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vonChristian Ihle 06.11.2011

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Man ist ja viel gewohnt bei den Onlineumsetzungen deutscher Zeitungen und hat sich schon mit Fotostrecken abgefunden oder Frage-Antwort-Kataloge, die den Nutzer zwingen, zwanzig Mausklicks für die eine gewünschte Information zu liefern, weil leider immer noch in den Köpfen der Werbewirtschaft Pageimpressions als allein seligmachende Währung akzeptiert werden. Geschenkt, dass Verweilzeiten und Unique Users die – eben gerade auch aus Sicht der Werbung – sinnvollere Einheit wäre, das Klickmonster scheint nicht totzukriegen zu sein.

Vielleicht ist folgendes Beispiel auch gar keine Besonderheit, sondern schon Usus und mir lediglich nicht aufgefallen, weil ich mich zu selten zu Berliner Kurier und Konsorten verirre, aber dieses Interview mit Mickey Rourke, dieser Irrsinn, kann nur einer völligen Verachtung der eigenen Leser gegenüber entspringen.

Der erste Versuch das ganze Interview mit der Hollywood-Ikone zu lesen, schlug fehl. Ich hatte die gefettete Zeile für eine Verlinkung auf das Interview gehalten – wie man das eben in den letzten 15 Jahren Netz so gelernt hatte: ist ein Hinweistext unterstrichen oder hebt sich ab, dann handelt es sich um einen Link. Weit gefehlt!

Danach dachte ich: ok, der Berliner Kurier bringt nur einen Teaser online, damit sich die Menschen am Kiosk das Blatt in Papier kaufen, was ja eine durchaus legitime Vorgehensweise wäre – aber auch hier: Irrtum. Denn direkt darunter findet sich ein kleiner Kasten, überschrieben mit „Interview mit Mickey Rourke“, in dem man tatsächlich das komplette Interview Frage für Frage einzeln weiterklicken muss.

Klick 1:

Klick 2:

Klick 3:

etc…

Das, lieber Berliner Kurier, liese sich aber vielleicht noch optimieren, denn bereits der Teaser-Text besteht ja aus 13 Sätzen – die sogar hintereinander auf einer Seite stehen! Oder anders gesagt: Zwölf verschenkte Klicks. Kein Wunder, dass das mit dem Online-Journalismus in Deutschland nichts wird, wenn man die ökonomischen Potentiale derart sträflich brach liegen lässt.

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kommentare

  • @Ihle: Ich wollte eigentlich auf das Wort „Pageimpressions“ indirekt hinweisen, weil Sie diesen Begriff erwähnen. Laut Wikipedia ist es (eig) fast geregelt:
    —- „Eine Page-Impression bezeichnet dagegen eine komplette Seite mit allen eingebundenen Elementen. Wenn z. B. eine Seite aus dem Inhalt (seite.html) und fünf Bildern besteht, dann generiert diese Seite sechs Hits, aber nur eine Page-Impression.“ —- de.wikipedia.org/wiki/Seitenabruf —–
    es spielt keine Rolle, wie oft man innerhalb einer Seite wie viel Inhalt aufruft (in dem Fall mit vorgeladenem Inhalt = „Ajax“), es bleibt theoretisch eine PI. Ob der Berliner Kurier einen „weiter“-Klick als PI wertet, wissen nur die … Die „Verweildauer“ sollte meiner Meinung nach eher Kern der Kritik sein … aber egal 😉
    Basta

  • Ist beim „express“ auch ewig schon Standard, die versuchen halt irgendwie Storys ohne Inhalt aufzublasen. Noch besser find ich eigentlich die „Artikel“, deren Inhalt im Anriss steht.

  • Der Text ist in der Tat schon komplett geladen. Trotzdem scheint das javascript beim Klick auf „weiter“ einen Serverzugriff abzusetzen. Der Quelltext enthält diverse „countercollector“ und „analytics“.

    Felix

  • Das ist eine per AJAX realisierte JAVA-Technik, wie man Daten abrufen kann, ohne das die Seite neu geladen werden muss. Ähnlich wie Bodo es beschrieben hat, werden nur bestimmt (vorgeladene) Elemente erst dann angezeigt, wenn der User irgendwo klickt.
    Beweis: wenn ihr über „Weiter“ mit der Maus drüberfährt, dann steht da nicht ein neuer Link, sondern: „javascript:void(0)“
    Basta

  • @Daarin:
    Nein, das ist falsch. Soweit ich das sehe, ist das einfach ein Javascript, das etwas am Stylesheet ändert, da wird nichts nachgeladen.
    Kann man auch daran sehen, dass das Interview komplett im Quelltext vorhanden ist.
    Von dem Klick dürfte nach meinem Verständnis der Server nichts mitbekommen, ähnlich wie bei einem seiten-internen Link auf Wikipedia.

  • @Marco: Ohne wirklich große Ahnung von der Medienbranche zu haben kann ich aber sagen dass das klicken nach einer neuen Frage/Antwort in diesem Fall für den Server einen ganz normalen Seitenaufruf darstellt. Und so kann wer immer das zählt auch ganz klar einen Seitenaufruf zählen ohne zu lügen.

  • @Marco: zweifle nicht mein Sohn…
    es ist in der Tat wie beschrieben. Wer das wie zählt und inwiefern derjenige sowas als PI akzeptiert, damit bin ich auch überfragt.

  • Man kann das Ganze auf einer Seite lesen, wenn man einfach die Stylesheets nicht zuläßt. Kann jeder Browser. Sieht aber bestimmt nicht schön aus.

  • Werden tatsächlich Pageimpressions gezählt, auch wenn, wie auf der Seite, keine neuen Seiten, sondern nur eine neue Frage bzw. Antwort geladen werden? Ich habe da meine Zweifel. Insofern müsste der Vorwurf ein ganz anderer sein, aber sicherlich nicht auf die Klickgeilheit abzielen.

  • So etwas ist von der Hamburger Morgenpost(www.mopo.de) schon lange bekannt, da werden „Kurzinterviews“ in ellenlange Klickstrecken aufgeteilt, die komischerweise genauso aussehen, wie die oben gezeigten Beispiele.

    Aber auch die Süddeutsche Zeitung ist bekannt für solche Klickstrecken, der Spiegel macht es mit seinen Bildern…..

    Qualitätsjournalismus eben

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