solo und mit wandergitarre bewaffnet, könnte er vielleicht im white trash auftreten, aber als headliner auf der mainstage fand ichs beschämend.

    bob dylan könnte das vielleicht bringen, aber so, nee!

    gefühlte 75 % im hangar waren da glaube ich auch meiner meinung, gemessen an der fluchtbewegung.

    dass nur sein auftritt hier besprochen wird u die tatsächlich interessanten unerwähnt bleiben, moderat, bodi bill, junior boys ist bei dem geschmack u der checkung des herausgebers hier ja auch nicht weiter verwunderlich…

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