vonChristian Ihle 26.05.2010

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Of Flight And Fury“ heißt das zweite Album des Kammerquintetts The Miserable Rich. Es handelt von Drogen, Wut, Sommer, Hoffnung und Schmerz und ist eine ziemlich gute Sozialstudie zur Finanzkrise. Bevor die Männer aus Brighton ein großartiges Showcase in einer Berliner Fabrikwohnung ablieferten, verriet uns Sänger James de Malplaquet seine Theorie zum Grunge, seinen persönlichen Titelsong für die WM 2010 und seine Lieblingsdrinks.

Popblog: Woher kommt der Albumtitel „Of Flight And Fury“?

James de Malplaquet: Viele Leute haben ein anstrengendes Jahr hinter sich, nicht nur wir. Die Wut über die Finanzkrise war deutlich spürbar. Der Albumtitel handelt von dieser Wut. Aber auch von Eskapismus in Form von Romantik, Poesie und Drogenmissbrauch. Unsere Musik hat ebenfalls zwei Seiten: die eine ist leidenschaftlich, brutal und aufgeladen, die andere sehr sanft und gelassen.

Ihr vertretet die Theorie, dass aus wohlhabenden Ländern überwiegend traurige und aus ärmlichen Ländern fröhliche Musik kommt.

James de Malplaquet: Die Theorie ist nicht absolut. Aber es ist erwiesen, dass in Kriegszeiten aus Europa sehr viel fröhliche Musik kam. Meiner Meinung nach steht amerikanische Grunge-Musik für den Höhepunkt westlichen Reichtums. Diesen Höhepunkt haben wir vermutlich jetzt hinter uns gelassen – vielleicht bewegt sich bald wieder was. Deutsche, optimistische Filme wie „Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Good Bye, Lenin!“ sind genau in den Jahren herausgekommen, in denen es Deutschland schlechter ging.

Wenn wir uns an die Theorie halten, was wäre dann der perfekte Sound für das gegenwärtige England?

James de Malplaquet: Der Sound der frühen 80er-Jahre, Post-Punk und andere nihilistische Musik. Es gibt ja aktuelle genügend Bands, die solche Stücke schreiben.

Wie lässt sich die große Begeisterung für Folkpop-Bands wie Mumford & Sons oder The Avett Brothers sowie für Karohemden erklären?

Will Calderbank: Folkmusik ist sehr real und orientiert sich an den Wurzeln. Scheinbar ist den Leuten das moderne Leben zu künstlich geworden.

Wenn „Of Flight And Fury“ eine Jahreszeit wäre – welche?

James de Malplaquet: Frühling. Das neue Album ist sehr energetisch, auf jeden Fall temperamentvoller als das erste. Vor allem Songs wie „Sommerhill“ und „Chestnut Sunday“.

The Miserable Rich touren momentan sehr viel. Wie verdient ihr euren Lebensunterhalt?

James de Malplaquet: Wir befinden uns gerade in einer schwierigen Situation: Wir sind zu beschäftigt für einen normalen Job, verdienen aber mit unserer Musik nicht genug Geld für fünf Menschen. Ich unterrichte nebenbei Englisch als zweite Fremdsprache, Rhys unterrichtet Musik und spielt in so vielen Bands wie möglich. Jim arbeitet in einem Call-Center für Autoversicherungen. Und Mike – niemand weiß, wie Mike überlebt, nicht mal er selbst.

Der bisher außergewöhnlichste Ort, an dem ihr aufgetreten seid?

James de Malplaquet: Das war in Frankreich. Wir rasten zu einem Auftritt in Lyon, weil wir zu spät dran waren. Die Veranstalter riefen panisch an, wir verfuhren uns – ich hatte schreckliches Herzrasen vor lauter Angst, die Show zu verpassen. Schließlich holte uns jemand ab und sagte: „Ich fahre euch jetzt in die Kindertagesstätte.“ Wir lachten noch über den originellen Namen der Location, doch als wir ankamen, war es wirklich ein Kinderhort. Es warteten Zeitungs- und Radioreporter auf uns, und jemand informierte uns darüber, dass wir vor 18- bis 36-Monate alten Kindern spielen würden. Danach wurden wir zum eigentlichen Festival gefahren.

Wenn ihr die Wahl hättet: Was wäre euer WM-Song 2010?

James de Malplaquet: „Double Dutch“ von Malcolm McLaren, weil er gestorben ist. Ich weiß, dass ich das nicht sagen darf, weil ihr Deutschen die Niederländer hasst.

Ihr seid ein Teil von Brightons Musik-Community Willkommen Collective. Woher kommt der Name?

James de Malplaquet: Er kommt von Will (Calderbank, Anm. d. Red.), weil Will in so vielen Bands der Community mitspielt. Die Bands haben alle Will gemeinsam („Will in common“) – daher kommt der Name. Ein früherer Vorschlag war „Where there’s a Will, there’s a way“.

Der erste Song eurer Band war „Pisshead“. Was sind eure Lieblingsgetränke?

James de Malplaquet: Cider, Rum, Margherita, Rotwein und Bloody Mary.

(Interview: Silvia Weber)

Auf der Bühne:
* 22. Oktober 2010 im Rahmen der Hazelwood Beyerdynamic Roadshow im Roten Salon der Volksbühne

Das neue Album „Of Flight & Fury“ ist bereits erschienen.

Im Netz:
* MySpace

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