vonChristian Ihle 30.08.2011

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Oberhausen, Duisburg, Leverkusen,… die Schreckgespenster entlang der A3 sind zahlreich. Umso größer ist die Freude, wenn man dann nach einigen Stunden Fahrt endlich die Ausfahrt Richtung Haldern nehmen darf. Zumal man ja in so einem Fall nicht nur die Autobahn verlässt, sondern auch den dunklen Alltagstrott.

Haldern-Greenhorns, die wir sind, lassen wir dann erst mal den Container mit den Presseakkreditierungen rechts liegen. Auch am Bierstand outen wir uns wenig später als Festival-Neulinge: Unser Geld will man nicht, wir sollen es in Pop-Taler umtauschen. Kurzzeitig hatten wir schon gedacht, der Euro sei gar nichts mehr wert. Apokalypse an den Börsen und in der Eurozone, während wir gemütlich auf der A3 im Stau standen und zur aktuellen David Hasselhoff in die Hände klatschten. Dies ist nicht der Fall, das Haldern hat einfach nur seine eigenen Gesetze, wie wir mit einem Blick auf die Schlange vor dem Spiegelzelt feststellen. Da ist ordentlich Frust-Potential in der ca. 300 Meter langen Menschenkette. Weil wir dekadente Presseheinis sind, dürfen wir uns an der Schlange vorbeimogeln und flüchten somit vor den ersten Regentropfen. Genug der Anekdoten, erzählen wir lieber von den musikalischen Höhen und Tiefen des Haldern Pop Festivals 2011.

Alle, die am Donnerstag frühzeitig angereist sind, können um 17 Uhr mit dem Auftritt von Isbells die Festivaleröffnung in der St. Georg Kirche erleben. Wer es etwas langsamer angeht und dennoch rechtzeitig einen Platz im prachtvollen Spiegelzelt ergattert, kann Ben Howard und jede Menge offene Münder begutachten. Liegt es daran, dass man bei Festivalbeginn noch aufmerksamer ist oder mehr Bock auf Live-Musik? Könnte man soziologische Studien darüber abhalten, Fakt ist, dass man auch am Samstagabend noch Menschen trifft, die ihrer Begeisterung über Ben Howard Ausdruck verleihen können. Den behalten wir im Auge. Yuck wiederum haben wir schon lange auf dem Zettel. Fantastischer amerikanischer 90er-Indierock, der aber überraschenderweise aus Großbritannien kommt. Nach anfänglichen Soundproblemen kämpft sich das Quintett in ein schön kantiges Set, das scheinbar nur aus Hits zu bestehen scheint. „Trying to make it through the wall“, nölen sie in die Mikros und hauen zum Schluss eben eine solche Wand aus Lärm raus. Da stimmt alles. Ganz im Gegensatz zu Julia Marcell. Die Polin, die vor wenigen Wochen ihr zweites Album auf dem Haldern Pop Label veröffentlicht hat, nervt mit einem esoterischen Auftritt, der weder ihrem von Moses Schneider produzierten Sound auf Platte gerecht wird, noch den Vergleichen mit Björk und Konsorten standhalten kann. Dabei klang die Single „Matrioszka“ durchaus vielversprechend. Anna Calvi macht das später an selber Stelle deutlich besser. Markante Stimme, durchdringendes Gitarrenspiel, keine große Show, einfach nur ein Gespür für große Songs und dafür, wie Blues auch im Jahr 2011 noch spannend klingen kann. Schade, dass das Brandt Brauer Frick Ensemble trotz des spannenden Ansatzes, nämlich Techno mit klassischen Instrumenten zu kombinieren, zu sehr in der eigenen Mathematik verhaftet bleibt. Das war in der entschlackten Technoversion auf dem Immergut Festival deutlich unterhaltsamer.

Am Freitag müssen wir leider einige spannende Bands und Künstler an uns vorbeiziehen lassen: Bodi Bill, Golden Kanine, Socalled, selbst bei Dry The River verpassen wir den Anfang. Lediglich The Antlers nehmen wir voll und ganz mit. Passt auch, denn den Herren um Songwriter Peter Silberman geht es ähnlich wie uns: am Abend zuvor etwas zu lange mit den Thekenkräften geplaudert. „Ihr wisst gar nicht, wie beschissen es mir geht“, gibt der sonnenbebrillte Silberman zu Protokoll und fügt mit einem Lachen hinzu: „Aber ich habe es nur für euch getan.“ Macht aber gar nichts, die Antlers holen trotzdem alles aus ihrem etwas frühen Slot um 16:30 Uhr raus. Zeitlupenpop mit ergreifenden Geschichten über den Tod und alles davor und danach. Bekräftigt einen nochmal darin, das aktuelle Album „Burst Apart“ überall abzufeiern. Über das aktuelle Werk von Okkervil River lässt sich dagegen noch streiten. Die waren doch mal mitreißender und warum spielen die denn live alle Hits kaputt? „Aber darin liegt doch gerade der Charme“, erklärt der Kollege. Wir werden uns da nicht einig, müssen wir ja auch nicht. Halten wir lieber fest, dass Nils Frahm und Anne Müller im Rahmen des Erased Tapes Special einen fantastischen Auftritt hinlegen. Feinstes Kopfkino für Fans von Klavier, Streichern und Elektrogefrickel. Zufriedener kann man sich kaum ins Zelt verabschieden, nicht mal die Springerstiefel-tragenden Zeltplatzhooligans, die gerade das benachbarte Auto zerstören wollen, können einem da die Laune verderben.

Der Samstag beginnt mit der Info, dass wir mit Other Lives mal wieder einen ganz tollen Auftritt in der Haldern Pop Bar verpasst haben. Aber wir kriegen schon noch unsere Kicks an diesem Tag. Zum Beispiel bei der fast etwas zu layed back vorgetragenen Softsexshow von Destroyer. Wäre die cheesy Popmusik des Amerikaners ein Film, würde sie am Freitagabend bei Kabel 1 laufen. Klingt nicht unbedingt nach einem Kompliment, ist aber durchaus positiv gemeint, denn wer zieht heute schon noch so eine Saxophonenummer bis zum Ende durch? Eben, niemand. Nicht einmal James Blake, der mit Gevatter Autotune schließlich auch ein echter Grenzgänger ist. Ein beeindruckendes Konzert spielt der junge Engländer trotzdem und belegt, dass er durchaus zurecht abgefeiert wird. Kurze Zwischenfrage: Wer hat eigentlich La Brass Banda eingeladen? Themawechsel: Wer sich nach Acts wie The Avett Brothers, Dan Mangan oder The Low Anthem und einer zunehmenden Mumfordisierung noch keine Folkvergiftung an diesem Wochenende abgeholt hat, darf sich zu später Stunde über die Fleet Foxes freuen. Die Mountain-Worshiper liefern einen richtig guten Auftritt ab, das muss man selbst dann anerkennen, wenn man sich ansonsten kaum für ihre Musik interessiert. Deutlich interessanter, wenngleich auch schwieriger geraten die Vorstellungen von Timber Timbre und My Brightest Diamond. Zwei Glanzlichter beim diesjährigen Haldern Pop Festival, das neben jeder Menge Sonne und Regen mindestens zwei Handvoll tolle Auftritte bereit gehalten hat. Kommen wir sehr gerne wieder.

(Text: Sebastian Gloser und Dominik Waßerloos / Fotos: Dominik Waßerloos)

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kommentare

  • die jeans geröhrt, am kinn wächst bart
    so schlurft man auf den acker
    gitarre ja, doch nicht zu hart
    nick drake = obermacker

    gram parsons’ werk komplett im stall
    die shins? moderne helden!
    hier stehn die leute auf the fall
    limp bizkit? eher selten

    statt dosenbier gibts roten wein
    der wunsch: in würde altern
    wär indierock ein turnverein
    das sportheim stünd in haldern

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