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vonChristian Ihle 01.09.2014

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Vor einigen Tagen, da habe ich gelesen, dass im Rotmain alle Fische gestorben sind, und ich habe mich nicht gewundert. Der Rotmain ist der sogenannte Fluss, der durch diesen Ort plätschert, den man Bayreuth nennt, und meine Verwunderung, die blieb aus, weil es ja schon lange überliefert ist, dass am Ende der Zeit die Vögel vom Himmel fallen und die Fische in den Flüssen sterben und wenn die Apokalypse tatsächlich beginnt, dann beginnt sie natürlich in Bayreuth und nirgendswo sonst. Ich bin mir sehr sicher, dass es in diesem Land keinen Ort gibt, der der Hölle näher seien könnte. (…)

Von den knapp 70.000 Einwohnern hat es rund zehntausend Studenten in das oberfränkische Nirwana verschlagen, die aber in den meisten Fällen auch wieder gehen, weil niemand, der Bayreuth kennt, in Bayreuth bleiben will. Und das liegt nicht an Wagner oder den Wagnerianern oder Hitler, es liegt nur an diesem Ort, der vom Grunde her schlecht ist. (…)

Zum Studieren kommen in der Regel zwei Arten von Menschen. Studenten, wie ich einer war, die aus einer größeren Stadt kommen, weil sie oder ihre Eltern glauben, dass ein Ort wie Bayreuth gut zum Studieren ist, weil er für sonst nichts gut ist. Oder Studenten, die aus noch kleineren Orten als Bayreuth kommen. Diese Gruppe hat mir immer Angst gemacht. Diese Studenten haben sich häufig in einem sehr verkommenen von Studenten selbstverwalteten Club auf dem Campus getroffen, in dem nur fürchterlich schlechte Musik läuft. Dort haben sie sich dann vorgestellt in einer Großstadt zu leben und sich die Haare rot gefärbt und teilweise abrasiert und Club Mate getrunken. Sie haben sich vorgestellt, dass es so in Berlin sein müsste.

Und irgendwann später, sind sie dann mit ihrem Bild von Berlin tatsächlich nach Berlin gezogen und jetzt sieht Berlin so aus, wie sich die Studenten, die ich nie mochte, in ihrem Club-Mate-Rausch vorgestellt haben, wie Berlin auszusehen hat. Und all das Schlechte, das man heute mit Berlin verbindet, das wurde nur von Schwaben und Bayreuthern und ihren Stereotypen importiert, die sie in der kulturellen Ödnis entwickelten, weil ja sonst nichts zu tun war.

Dann gibt es noch die Stadt. Der Platz, an dem die Bayreuther leben, wenn man das denn so nennen möchte. Die Stadt ist der ortgewordene Stillstand. Nichts bewegt sich. Und das ist so, weil die Bayreuther nicht wollen, dass sich etwas bewegt. Bewegung ist für sie etwas Schlechtes, weil sie glauben, dass die Dinge gut sind, wie sie sind. (…)

Es gibt nicht so viele Wände in Oberfranken, wie man sich wünscht, um seinen Kopf dagegen zu schlagen. Oder andere Köpfe.“


(Dennis Sand in der WELT)



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