Auf den ersten Blick: eine Himmelshochzeit! Da feiert das indier-than-thou-Festival All Tomorrow’s Parties seinen zehnjährigen Geburtstag und verpflichtet den Über-DIY-Regisseur Jonathan Caouette („Tarnation“) für eine Dokumentation. All Tomorrow’s Parties versteht sich als das „andere Festival“: alles, was den gemeinen Cordhosen- & Kastenbrillenträger auf ROCK-Festivals nervt, wird eliminiert. Übernachten in Chalets, keine kommerzträchtigen Headliner, sondern von Künstlern kuratiertes Programm! Gibt man nun Caouette die Aufgabe, eine „Dokumentation“ zu drehen, darf es nicht wundern, wenn keine geradlinig erzählte Geschichte eines Festivals präsentiert wird, sondern eine Collage aus zehn Jahren Festivalgefühl. Und natürlich gibt es kein besseres Argument pro ATP als Daniel Johnston nachmittags auf einem Rasen sitzend Gitarre spielen zu sehen. In diesen Momenten wird die Idee des ATP als antikommerziellem Festival deutlich, die auch mittels Gesprächen über die Abschaffung des Kapitalismus auf der Tonspur befördert wird. Doch wird jene Idee des Antikommerziellen nie wirklich ausformuliert. Wir erfahren nichts über die Hintergründe, ob ATP sich nun tatsächlich in der Finanzierung von anderen Festivals unterscheidet, wir wissen nie, ob ATP nicht doch nur geschickte Vermarktung des „anderen Festivals“ ist oder ob Altruismus tatsächlich dem Kapitalismus eine lange Nase dreht.
Das wäre nur halb so schlimm, würde Caouette auf der atmosphärischen Ebene seiner Collage überzeugen, doch nach schönem Einfangen der Ferienlagerstimmung zu Beginn wird die beliebige Aneinanderreihung von Bühnenauftritten und Strandspaziergängen ermüdend wie eine Endlosinstallation in einem Museum.
(Christian Ihle)
Der Text ist ursprünglich in der neuen Ausgabe des OPAK Magazins erschienen: