vonChristian Ihle 02.12.2013

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

Mehr über diesen Blog

„Bis zur Kapitulation dauert es genau drei Gäste. Drei kurze Gespräche gleich zu Beginn von Günther Jauchs Jahresparade „Menschen, Bilder, Emotionen“ (RTL), die exemplarisch vorführen, was in den folgenden drei Stunden schieflaufen würde. Ein Langstrecken-Treckerfahrer, die tränige Sylvie van der Vaart und ein Junge, dem im syrischen Bürgerkrieg das Gesicht weggeschossen wurde – übergangslos hintereinander geschnitten wie ein sensationell krudes Mixtape aus Volkstümelschmalz, Ballermanngröler und Kunstmusikstück.


Der härteste, schmerzhafte Übergang dabei ist die Inszenierung von Ex-Fußballergattin und Moderatorin Sylvie als tapfere Trümmerfrau, die mit tränenfeuchten Augen von der öffentlichen Dreckunterhosenwascherei rund um ihre Scheidung erzählt und diese albernen Affären-Enthüllungsspielchen allen Ernstes als „Guerillakrieg“ bezeichnet: „Aus jeder Ecke kann etwas kommen!“ Simpelsinniges Dahingeplappere, könnte man gutmütig sagen. Wäre der nächste Gast nicht ein siebenjähriger Junge, dem man in einem ganz realen Krieg das halbe Gesicht weggeschossen hat. (…) Er wirkt im Trecker-Sylvie-Konglomerat freilich fehlplatziert, soll zu allem Überfluss auch noch Rechenaufgaben lösen und das Alphabet aufsagen. Schauder.


Menschen mögen Jahresrückblicke, weil sie ihnen die Illusion geben, ein netter Fernsehonkel übernähme für sie die unangenehme obligatorische Jahresendaufgabe, die vergangenen zwölf Monate irgendwie wegbilanzieren zu müssen – gemütliches kollektives Abarbeiten statt individuelles Wie-war’s-denn-eigentlich-so. Schmuckschachtel auf, Jahr rein, Deckel drauf und aufgeräumt. Nach „Menschen, Bilder, Emotionen“ fühlt man sich allerdings eher, als habe man ziellos ein paar Stunden in der Boulevardzeitungs-Altpapiersammlung eines ambitionierten Messies gewühlt und immer mal wieder willkürlich Schlagzeilen vorgelesen.


(…) Sinnlos zur Schein-Relevanz emporgewuchtete Banalitäten wie Sylvie van der Vaart, die mit sonderbar glänzenden Gliedmaßen im Talksessel Platz nimmt und bedeutungsschwer Triviales referiert. „Wenn eine Ehe zerbricht, betrifft das immer zwei Leute“, so die Ölbeinige, und Jauch empfiehlt sich als Anwärter für die Goldene Apfelbirne für besonders krude Vergleiche: Was war schlimmer, will er wissen, der Kampf gegen den Krebs oder der Kampf um die Ehe?
(…)
Für Edward Snowden müssen 15 Sekunden im Zusammenschnitt reichen, schließlich ist da ja noch diese irre Geschichte von dem Mann, der seine Frau bei der Rückfahrt aus den Flitterwochen versehentlich an der Tanke stehen ließ, weil er sie schlafend auf der Rückbank wähnte. Ein in tausend Witzchen durchgenudeltes Klischee, von Jauch als „kurioseste Schlagzeile des Jahres“ bezeichnet.(…)


Triple-Trainer Jupp Heynckes, dem so viel Gesprächszeit zugestanden wird wie keinem anderen Gast zuvor, plaudert immerhin schön über seinen Koi-Karpfen, den ihm seine Spieler zum Karriereende schenkten: „Der Koi bewegt sich wunderbar und geht in die Tiefe.“ Das ist annähernd interessant und mehr, als man von der Sendung sagen kann.“

(Anja Rützel bei Spiegel Online)



Schmähkritik-Archiv:
* 500 Folgen Schmähkritik – Das Archiv (1): Musiker, Bands und Literaten
* 500 Folgen Schmähkritik – Das Archiv (2): Sport, Kunst, Film und Fernsehen

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/popblog/2013/12/02/schmahkritik-556-rtl-jahresruckblick-mit-gunther-jauch/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.