vonChristian Ihle 01.12.2021

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Jarvis – Aline

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Eine Episode in Wes Andersons neuestem Film „The French Dispatch“ ist eine alternative Erzählung der Revolution des französischen Mai ’68. Timothee Chamalet spielt den Helden mit flacher Brust und gestreckter Faust (in der Stift und Papier stecken) und Jarvis singt dazu „Aline“, ein Cover eines sehr schönen, aber eher auf der Kitschseite der Chansongeschichte gelagerten Songs von Christophe, der in Frankreich 1965 über eine Million Einheiten verkaufte. „Aline“ war übrigens der Name der Assistentin des Zahnarztes von Christophe, so viel zu Romantik oder Revolution!

Isolation Berlin – Ich hasse Fußballspielen

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In Isolation Berlin wohnten schon immer mehrere Bands. Dieser Aspekt tritt in ihrer dritten Langspielplatte noch deutlicher zutage: neben Songs, die auch auf ihrer frühen Punk-EP „Körper“ einen Platz gefunden hätten wie „Private Probleme“ oder der an Joy Divisions „Atmosphere“ erinnernden Titeltrack, sind etliche Lieder reduziert und akustisch instrumentiert.

Die ersten Durchgänge sind nicht so „zugänglich“ wie die Vorgängerplatten, die Songs manchmal anstrengend („Geheimnis“), manchmal fast in sich selbst verschwindend („Enfant Perdu“). Aber tieferes Einhören lohnt, denn erstens sind die Texte von Tobias Bamborschke noch besser geworden und reichen über die bereits von ihm gemeisterten Felder Thekenphilosophie und Depressionsselbstanalyse hinaus, so dass „Geheimnis“ die wahrscheinlich besten deutschsprachigen Lyrics des Jahres hat und zweitens sind gerade die hingehauchten Stücke wie der Albumcloser „Enfant Perdu“ so unerwartet wie sie stark sind.

Der versöhnlichste Hit nach all den privaten Problemen und Momenten des Scheiterns ist „Ich hasse Fußballspielen“, das den Horror des Schulsports erfolgreich zurück ins Gedächtnis ruft und dessen Text nicht nur geschickt Männlichkeitsfragen und Adoleszenzprobleme („Mama hat gesagt: „Junge, sei stark / Sonst hast du von Anfang an verloren“ / Papa hat gemeint, ein Junge, der weint / Der wird sofort zum Opfer auserkoren“) thematisiert, sondern auch ein gutes Beispiel für die smarten Lyricwendungen auf dieser Platte ist, endet der Refrain doch auf dieser Note:

„Ich wünschte, alle wären tot /
Oder wenigstens ein bisschen netter“.

Die Schwimmen – Time Of Your Life

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Super smoother Autotune-Pop, der genau in den richtigen Momenten seine bittersüßen New-Order-Gitarren droppt. Das Debüt besteht aus vier starken Songs, „Time Of Your Life“ und „Komplett Lost“ sind die beiden Hits von „Bistro Heartbreak“. Ich habe lange keine so gute EP mehr über Herzschmerz und 0,33-Liter-Cola-Flaschen gehört.

The Lathums – I See Your Ghost

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Mit ihrem gerade erschienen zweiten Album – das Debüt bestand aus einer Compilation der vorher veröffentlichten EPs – ist die britische Indieband The Lathums in Großbritannien direkt auf Platz 1 in den Charts geschossen. Die Band aus Wigan spielt einen Sound, der nach einem cleanen Pete Doherty zur späteren Babyshambles-Zeit klingt.

Lunsentrio – Die Offenbacher Küchenzerstörung

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Die Band um Sänger/Texter Hank Schmidt in der Beek und Ex-Franz-Ferdinandler Nick McCarthy hat mit dem neuen Album „69 Arten den Pubrock zu spielen“ ihr kleines Meisterwerk geschaffen. Ein wilder Ritt durch die verschiedensten Stile – von Reggae zu Irish Folk, von Indie zu 70ies Rock – der HIt auf Hit türmt und diesemal genau den richtigen Punkt zwischen absurdem Witz und zuviel Quatsch findet.
Ich hätte etliche Anspieltipps, aber möchte im Besonderen den Indiekracher zu Beginn der Platte „Die Offenbacher Küchenzerstörung“ und den The-Band-igen Albumcloser „Die ewige Apfelweinschänke Pompidou“ empfehlen.

Trümmer – Draußen vor der Tür

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Mit ihrem Debüt kündigte sich die Hamburger Band damals als große Hoffnung des deutschen Indie an – und wurde hier im Popblog mit „Revolution“ auch zum Song des Jahres gekürt. Die Weiterentwicklung wollte mit Album Nummer Zwei aber nicht so recht glücken, so dass Trümmer nun eine längere Pause bis zum gerade erschienen dritten Album „Früher war gestern“ einlegten. Die Produktion ist differenziert, der Gesang von Paul Pötsch manchmal fast flüsternd statt wie noch auf dem Debütalbum nach der Euphorie fragend oder eine Revolution einfordernd. Doch in „Draußen vor der Tür“ formulieren Trümmer so politisch 1:1 wie noch nie zuvor und begleiten diesen kmäpferischen Text mit einer angemessen krachigen Gitarreninstrumentierung.

Akne Kid Joe – Gestern, Heute, Morgen

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Die Nürnberger Punkband, die zuletzt mit „What AFD Thinks We Do“ einen der smartesten politischen Songs der letzten Zeit geschrieben hat, kehrte im letzten Monat mit einer schönen Doppel-Single über Rock im Park und Rock am Ring zurück (Spoiler: sie sind keine Fans von den dort stattfinden Sauerkraut-Schlachten!). Nun veröffentlichen sie als weitere Single zum neuen Album dessen besten Song: „Gestern, Heute, Morgen“. Eine schön naive Ode an eine Utopie und besseres Jetzt, ein Ton Steine Scherben zitierendes Kampflied für eine bessere Welt in sieben Tagen. Gott, hörst du?

Team Scheisse – Disko

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1-2-3-Deutschpunk, der aber so smart ist wie er stumpf ist und einfach nichts dafür kann, dass er die Hooks und die Melodien raushaut, als würde heimlich ein kleines Popalbum zwischen all den Fäkalien stecken.
Neben dem ersten Hit „Karstadtdetektiv“ begeistert mich vor allem „Disko“, das den besten Shouter-Mittelteil seit dem Burnout Ostwest – Album hat:

„So erstmal DJ volllabern und dann Pogo zu Haddaway /
Auf der Tanzfläche Bierstechen zwischen den ganzen Studenten der Betriebswirtschaftslehre /
STUDENTEN DER BETRIEBSWIRTSCHAFT /
STUDENTEN DER BETRIEBSWIRTSCHAFTLEHRE /
BWL, BWL, BWL, BWL
BWL, BWL, BWL“

Gewalt – Manchmal wage ich mich unter Leute

„Mit Paradies wollen wir etwas Ausuferndes, Unkontrollierbares, uns Überforderndes schaffen. Wir wollen wie Klaus Kinski in Fitzcarraldo in einem untauglichen Versuch dieses riesige Schiff über diesen Berg im Amazonas ziehen. Ohne Sinn und Verstand.“

Nach vielen einzelnen Singles veröffentlicht die Berliner Noise-Avantgarde-Band Gewalt tatsächlich doch noch ihre Debüt-Langspielplatte, deren volle Dröhnung man nur auf Vinyl bekommt. Auf Spotify steht „Paradies“ mit seinen zehn neuen Songs nackig da, doch als Gesamtkonzept finden sich bei der Vinylveröffentlichung auch noch (fast) alle bisher veröffentlichten Singles auf einer zweiten Platte. Und 80 Minuten GEWALT sind genau, was der Bandname verspricht: schmerzhaft und manchmal schwer zu ertragen. Aber eben in seiner Sammlung von Welt- und Selbsthass wie Misanthropie und Verzweiflung über die Dinge und das Jetzt auch ein Statement, das nicht zu überhören ist.

Insbesondere die zweite Hälfte der neuen Platte von „Manchmal wage ich mich unter Leute“ („Wir sind zerbrechlich / Wir sind nur Dinge unter Dingen“) über „Die Wand“ („Wir bauen eine Wand / Wir stellen uns davor / Und lassen uns erschießen“) bis „Stumpfer werden“ („Du mußt Alles verbergen / Du mußt stumpfer werden / Du mußt dich verstecken, verkriechen / Du mußt dicht machen / Dass nichts zu dir / Nichts aus dir dringt“) – ist von einer Intensität, die den Atem raubt.

Hackedepicciotto – The Silver Threshold

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Seit 2007 arbeiten Alexander Hacke (u.a. Einstürzende Neubauten) & Danielle de Picciotto (u.a. Crime & The City Solutions) bereits zusammen an Musik. Gerade erschien das neueste gemeinsame Album „The Silver Threshold“, auf dem neben dem Minimal-Wave des Titelsongs vor allem „Journey East“ überzeugt, das einen besseren Soundtrack zu Denis Villeneuves „Dune“ abgegeben hätte.

Idles – The Wheel

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Dass die Idles als zweifache Songs-des-Jahres-Gewinner („Mother“ & „Danny Nedelko“) von mir mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden, ist für regelmäßige Leser ja kein Geheimnis.
Allerdings hatte ich mit dem ziemlich genau vor einem Jahr erschienenen, dritten Album „Ultramono“ doch so meine Probleme, was insbesondere an der Produktion lag. „Ultramono“ war ein Daueranschlag auf die Sinne, der sich kein Sekunde Ruhe gönnte und schlicht erschöpfend wirkte.

Das scheint die Band ähnlich gesehen zu haben, denn der größte Unterschied auf „Crawler“ zum Vorgänger ist der Wille zur Leerstelle, zum Wirkenlassen, zum Durchschnaufen statt Schreienmüssen.
Dass dadurch nicht die Hitdichte der großen „Joy As An Act Of Resistance“-Platte von 2018 erreicht wird („Collossus“! „Danny Nedelko“! „Samaritans“! „Great“!) mag sein, aber als ganzes Album ist „Crawler“ durch manches Leise nach vielem Laut viel hörbarer.

Dennoch: Mit „The Wheel“ und seinem „CAN I GET A HALLELUJAH?“-Refrain haben die Idles natürlich wieder mindestens einen Song geschrieben, für den Livekonzerte einst erfunden wurden:

Sprints – Manifesto

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Sprints um Frontfrau Karla Chubb aus Dublin sind Schwestern im Geiste zu Wet Leg. Die beiden bisherigen Single-Veröffentlichungen sind ausverkauft und gehen auf Discogs für 30€+ über die virtuelle Ladentheke. Die Intonation ist kühl, aber kämpferisch („I Don’t Need Nobody To Tell Me What To Do / And Don’t Need Anybody To Tell Me What To Say“), die Songs eine Spur mehr straighter Punkrock als Wet Leg.

Wet Leg – Chaise Longue

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Erst zwei Songs alt ist die britische Band Wet Leg. Insbesondere der im Sommer veröffentlichte „Chaise Longue“ ist einer der Hits des Jahres. „Chaise Longue“ ist aus der gleichen Schule wie Dry Cleaning (für jüngere Hörer) oder Delta 5 (für die älteren Semester). Trocken dargebrachter Post-Punk, der so smart wie absurd ist.

Illuminati Hotties – MMMOOOAAAAAYAYA

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Illuminati Hotties – was für ein brillanter Bandname!
Frontfrau Sarah Tudzin ist bereits seit Jahren als Producer, Mixer und Engineer für Bands von Slowdive bis Weyes Blood tätig. In ihrer eigenen Band spielt sie aber Riot-Grrrl-Punkrock mit Singer/Songwriter-Qualitäten, die Illuminati Hotties manchmal wie eine wilde Variante von Waxahatchee erscheinen lassen. Das jüngste Album ist erneut sehr gut und hat bei all der neugewonnenen Abgeklärtheit im Vergleich zu den Lo-Fi-Anfängen auf dem Debütalbum „Kiss Yr Fremenies“ und Songs wie „Threatening Each Other Re: Capitalism” immer noch Singles mit Titeln wie „MMMOOOAAAAAYAYA“ zu bieten.

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