vonChristian Ihle 29.07.2019

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Endlich einmal das große Werk der Dominik-Graf-Filmographie nachgeholt*. Und ja, hier kommt alles zusammen, was Graf großartig** macht, und zwar in epischerer Ausgestaltung als üblich. „Die Sieger“ ist ein Polizeithriller mit durchaus respektablen Actionsequenzen, die vor allem im letzten Drittel die Spannungsschraube ordentlich andrehen. Die Geschichte selbst ist schön vielschichtig und kompliziert, auch wenn sie – für mich überraschend – früh bereits das zentrale Rätsel löst und so den Weg in den Whodunnit meidet und mehr zu einem „Heat“-artigen Katz-und-Maus-Spiel zwischen zwei brillanten Köpfen auf verschiedenen Seiten wird.

Interessant ist, dass man im Rückblick „Die Sieger“ gut verorten kann – Graf nutzt einige seiner in „Die Katze“ erprobten visuellen Tricks (gerade die Liebessequenz zwischen Knaup & Flint hier erinnert doch sehr an die Montage in der Landgrebe/George-Love-Affair) und baut andererseits aber auch einen Blueprint für die nächsten 20 Jahre deutschen Polizei/Genre-Films (der tolle „Wir waren Könige“ wirkt nun im Rückblick auf mich fast schon wie eine Hommage an „Die Sieger“).

Dass „Die Sieger“ mit 12 Millionen Mark Produktionskosten für das deutsche Kino 1994 beinah absurd teuer war und dennoch kommerziell floppte, ist natürlich tragisch. Graf hat dieser Karriereknick scheinbar so mitgenommen, dass er noch 2010 den Film auch als künsterlich misslungen einschätzte („Der Film ist in seinem Kern ein Torso, eine Ruine“ […] „Günter Schütters erste und stärkste Drehbuch-Fassung (zwei Jahre vor Drehbeginn) unterschied sich in vielem vom heute vorliegenden Endprodukt. […] Wir hatten am Ende, nach jahrelanger Finanzierungs-Arbeit und Drehbuch-Diskussion viel zu wenig Geld und das Skript war ein mühsam zusammengekürzter Flickenteppich geworden. Alle leidenschaftlichen Eigenschaften des Schütter’schen Universums waren zwar noch vorhanden, aber durch die stark nach finanziellen Kriterien vorgenommenen Reduktionen war das Buch total aus der Balance geraten. Und man kann wohl im Nachhinein sagen, der Regisseur inzwischen auch.“).
Es mag sein, dass „Die Sieger“ noch besser sein könnte und ab und an holpert, aber gerade im Rückblick steht Grafs Thriller immer noch wie ein Einzelstück in der deutschen Kinolandschaft und ist neben „Die Katze“ Grafs unverzichtbarer Beitrag zum deutschen Filmkanon.

* und zwar im Director’s Cut, einige Minuten sind hier nachträglich von einer Videokopie eingefügt. In erster Linie dienen sie (sinnvollerweise) dazu, die Mechanismen in der Polizeitruppen zu verdeutlichen und die Beziehungen untereinander besser herauszuarbeiten.

** allerdings auch ein paar meiner üblichen Graf-Kritikpunkte: nicht unbedingt finde ich jedes Charakter-Verhalten nachvollziehbar, die Mann/Frau-Dialoge sind so hardboiled, dass ich mir nie sicher bin, ob Graf das noch ernst meint oder schon als Parodie unterwegs ist, und das Sounddesign… ich mein, ist es denn so fucking schwer, die Schauspieler dazu zu animieren, dass sie nicht die Hälfte ihrer Dialoge immer dermaßen wegnuscheln, dass ich dreimal zurückspulen muss, um den Inhalt zu verstehen?

„Die Sieger“ anschauen: hier.

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kommentare

  • Ja, „Schwarzes Wochenende“ mag ich auch sehr gerne – habe gerade mal nachgesehen, was ich dazu in meinem Filmtagebuch festgehalten hatte:
    „Grafs Debüt als Tatort-Regisseur und das war schon ein erstaunliches Stück Fernsehen. Extrem komplexe Geschichte mit vielen Personen und ein wirklich sehr guter Götz George. Da ist Schimanski auch noch nicht zum Klischee geronnen, sondern einfach eine gute rauhe Person, die ein Gegensatz zu Thanner ist.
    Werd mir jetzt mal häufiger alte Graf-Tatorts anschauen und auch mal den einen oder anderen von den Ur-Schimanskis. Der hier war jedenfalls um Längen besser als ein normaler heutiger Tatort.“

  • „Die Sieger“, zweifellos ein guter, atmosphärisch dichter Graf-Film, hat doch so seine Probleme:

    1. Herbert Knaup, sympathischer Schauspieler, aber das hier ist er irgendwie nicht. Ich hätte die Hauptrolle mit Heinz Hönig oder Hansa Czypionka besetzt und noch einen anderen side-kick dazugeholt.

    2. Der Plot ist zu verworren und schwer nachvollziehbar. Siehe auch **.

    3. Das ganze hätte in Berlin spielen sollen und die showdown-Sequenzen in nächtlichen S-Bahnen statt in diesem albernen, abgedroschenen Berggondel-Bond-Zitat.

    Die herausragende Arbeit von Dominik Graf, neben „Die Katze“, ist für mich der Schimanski-Tatort „Schwarzes Wochenende“ von 1986.

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