vonChristian Ihle 17.12.2020

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Andreas Gabalier entsteigt einem gelben Auto, spaziert in ein Hotel – und geht dort nicht etwa essen oder schlafen, sondern schlachtet das herrliche Weihnachtslied „Driving Home For Christmas“ (im Original vom wunderbaren Chris Rea) ab, „yeah“.

Gabalier singt übrigens nicht, sondern raunzt, schluchzt und haucht um die Töne herum wie ein neugieriges Kind ums Weihnachtspackerl. Es hört sich weniger nach Musik an als nach einem Fall für die HNO-Ambulanz. Sechs Backgroundsängerinnen schwanken dazu im Takt und schauen drein, als hätten sie Verstopfung. Die ganze Unternehmung überschreitet ständig illegal die Grenzen zur Selbstparodie, und zwar von beiden Seiten. (…)

Bei „Swing Low, Sweet Chariot“ beweist er mit sicherer Hand und zitternden Stimmbands, dass er Gospel auch nicht kann, er irrt durch die kaum noch zu erahnende Melodie und streichelt dabei zärtlich seinen Mikro-Ständer.

Im Anschluss beginnen die Damen zu schnippen, Gabalier schmachtet „Haim dreamin‘ of a white christmas…“, und wir sind endgültig im unfreiwilligen Kabarett: Diese grob satirisch übertriebene Darbietung – die Damen singen „Schubidiwau“ – kann unmöglich ernst gemeint sein. „Eieiei’m dreamin'“ röhrt er dann tatsächlich, und lässt dazu die Augenbrauen tanzen.

Dann sagt er: „Als großer Elvis- und Dean-Martin-Fan war es mir ein Anliegen, mit meinen unterschiedlichen Stimmfarben zu spielen“. Und man fragt sich unwillkürlich: Bitte womit? Danach kommt eine Elvis-Parodie, mit der man auf besseren Schulskikurs-Bunten-Abenden durchaus Platz 3 erreichen könnte. (…)

Bei „It’s Christmas Time“ fahndet er ein ganzes Lied lang nach dem auf der Flucht befindlichen Groove, bekommt ihn aber nicht zu fassen. Bei „Rocking Around The Christmas Tree“ ergeht es Sänger und Lied nicht anders, die schwankenden Damen hopsen jetzt sehr fröhlich durch die Gegend, während Gabalier erfolgreich versucht, die Hüftlockerheit eines Christbaums zu unterbieten. (…)

Gabalier irrt durch das Lied wie ein verwirrtes Rentier durch den staubigen Schnee. Was ist schlimmer als das Lied „Last Christmas“? „Last Christmas“ von Andreas Gabalier. In Tateinheit mit Gregor Meyle, der bereitwillig Beihilfe zur Sachbeschädigung leistet (und dem Gabalier gegenüber den Behörden mit den Worten „Es war seine Idee“ die Schuld zuschiebt) verlegt er George Michael in ein Feuerwehrfestzelt nach drei Uhr früh. (…)

Nun muss „Run Rudolph Run“ dran glauben. Gabalier singt konsequent in einer anderen Tonart, als die Band spielt. Wobei: Singt er überhaupt in einer Tonart? Und er hat Glück, dass Chuck Berry, Schöpfer dieses großartigen Liedes und bekanntlich recht humorlos, nicht mehr lebt, sonst würde er ihn mit seiner Gitarre verdreschen. (…)

Fazit: Eine sehr faire Show. Alle, die sich jede Weihnachten Sorgen machen, dass sie nicht gut genug singen können, sind jetzt beruhigt.“

(Guido Tartarotti im TV-Tagebuch des Kurier)


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