vonSchröder & Kalender 15.11.2006

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

Mehr über diesen Blog

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

***
Im Juli 1975 verlieh eine Jurry, die aus Bazon Brock, Nicolas Born, Peter Handke, Michael Krüger und Urs Widmer bestand, den ersten von Hubert Burda gestifteten Petrarca-Preis. Der Preisträger war postum R. D. Brinkmann, Verleihungsort der Mont Ventoux. Ich war zu dieser Zeit gerade in Juan-les Pins, fuhr zur Preisverleihung und berichtete nicht, wie ursprünglich geplant, in der Frankfurter Rundschau über das Ereignis, sondern ein paar Jahre später in der taz. Die Geschichte ist vier engbedruckte taz-Seiten lang und trägt den Titel ›So-ja-Bohnen‹. Hier ein paar Zitate daraus, die Fotos liegen in der Kölner Pop-Ausstellung in der Vitrine. (JS)

»Und nun geschah das Sonderbarste, was ich während dieser Petrarca-Preis-Verleihung sah. Die Leute pflückten Lavendel, der Porträt des toten Dichters Rolf Dieter Brinkmann auf der Spanplatte wurde vom ZDF an die provenzalische Mauer gelehnt und abgefilmt.

brinkmann6.jpg
Genau die Atmosphäre, über die Brinkmann sich zu Lebzeiten schreibend ausgeätzt hätte, über dieses Lämmeressen, den Lorbeermuff, die Witwe … na ja, und die Tischreden. Ich war beim Sonderbaren, ach so, die Lavendelwiese – alles verteilte sich, da sehe ich diesen unglücklichen Handke, wie er auf einem leichten Hang Kobolz schießt. Im Turnsport nennt man das ja wohl ›Rolle vorwärts‹. Macht doch dieser Fiti tatsächlich drei unbeholfene Rollen auf einer Lavendelwiese. Das mußt du dir einmal vorstellen: Einer, der es nicht kann, jemand, der nicht fröhlich ist, der ein Erwachsener ist, der Schriftsteller ist und obendrein einer, der Handke heißt, im Lavendel mit drei, vier mißratenen Rollen nach vorn!

brinkmann10.jpg
Die ganze Gesellschaft wieder in den Bus, Hubert Burda half dem Fahrer auf französisch: »bon bon bon«, weil das Wenden schwierig war. Zurück zum Hotel, umziehen für den Festakt, die eigentliche Verleihung des Preises. Zwar waren die verunglückte Besteigung des Mont Ventoux – Bazon Brocks Lorbeerkranz, boing, klatsch, Maleen Brinkmann auf den Dez – bereits gelaufen, aber nun sollte es zum Kosmokulturellen übergehen.

Währenddessen ein neuer Fernsehauftritt von Handke. Er hatte sich eine Mineralwasserflasche organisiert; um ganz nebenbei Lockerheit zu zelebrieren, goß sich das Perrier hinten in den Kragen und sprach vor der laufenden Kamera: »Erfrischend!« Danach zog auch er sich um, trug das weiße Oberhemd und die schwarze Samtjacke. Wir fuhren nach Roussillon ins ›David‹, es hat einen Stern und Blick auf die bunten Ockerfelsen. Im Innenhof des Restaurants wurden dann weitere Reden gehalten für die internationale Welt der Literatur. Drei Ritter standen tapfer dabei mit ihren kleinen Röschen im Knopfloch, uralt, Ehrenlegion, die sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Handke probte sie auf französisch an. Diese Kulturfranzosen haben ja ein ungeheures Stehvermögen, solche alten bedeutenden Menschen kannst du notfalls von der Bahre hochkippen, bomm, sie stehen auch noch senkrecht, wenn einer anschließend auf deutsch über Literatur redet und ihnen Brinkmanns ›D-Zug-Gedicht‹ vorliest. Handke konnte sich in seiner Ansprache die Spitze nicht verkneifen, daß Literatur keinesfalls ein »verächtliches Abtun abgelebten Lebens sein dürfe«. Den Schuh sollte ich mir wegen ›Siegfried‹ anziehen. Und nach seinen Ausführungen fragte er aufgeräumt das Tramperpärchen: »Sie lieben sich wohl sehr, weil Sie sich immer streicheln?!« Die monegassische Reiseführerin wurde langsam krötig, denn das Essen wartete.

Die Jakobsmuscheln und das Huhn in Blätterteig waren längst verzehrt, die Sorbets schon reingezogen, die Davidoffs wurden angezündet, Hubert Burda schwärmte von Lucia di Lammermoor. Nun ging es zum gemütlichen Teil über, Michael Krüger berichtete aufgeregt, wie er beim Herflug in einer Privatmaschine in Wetterturbulenzen geraten sei, und der Pilot in den schwarzen Wolken über den Vogesen einen gräßlichen Looping nach dem anderen geflogen habe. Interessanter fand ich, daß er mir angedudelt erzählte, Brinkmann sei eigentlich ein Irrer gewesen. Er hatte ihn auf einem Bahnhof kurz hinter Graz vom Zugfenster aus beobachtet – sie kamen beide vom ›Steirischen Herbst‹. Rolf Dieter stand auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig, in Anzug und Weste, obwohl es sehr warm war, riß Block und Bleistift aus dem Koffer, notierte etwas, legte Block und Bleistift wieder zurück, schleppte den Koffer zehn Meter weiter, riß die Schreibutensilien wieder heraus. Zehnmal sei das so gegangen, vollkommen verrückt sei dieser Brinkmann da herumgegeistert. Das war nun wirklich verrückt: ein deutscher Lyriker und Hanser-Verleger aus der Petrarca-Jury, der mir vertraulich steckte, er habe einen Dichter beobachtet, der eigentlich nur ein Verrückter gewesen sei. In Juan-les-Pins fand ich später einen Brief des Lyrikers Wolf Wondratschek vor, darin beklagte der sich bei mir, daß nicht er der Preisträger sei: »Gegen einen Toten kommt man eben nicht an«.

Aus ›Schröder erzählt‹, Sonderausgabe zur 20. Folge: ›So-ja-Bohnen‹, ›Maggi pur‹ und ›Gewissensbisse‹ erschienen im Februar 1995

Für die Zeit, in der die Leihgaben in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese stellen wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vor, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

Wir haben dieses Foto von Martin Eberle aus der Serie ›After Show‹, Portraits nach dem Auftritt, ausgewählt, obwohl von dieser Wand kein Bild für die Kölner Ausstellung abgehängt wurde.

P1000336.jpg
Martin Eberle hing jahrelang in den Clubs ab, die er später für sein Buch ›Temporary Spaces‹ fotografierte. In seiner neuen Arbeit porträtiert er Musikerfreunde: »Wenn sie von der Bühne kommen und alles gegeben haben. Es sind Menschen, deren Musik für mich wichtig ist wie zum Beispiel die neue Platte von T.Raumschmiere (Random Noize Sessions Vol. 01″). Sie ist gerade erschienen, aber ich habe schon eine Demo seit dem Sommer, das ist tolle Musik.
TRaumschmiere02.jpg
Aus der Arbeit ›After show‹: T.Raumschmiere, 40 x 50 cm, (Werkabzug)
Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet.

POP-Vignette.jpg

Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr. Siehe dazu die Besprechung von Wolfgang Frömberg.

Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT – Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›Temporary Spaces‹.

(Copyright für die Abbildungen: Erika Schröder und Martin Eberle, sonst BK / JS)

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/schroederkalender/2006/11/15/ausserordentlich-und-obszoen-bildertausch-11/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.