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vonSchröder & Kalender 19.06.2007

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert wieder – schwach in südöstlicher Richtung – vermutlich wurde ihm der Pelz gewaschen.

Kaum war der Generalbevollmächtigte aus dem Haus, redete ich unserer neuen Telefonistin ins Gewissen: »Leg mal eben das Buch weg, du kannst gleich weiterlesen. Hier ist der Wahnsinn zugange, der hat uns allen gekündigt, und du sollst auf uns aufpassen. Willst du das? Ich mache dir einen Vorschlag: Bleib hier sitzen, kassier dein Geld und kümmere dich um sonst nichts.« Das sah sie sofort ein, schließlich schrieben wir das Jahr 1969 und nicht 1996 – mehr brauche ich dazu nicht zu sagen. Ich gab den Ukas aus: »Alles einpacken!« Ja, nicht alles, nur das, was für die neue Produktion wichtig war, alle Herstellungsunterlagen zum Beispiel von ›Acid‹, ›Subkultur‹, die Planungsmappen mit den Agenten-, Autoren- und Übersetzerkorrespondenzen zu ›Roter Stern über China‹, Nitsch, Leroi Jones, Jan Cremer, natürlich sämtliche Unterlagen der Olympia Press, vor allem die Bestellungen. Es waren höchstens zwanzig Rama-Kartons voll, aber erstmalig mußte Hoinä, unser Türschilddesigner mit den weißen Socken, etwas einpacken und tragen. Den ganzen Tag über hatte er mit unschlüssigem Gesicht dabeigestanden, ihm war ja nicht gekündigt worden. Als ich ihn fragte: »Heiner, willst du bei uns mitmachen?« lautete seine Antwort: »Isch häng moi Mäntelsche nach em Wind.« Aber als er die ersten Kisten ins Souterrain schleppen mußte, fing er an, unheimlich zu stöhnen, und mir schwante, daß der die Arbeit nicht erfunden hatte. Die Akten mit der Verlagskonterbande stellten wir im abschließbaren Kellerzimmer mit der Telefonanlage ab. Von dort aus rief ich das ›Darmstädter Echo‹ an und erzählte dem Feuilletonchef Georg Hensel von der fristlosen Kollektivkündigung. Als er mehr wissen wollte, verwies ich ihn an den Generalbevollmächtigten Kurzhals. Die überregionale Presse und die Agenturen wollte ich erst am nächsten Tag benachrichtigen, wenn ein Verlagsname gefunden war.

Meine Mitstreiter warteten im Souterrain, als ich um fünf in den ersten Stock ging. Rudolf Kurzhals war soeben angekommen und studierte die Notizen unserer Verbündeten vom Studentenschnelldienst. »Ah, Herr Schrödä. Isch geh gleisch widdä, mä wädde erscht mosche frih die Telefonate bespresche. Isch bin ab jetz täschlisch von acht bis neun im Välag, unn Sie sinn dann bitte aach pinktlisch da. Wo sinn dann die annän Mitabbeidä?« »Herr Kurzhals, ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen: Wir nehmen die fristlose Kündigung an, kehren nicht mehr an die Arbeitsplätze zurück …« Ring ring, wurde ich unterbrochen. Der Mann kriegte eine rote Birne, stotterte ins Telefon: »Herr Hensel, gebbe Se mä bitte Iä Durschwahl, isch ruf Se gleisch zurick.« Danach hockte er wie ein Häuflein Elend im Verlegersessel und sagte fast tonlos: »Des ›Escho‹ will wisse, wie des beim Melzä Välag ohne Aagestellte woiddägeht. Unn was soll dann isch dene jetz sage? Ei, was mach isch bloß?«

Ungerührt zog ich meine nächste Karte: »Das ist Ihre Sache. Aber noch eine Kleinigkeit: Bitte entfernen Sie sofort die vom Melzer Verlag installierte Telefonanlage aus unserem Büro im Souterrain. Wir haben dafür einen Mietvertrag, hier ist die Kopie. Wenn der Schrott nicht innerhalb von zwei Stunden verschwunden ist, schmeißen wir ihn auf den Hof!« Und du kannst mir glauben, ich hätte es getan, egal ob zu Recht oder zu Unrecht. »Ei, des geht doch net! Des kost ja zehntausend Makk!« »Ich bestehe darauf, raus damit!« »Naa, so ebbes! Ei, könne mä uns net vielleischt oinische? Der Melzä Välag braucht doch kaa zwaa Nummän meä, wo er jetz viel klaaner gewodde is.« »Gut, wenn Sie wollen, übernehmen wir die Anlage von Ihnen und lassen einen Zähler für Sie einbauen. Aber nur für eine Übergangszeit; bis die Post Ihnen eine neue Leitung geschaltet hat, dürfen Sie unseren Anschluß benutzen. Frau Hansal wird Ihnen gleich die Vereinbarung zur Unterschrift raufbringen.«

Fortsetzung folgt

(BK / JS)

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