vonSchröder & Kalender 22.01.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

Die Buchhandlung Müller & Böhm im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Haus zeigt ab heute den ›MÄRZ-Raum‹. Diese Ausstellung präsentiert Erstausgaben, Dokumente, Filmausschnitte und Fotos aus der bewegten Verlagsgeschichte des MÄRZ Verlages.

Eröffnet wird die Ausstellung von Uwe Husslein, dem Kurator des ›POP am Rhein‹-Festivals. Anschließend wird der mit einem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnete Film ›Die MÄRZ-Akte‹ gezeigt.

Der MÄRZ Verleger Jörg Schröder begann 1957 seine Karriere im Buchgewerbe in Düsseldorf als Lehrling der Schrobsdorff’schen Buchhandlung auf der Königsallee. Wie wird man Buchhändler?

1. Teil

Ich schlenderte die Schadowstraße hinunter bis zur Ecke Königsallee, ein paar Häuser weiter sah ich eine Buchhandlung. Das heißt, ich sah eben nicht die Buchhandlung Schrobsdorff, sondern Brigitte Bardot im ›Goldpfeil‹ Schaufenster daneben herumturnen. Sie zelebrierte exhibitionistisch ein Dekorateusenballett zwischen den Krokotaschen und Schweinslederkoffern mit Schmollmund und Pferdeschwanz in schwarzen Keilstretchhosen, dem knallengen Ringelpullover, den flachen Ballerinaschuhen. Sie sah nicht aus wie die Bardot, sie war es! Der Anblick dieses Mädchens zwischen den Lederwaren traf mich wie ein Blitzschlag — Gier, Leidenschaft, Liebe. Es war aber noch nicht die Zeit des schamlosen Starrens bei solchen Gefühlsaufwallungen angebrochen, es wurde weggeguckt. Also starrte ich blind gegen eine Scheibe und peilte verstohlen zu Brigitte Bardot rüber. Es war Liebe auf den ersten Blick — bei mir, bei ihr nicht, sie war lediglich kokett.

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Brigitte Bardot (1955) auf dem Set bei Dreharbeiten zu dem Film ›Cette sacrrée gamine‹, deutscher Titel: ›Pariser Luft‹. Das Foto erschien erstmalig 1984 in ›MÄRZ Mammut‹.

Daß Liebe nur ein biologisches Phänomen ist, wissen wir ja spätestens, seit neulich im ›Time Magazine‹ stand, wie eine Gruppe von Monokausalisten es als solches entdeckte. Etwas ganz Neues, daß die Fortpflanzung des Menschen mit Biologie zu tun hat! Neue Wissenschaftserkenntnisse haben immer wieder etwas Überraschendes, so auch, ebenfalls in ›Time‹ nachzulesen, daß Essen Krebs verursacht. Auf einem bunten Bild sind diese Krebserreger versammelt: Äpfel, Birnen, Orangen, Mangos, Petersilie, Walnüsse, Möhren, Champignons, Sellerie, Feldsalat, Kopfsalat, Wein, Vollweizen, Toast. Die Quintessenz der Nachricht: Wenn es kein Leben gäbe, gäbe es keinen Krebs. Zur Kategorie solcher nobelpreiswürdigen Leistungen gehört auch die Erkenntnis, daß der Staat nicht mehr ausgeben dürfe, als er einnimmt, und daß Schulden zurückgezahlt werden müssen. Für diese »mikroökonomische Theorie« bekam nämlich Professor Gary S. Becker vor einem Jahr den Nobelpreis für Ökonomie der Schnarchzapfenakademie Stockholm. Wenn du bedenkst, daß für Thesen dieser Art der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft verliehen wird, brauchst du dich nicht mehr darüber zu wundern, welche Schriftsteller zuweilen den Nobelpreis für Literatur erhalten. Und weil wir schon mal bei ökonomischen Großleistungen sind: Guck dir den Synergietiroler Edzard Reuter an, der sich von seinen Stabsleuten zu einem integrierten Technologiekonzern überreden ließ und nie begreifen wird, daß Mercedes nur gute Autos bauen kann; schließlich den König aller wissenschaftlichen Glatzenfriseure, Stephan Hawking. Da halte ich mich doch lieber an den Prediger Salomo und dessen viel kürzeres Gedicht über die Zeit: »Was geschieht, das ist zuvor geschehen, und was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen; und Gott sucht wieder auf, was vergangen ist.« Vorausgesetzt, er interessiert sich überhaupt für ein Phänomen wie die Zeit. Was der Prediger mit der Liebe zu tun hat? »Es gibt nichts Besseres, als fröhlich zu sein und sich gütlich zu tun im Leben.« Also, es war keine wahre Liebe zu Brigitte Bardot, sondern ›a biological affair‹. Und es hätte vielleicht sogar etwas Biologisches zwischen ihr und mir geschehen können, wie sich später zeigte, wenn nicht ein halbes Jahr dazwischen gewesen wäre, so geduldig ist meine Biologie nicht.

Jetzt aber stand ich noch vor dem Schaufenster einer Buchhandlung und dachte erst: Dieses Mädchen isses! Dann: Mensch, Schriftsteller! Auf die Idee war ich noch nicht gekommen. Wenn sie mich nicht als Journalist in die ›Rheinische Post‹ reinlassen, stoße ich doch gleich ins Zentrum der Literatur vor, drehe mich über diese Buchhandlung hinein ins Dichtergewerbe. Der Handel mit Büchern interessierte mich nicht, ich stellte es mir so vor: Wenn ich erst mal ein bißchen was von Literatur verstehe, werden diese Lektüren osmotisch auf mich wirken wie in Döblins Geschichte, in der ein Schornsteinfeger zufällig eine Bibliothek betritt, sich überlegt, daß der bloße Einfluß der Bücher auf die Herumsitzenden offenbar genüge, um sich gewisse Kenntnisse zu verschaffen. Er liest in verschiedenen Werken, stellt erstaunt fest, daß sie einander widersprechen, schließt daraus, daß man sich offenbar mit einer Quersumme der Inhalte begnügen müsse, und kommt deshalb wieder auf das einfache Herumsitzen zurück, die osmotische Kenntnisnahme von Literatur. Im ›Siegfried‹ erzählte ich die Schaufenstergeschichte um des stärkeren Effektes willen so, daß ich mich nur deshalb entschloß, Buchhändler zu werden, um dieser Brigitte Bardot nahe zu sein. Das ist nicht ganz wahr, denn ich hatte meine Karrierepläne nicht vergessen.

(Fortsetzung folgt)

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Das Plakat zu ›POP am Rhein‹ entwarfen: Barbara Kalender, Till Kaposty und Jörg Schröder.

Der Katalog zum ›POP am Rhein‹-Festival erschien im Verlag der Buchhandlung Walther König.

Ausstellung im Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1 bis 3, 50667 Köln.
Dauer der Ausstellung: 13. Dezember 2007 bis 17. Februar 2008
Öffnungszeiten: Dienstags von 10:00 Uhr bis 20.00 Uhr, Mittwochs bis Sonntags von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr- Eintritt: 5 € / 4 €
Übrigens: Am Webdesign von ›POP am Rhein‹ begehren wir nicht schuld zu sein.
In Düsseldorf wird ›Der März-Raum‹ gezeigt in der Müller & Böhm Literaturhandlung, Bolker Str. 53, 40213 Düsseldorf.
Dauer der Ausstellung: 23. Januar bis 16. Februar 2008
Öffnungszeiten: Montags bis Freitags: 10:00 Uhr bis 19:00 Uhr, Samstags 10:00 bis 18.00 Uhr. Eintritt: Frei!

(BK / JS)

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