vonChristian Ihle 28.11.2025

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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After the Hunt (2025, Luca Guadagnino)
auf Amazon Prime

Julia Roberts spielt eine College-Professorin, die sich privat und beruflich an einem Scheideweg befindet. Andrew Garfield ist in der Rolle ihres Kollegen zu sehen, dem die Vergewaltigung einer Studentin vorgeworfen wird.

Beginnt bis in die Typographie des Vorspanns hinein als Woody-Allen-Homage (Parodie?) und endet als Drama um Wahrheit und Betrug.

Luca Guadagnino dreht hier einen Film, der sich ins verminte #metoo-Gebiet vorwagt und erstaunlicherweise sich quasi weigert, eine Haltung einzunehmen. Der Punkt scheint mir zu sein, moralische Ambiguität nicht nur zuzulassen, sondern als Wert an sich zu demonstrieren – also raus aus der klaren Wahrheit, der einfachen Weltsicht, des sofortigen Verdammens des Anderen. Allerdings hat das auch zur Konsequenz dass „After The Hunt“ seltsam abstrakt bleibt, nie wirklich zugreift und die Dialoge durchaus mehr Allen’schen Witz hätten vertragen können.

Anmerkung: ich bin ja seit dem unsäglichen „Pretty Woman“ Julia Roberts in lebenslanger Abneigung verbunden, aber das hier ist die beste Leistung ihrer Karriere. Ein undurchdringlicher Eisblock, der aber viel an Gefühlen ahnen lässt. (6/10)

Together (2025, Michael Shanks)
zur Leihe

Ein Paar zieht aufs Land und stößt dort auf eine mysteriöse Macht, die schreckliche Veränderungen an ihren Körpern hervorruft .

„Together“ hat einen gleich mehrfach interessanten, gegenintuitiven Ansatz für einen Horrorfilm.

Zunächst legt er bereits in der Startszene alle Karten insoweit auf den Tisch, dass kaum eine der folgenden, zentralen Entwicklungen mehr überraschen kann. Dazu arbeitet er mit den visuellen Stilmitteln des Body Horror, aber auf einer am Ende beinah schon liebevolle Weise. Es ist also gerade nicht die visuelle Repräsentation der Abscheu vor dem eigenen Körper, die sich hier in Horrorbildern an die Oberfläche spült, sondern die aus dem Body Horror gelernten Bilder werden benutzt, um die Verschmelzung zweier Personen zu *einer* handelnden Einheit, was Wesensmerkmal wohl jeder langen (gesunden?) Beziehung ist, ins Groteske überspitzt zu visualisieren. Deshalb bleibt auch die Frage in gewisser Weise offen, ob wir hier eine Affirmation in ungewöhnlichen Bildern sehen oder doch ein satirisches Ans-Ende-Denken.
Ich tendiere zu letzterem. (7/10)

Hedda (2025, Nia DaCosta)
auf Amazon Prime

Die Geschichte der unglücklich verheirateten Hedda Gabler, die zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, ihrer unerfüllten Liebe zur ehemaligen Geliebten Eileen und einem eskalierenden Macht- und Begehrenstrudel während einer einzigen spannungsgeladenen Nacht hin- und hergerissen ist.

„Saltburn“, aber von Ibsen. Enttäuschte Liebe, Machtinstinkt und Gier finden auf einer Feier in einem herrschaftlichen Anwesen ein Zuhause. Emporkömmling und Gastgeberin Hedda (Tessa Thompson) spielt ihre Verschlagenheit geschickt aus und reisst alle um sie herum ins Verderben, nicht zuletzt ihre alte Liebe Eileen Lovborg (Nina Hoss), die in der Zwischenzeit die berufliche Konkurrentin von Heddas Ehemanns geworden ist.

Gut ausgestattet, aber für mich in seinen Dynamiken zu unvermittelt und zu wenig aus den Charakteren heraus nachvollziehbar. Wie schnell sich hier größte Liebe in ärgste Abscheu dreht! Ein Satz! (5/10)

Gotteskinder (2024, Frauke Lodders)
in der Arte Mediathek

Zwei streng religiös erzogene Geschwister geraten durch erste Liebe in einen zerstörerischen Konflikt zwischen ihrem evangelikalen Elternhaus und dem Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Eine Geschichte über christlichen Fundamentalismus in bürgerlichen deutschen Strukturen. „Gotteskinder“ spürt nach, wie religiöser Fanatismus gerade Jugendliche indoktrinieren und letztlich gefährden kann.

Frauke Lodders Film ist effektiv darin, den Zuschauer ob des Gesehenen wütend zu machen und Emotionen zu aktivieren. Ihr gelingt das allerdings auf nicht gerade subtile Weise, denn hinter der Oberfläche der Nettigkeit sind die Fundamentalisten hier zu keinerlei nichtextremer Rede fähig. So gelingt es Lodders auch nicht, der Attraktivität nachzuspüren, die dieser Glauben ja zunächst auch haben muss, um Anhänger zu finden. Insbesondere die (erwartbare) große Frage der Homosexualität wird so stumpf thematisiert und vor allem frühzeitig „angedeutet“, dass schlicht alles schon auf dem Tisch liegt, bevor der Zuschauer überhaupt sein analytisches Besteck zücken kann. (6/10)

Highest 2 Lowest (2025, Spike Lee)
auf AppleTV+

Ein Musikmogul steht vor einem moralischen Dilemma, als Entführer versehentlich den Sohn seines Chauffeurs kidnappen und ein hohes Lösegeld fordern, das er für den Rückkauf seines Labels braucht.

Misslunges Spike-Lee-Remake des Kurosawa-Klassikers „High and Low“.
Denzel Washington denzelt sich hier als Plattenfirma-Boss durch einen Hochglanz-Film, der nie so recht weiß, ob er nun Drama, New Yorker Gesellschaftsbild oder Thriller sein mag. Die Entführungsgeschichte im Zentrum schaltet nie in einen richtigen Gang und so bleiben in erster Linie die Verhandlungen zwischen Washington und seinem besten Buddy (Jeffrey Wright) in Erinnerung, die moralische Dilemmata ausbuchstabieren. (5/10)

Caligula (1979, Tinto Brass)
zur Leihe

Der machthungrige Caligula ermordet den syphilitischen Kaiser Tiberius, übernimmt die Herrschaft über Rom und versinkt mit seiner Schwester Drusilla und Frau Caesonia in dekadenter Grausamkeit, sexuellen Exzessen und Tyrannei.

Auch eine Idee: Dekadenz mittels Dekadenz darzustellen! „Caligula“ ist der berüchtigte Tinto Brass – Film, der in seiner Urversion auch deshalb fast drei Stunden dauert, weil der Produzent & Penthouse-Chef Bob Guccione das von Brass verflimte Gore-Vidal-Drehbuch selbst umschnitt und mit vielen, vielen Minuten an Hardcore-Porn-Szenen anreicherte. Dennoch ist „Caligula“ seltsam unsexy, eine Anti-Orgien-Werbung, deren Sexszenen den Wahnsinn lediglich verlängern, keinesfalls bereichern.

Neben einer Riege an italienischen Darstellern, die mit vollen Körpereinsatz ihren Zelluloid-Einsatz rechtfertigen wollen, konnte man mit Helen Mirren, John Gilgud & Peter O’Toole britischen Schauspiel-Hochadel verpflichten, von denen vor allem letzterer mit seiner Darstellung des im Syphillis-Endstadium sich befindenden Tiberius die wohl bizarrste Performance seiner reichen Schauspiel-Karriere liefert (& wir erinnern uns: Peter O’Toole ist mit acht Nennungen der meistnominierte Schauspieler für beste Hauptrolle, der nie einen Oscar gewinnen konnte). Malcolm McDowell in der Hauptrolle als ‚Stiefelchen‘ liefert nicht weniger heftig ab, doch indem er quasi seine Clockwork-Orange-Persona hier als römischer Kaiser channelled, wirkt er im Gegensatz zu O’Toole praktisch naturalistisch echt.

Einige beeindruckende Sequenzen wie die absolut irre, straßenzug-große Kopfabschlag-Maschine sind so draußen, dass sie dann doch ein einmaliges Sehen rechfertigen, aber 156 Minuten, puh! (4/10)

Kämpferin im Untergrund / She Walks in Darkness (2025, Agustín Díaz Yanes)
auf Netflix

Eine junge Polizistin schleicht sich in den 1990er-Jahren in die baskisch-nationalistische Terrororganisation ETA ein.

Biederer Krimi um eine Undercover-Polizistin, die die ETA unterwandert. Die ETA-Kämpfer bleiben Chiffren und trotz einer überzeugenden Performance von Susana Abaitua in der Hauptrolle simmert der Film auf Fernsehniveau. Vor allem dass „Kämpferin im Untergrund“, so der zugleich pathetische wie profane deutsche Titel, nie wirklich die Spannungsschraube andreht, ist eine vergebene Chance. (5/10)

Wir sind dann wohl die Angehörigen (2022, Hans-Christian Schmid)
zur Leihe

„Wir sind dann wohl die Angehörigen“ zeigt die 33 Tage der Entführung des Jan Philipp Reemtsma im Jahr aus der Perspektive seiner Familie.

Wie der sperrige Titel bereits andeutet, hat Hans-Christian Schmid wenig Interesse daran, die spektakuläre Entführungsgeschichte von Jan-Philipp Reemtsma als räudige Räuerpistole zu erzählen, sondern konzentriert sich darauf, die Dynamiken in Familie und Freunden herauszuarbeiten – und die immer stärker werdenden Spannungen mit der Polizei, deren Geldübergaben mal um mal scheitern.

Leider überzeugen weder Philipp Hauß als Reemtsma noch Claude Heinrich als sein Sohn Johann Scheerer (der die Buchvorlage geschrieben hat und heutzutage ja mit dem Clouds Hill – Plattenstudio/Label ein wichtiger Player in der deutschen Indie-Musik-Szene ist), so dass neben der bewusst unterkühlten Inszenierung kaum erfolgreich transportierte Emotionen einen fühlenden Zugang zum Film erschweren. (6/10)

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