vonChristian Ihle 05.08.2016

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Popstandort Deutschland 2016: Abgehängt, minderbemittelt, ein Idiot.
Wer sich für eine Sneak-Preview der Hölle interessiert, muss einfach nur die aktuellen Playlisten der großen Radiosender googlen. (…) Das ist Selbst- und Publikumsgeißlung, jeder weiß das, dennoch scheint es ein unverrückbares Dogma. Neidvoll hört man da nach England oder zum Beispiel auch einfach nur FM4 im benachbarten Österreich—doch vor der germanischen Radiorealität gibt es kein Entkommen. Von West nach Ost, von Helene Fischer zu a-Ha, von Bruno Mars zu Bryan Adams und zurück. In Anbetracht einer omnipräsenten Musikauswahl des gefälligen, rundgenudelten Stumpfsinns fliegt einem der Popkulturpessimismus wahrlich leicht zu.
Man sollte sich trotz einer Radiolandschaft, die unablässig Stuhl auf große Ventilatoren schüttet, hinterfragen, ob man hier wirklich von einer Momentaufnahme, von einem Phänomen sprechen kann. (…) Was so viele kontemporäre Songs eint, ist ihr bestürzender Mangel an Witz und Subtilität—dafür sind sie vollgekleistert mit Lebenshilfe und billigem Trost. Pop 2016 aus Deutschland: Das ist ein einziger Sumpf aus Erbauungslyrik. Man möchte fast meinen, es gäbe nicht nur eine Häufung von einzelnen, unterfickten Testosteronbombern mit religiösem Hintergrund, die um sich bomben und messern, sondern als herrsche tatsächlich Krieg in diesem Land.

Das exzentrische, ja, extraterrestrische eines Popstars stirbt aus, die Lady-Gaga-haftigkeit tritt zurück hinter dem beflissenen, demütigen Pop-Arbeiter. (…) Nicht mehr genialisch durchgeknallte Inszenierungswut schafft es in die Charts, es gilt für die Protagonisten von heute eher, das Seminar zur GEMA-Abrechnung auf der Popakademie nicht zu verschlafen oder sich Motivations-Predigten in Casting-Shows anzuhören, die einbläuen, wie wichtig Fleiß und Disziplin für eine Karriere im Musik-Biz ist. (…)

Zugegeben, Deutschland ist und war nie Großbritannien, wo Acts wie Oasis oder Pulp ganz selbstverständlich die Single-Charts anführen können, aber dass alles wirklich nur noch Helene Fischer und „Halt durch!“-Parolen sein soll, das ist selbst für das schlagerverseuchte Deutschland zu viel.“


(Linus Volkmann bei Noisey)



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kommentare

  • Der Mann hat völlig recht. Radio in Deutschland ist ein herzverhärtendes Trauerspiel. Die Musikredakteure sind entweder alle gekauft von den verbleibenden transatlantischen Oligarchen der Industrie und deren ‚Vertriebsplattformen‘, oder, bzw. und/oder komplett bescheuert.
    Andere Rückschlüsse sind kaum zu ziehen.

    Wenn jetzt alle etablierten Sender demnächst auf DAB+ ‚digital‘ machen, sollten ja eine Unmenge an UKW-Frequenzen für freie Sender, Piraten und Uni-Stationen frei werden. Endlich. Halleluja. Sollen die ganzen Mainstreamer doch in ihrer digitalen Parallelwelt glücklich werden. Dann werden sie auch endlich feststellen wie Wenige sie eigentlich sind, und wie kulturell irrelevant.

  • Werter Linus:
    gerade Oasis als Beispiel der brit. Hegemonie, was den Musikgeschmack angeht, ins Feld zu führen: oh dear. Gnade der späten Geburt evtl. Um kurz seine Heiligkeit J. Peel zu zitieren: “ i am not gonna play music by a bunch of thugs.“ Über deren Musik an sich sollten wir einfach nur den gnädigen Mantel des Schweigens werfen….

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