vonChristian Ihle 13.07.2010

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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“We only write about two feelings: one is the first day of summer when you and all of your friends are standing on the edge of a cliff watching the sun set and being overcome with all of your hopes and dreams at once. The other is when you’re walking alone in the rain and realize you will be alone forever.”

Schöner hätten die Drums diese Sätze nicht untermauern können als mit ihren ersten beiden richtigen Veröffentlichungen. War die Summertime EP noch eine musikalische (wenn auch zuweilen nihilistische) Zelebrierung der Sonnentage, so bringt das Debütalbum die dunklen Seiten mit Vehemenz in den Vordergrund. „Best Friend“ eröffnet das Album und während man noch fröhlich die beschwingte Melodie mitsingt, merkt man dass es sich um einen Nachruf handelt („You are my best friend, but then you died / When I was 23 and you were 25“). Es ist ein Schock, wie meisterhaft die jungen Amerikaner es verstehen, Melancholie und Lebensfreude gleichzeitig zu verbreiten.

drums

Musikalisch inspiriert von Joy Division, den frühen The Cure und New Order sowie Beat Happening gelingt ihnen diese bizarre Kombination aus Trauer und Freude auf musikalischer Ebene. So nehmen die Drums selbst im Lo-Fi-Universum eine Sonderrolle ein: einerseits sind ihre Stücke durchaus klar strukturiert und verzichten auf die Feedback-Wände, die die meisten Kollegen über ihre Songs legen, andererseits ist die gnadenlose Reduktion auf das Notwendigste eben auch ein Wesenszug des Lo-Fi-Genres. Die Drums (also die Percussion) sind dünn und drumcomputergleich, die Gitarrenlinien spindeldürr und werden hauptsächlich von den New Order – Bassläufen getragen – gleichzeitig gelingt es den Drums (der Band) aber, aus dem großen Melodiefundus der 50er und 60er zu schöpfen, so dass all dem musikalischen Minimalismus immer ein erstaunlicher Melodiesegen entgegensteht.

Textlich sieht es zuweilen recht trist aus. Dass sterbende Freunde nicht zu himmelhochjauchzenden Lyrics verleiten sollte nicht wundern, aber Sänger Jonathan Pierce wird ja nicht einmal glücklich, wenn er sich in eine frische Beziehung stürzen darf beziehungsweise sich endlich aus einer schlecht laufenden lösen kann – im Gegenteil: die Liebe, die Sau, macht alles nur noch schlimmer („I thought my life would get easier, instead it’s darker, instead it’s getting colder… without you“).

Dieses Spannungsfeld ist es auch, was die Drums so interessant macht und sie bei weitem über das erhebt, was man auf den ersten Blick bei dieser Ansammlung von Poster Boys mit instant success erwarten würde. Sie besitzen eine Tiefe, dank der sie weitaus ehrlicher wirken als man anfangs glauben mag. Auch die Entscheidung, sich trotz guten Aussehens und coolem Style durchaus via ihrer Liveshows und Videos (das Tanzen in „Best Friend“, meine Herren!) der Lächerlichkeit preisgeben zu wollen, verstört und überrascht – und mag sicher den einen oder anderen abschrecken, andere aber sogar noch stärker faszinieren.

Dem Mut, kaum Songs der gefeierten Summertime EP auf dieses Debütalbum zu nehmen, muss unbedingt applaudiert werden, wobei trotzdem die beiden Überlebenden „Let’s Go Surfing“ und vor allem ihr wunderbarstes Stück „Down By The Water“ die Höhepunkte des Albums darstellen. Ein wenig fehlt es den Drums noch an der Konsistenz, gegen Ende fasert das Album aus und überzeugt nur noch sporadisch. Dennoch: ihr Debüt gelang ihnen besser als erwartet, keineswegs sind die Drums Surfer für eine Nacht und so gehen wir gerne mit ihnen alleine durch den Regen.

Anhören:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=EI_XUqYhF7U[/youtube]
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* Down By The Water
* Book Of Stories
* Let’s Go Surfing
* Best Friend

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=MUubQj7g56E[/youtube]
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The Drums im Popblog:

* Melancholie und Nihilismus auf dem Surfbrett
* My Favourite Records
* 2010 – I Predict A Riot, US-Indie


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