vonSchröder & Kalender 08.10.2008

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.

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Unser Freund, der Autor, Musiker und Journalist H.P. Daniels liest, singt und trinkt am 11. Oktober, 20 Uhr 30, im Leuchtturm, Crellestraße 41, Berlin-Schöneberg, Eintritt: 5 Euro.

Foto von Peter-M. Scheibner

Wir bringen aus diesem Anlaß eine Geschichte von ihm aus seiner Zeit als Taxifahrer in Berlin:

Wieder einmal läuft es nicht. Das Taxigeschäft. Nicht einmal am KADEWE. Wo es sonst immer noch ein bißchen läuft. Und da sitzen wir in unseren Autos. Lesen. Arbeiten uns mühsam nach vorne.
Plötzlich ein Knall. Ein Schlag. Ein Ruck. Ich erschrecke. Hoch von der Zeitung. Ist der hinter mir aufgefahren? Drehe mich um, nein, der steht in gebührendem Abstand. Sitzt und liest. Als wäre nichts. Seit Ewigkeiten nichts. Auch auf der Seite nichts. Rechts nichts. Kein Radfahrer in die Seite gerammt. Und links nichts. Keine Mutter mit Kinderwagen. Kein Skater. Auch vorne nichts. Wo der Kollege steht. In gebührendem Abstand und liest. Aber dieser Schlag. Dieser Aufprall? Hinten nicht. Vorne nicht. Und nichts an den Seiten. Oben? Vielleicht oben? Ein dicker Ast oder sowas? Ein Ziegelstein. War doch ein gewaltiger Schlag. Also raus aus dem Auto, aufs Dach schauen. Ach du meine Güte! Da liegt, mitten auf dem Dach, auf meiner Taxe … mittendrauf, ausgerechnet … eine Taube. Schwer verletzt. Sieht jämmerlich aus. Zuckt ein bißchen. Mit den Flügeln. Eigentlich nur noch mit einem Flügel. Kläglich. Schaut mich an. Mit einem traurigen Blick. Sie stirbt, das ist klar. Was macht man in so einer Situation? Ich kann das sterbende Tier nicht einfach so anfassen. Und wenn ich es könnte, wohin damit? Was tun? Erstmal beraten. Mit dem Fahrer hinter mir. Der liest immer noch. Hat nichts mitbekommen. Von der Taube auf dem Dach. Und wie sie dahingekommen ist. Vielleicht von einem Bus erwischt und rübergeschleudert. „Sag mal, Kollege, haste das gesehen?“ Nee, hat er nicht. „Mensch“, sagt er „die lebt ja noch!“ Nee, anfassen würde er die auch nicht. „Aber du hast doch genügend PS unter der Haube“, sagt er, „wenn Du losfährst, trittst du einfach voll aufs Gas, dann wirdse schon runterfallen!“ Ja, das hatte ich mir auch schon gedacht, aber irgendwie … wenn sie doch noch lebt … und sie hat mich so angeschaut vorhin! Doch was soll man machen? Ach, jetzt ist sie tot. Liegt tot in der Mitte vom Taxidach. „Mach dir nix draus“, sagt der Kollege, „wir haben doch schon genügend Ratten der Lüfte!“ Aber wenn jetzt Fahrgäste kommen, die sagen doch bestimmt: „watt ham Sie denn da uffm Dach?“ Und dann wollen sie womöglich nicht mehr einsteigen. Ist ja nicht zu übersehen, die tote Taube. Und dann geht’s bestimmt gleich los: „Nee, also wissennse, mit ner totn Taube uffn Dach … ditt willick nich. Da steijick lieba woanders ein …“

Die beiden älteren Damen kommen aus dem KADEWE. „Ja, die Lebensmittelabteilung!“ schwärmen sie… und dass sie aus Köln sind erfahre ich.
Sie müssen die tote Taube auf dem Dach gesehen haben. Was haben sie sich dabei gedacht? Sie schwärmen von der Lebensmittelabteilung im KADEWE. Und daß ich ja endlich mal ein netter Taxifahrer sei. Der gestern sei ja sowas von muffig gewesen. „Dann soll er wenigsten Guten Tach sagen … danach kann er ja dann schweigen, aber nicht mal das … können sie sich das vorstellen?“ Doch, kann ich eigentlich schon. Und denke an die tote Taube auf dem Dach. Und mache lieber das Schiebedach zu. Falls ich mal scharf bremsen muß. Das wäre dumm. Wenn die Taube statt nach hinten nach vorne rutscht … und dann … ins Schiebedach rein … die eine der Frauen sitzt vorne. Und ich ja auch.
Sie wollen zum Forum Hotel, erzählen daß die Zimmer da viel zu klein seien, da passt gerade ein Bett rein, und ein Nachtkasten für zwei. Sie lachen sind lustig. Und sie fragen nicht, warum ich immer so ruckartig anfahre. An jeder Ampel: einen ruckartigen Satz, wenn’s geht … oft geht’s nicht, weil zu viele Autos vor mir sind. Ich muß sehen, dass ich als erster an die rote Ampel komme. Für eine gute Startposition … um richtig heftig losrucken zu können. Die Frauen erzählen von ihrer Reisegruppe: Mit dem Bus seien sie von Köln gekommen. Und eine Stadtrundfahrt hätten sie auch schon gemacht. Aber eins sei ihnen aufgefallen: „Ihr Berliner habt schon einen, na ja sagen wir mal … etwas kantigen Fahrstil!“
Verdammt, ich hab die Taube immer noch nicht runterfallen sehen. Und ein Kollege an der Ampel gestikuliert wild zu mir rüber. Hoffentlich zeigt er jetzt nicht auf mein Dach, ruft nicht: „He Kollege, haste nich jesehn, du hast ne tote Taube uffm Dach!“ Und dann müßte ich entweder so tun als wüßte ich von nichts, völlig erstaunt, watt iss bei mir uffm Dach? … oder ganz cool abwinken: „Ja ick weeß: tote Taube!“
Also noch mal ein heftiger Rucker beim Start. Aber ich muß ja auch ein bißchen aufpassen, daß ich nicht gerade am Potsdamer Platz einen Rucker tue, wo die vielen Leute an der Straße stehen, an der Fußgängerampel … daß denen nicht plötzlich eine tote Taube um die Ohren fliegt … oder den Radfahrern hinter mir. Komisch, daß von denen keiner was sagt: „He, sie ham da ne tote Taube!“ – „Ach, du Scheiße!“ Und wenn meine Kölner Damen aussteigen am Forum Hotel, spätestens dann müßten sie doch was sagen, wenn sie beim Aussteigen die Taube sehen. Aber sie haben ja auch beim Einsteigen nichts gesagt. Sie steigen aus. Sagen nichts. Nur, daß ich doch der netteste Taxifahrer von Berlin sei. Vielleicht wollen sie mich ein bißchen trösten. Weil sie sich denken können, wie es ist, wenn man mit einer toten Taube auf dem Dach rumfahren muß. Und ich mach nochmal einen Ruckstart am Forum Hotel. Aber nichts. Keine Taube rutscht. Keine Taube im Rückspiegel zu sehen. Und ich rucke weiter. Jetzt weitaus mutiger als vorher, als die Kölner Damen noch im Wagen waren. Ich wollte ja nicht, daß die in Köln erzählen, in Berlin fahren alle Taxifahrer wie Armin Müller Stahl in der New York Episode von „Night On Earth“, diesem Taxifilm von Jim Jarmush. Und rucke und zucke weiter, und keine Taube fällt vom Dach. Ach, egal, jetzt halte ich an der Tiergartenstraße, besorg mir einen dicken Ast … und dann hau ich das blöde Vieh einfach vom Dach. Ich sehe nach, aber die Taube ist weg. Vielleicht ist sie doch jemand am Potsdamer Platz um die Ohren geflogen.

Am nächsten Tag fragt eine Kollegin: „Sag mal … hast Du gestern noch was Unangenehmes erlebt?“ – „Ich? Wieso?“ – „Du hattest ne tote Taube aufm Dach“ – „Ach ja die, ich weiß – na und?“

(HPD / PMS / BK / JS)

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https://blogs.taz.de/schroederkalender/2008/10/08/h_p_daniels_die_taube_auf_dem_dach/

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kommentare

  • Gar nix. Vieleicht hat oetinger einfach voll dringend mit jemanden reden müssen, der Druck wurde größer und größer, der Fernsehbeitrag ließ ihm keine Ruhe. Zwei Freunde hat er schon angerufen, keiner zuhause, seine Verflossene wollte er nicht anrufen, der Druck wurde immer größer, und da hat er sich dann einfach in das nächstbeste Kommentarfeld ergossen. Ahhhhh, das tut gut…

  • im tv lief ein beitrag zu israels neuer junger orthodoxer bewegung. als ein bsp. changierte hier die altachtundsechzigerin, die von den kompromissen bei den familientreffen zu erzählen wusste. es ging nicht um ein verhältnis zur gewalt. sie zweifelte vielmehr an den erkämpften werten. ihre tochter hat ihren eigenen weg! der extremismus, in einer form von zwangsverlangen, wogte sich nur in den beschwichtigenden zweifeln einer der älteren generation.

    warum informatiker – und eben nicht organist?
    was machte da den luhmann zu jemand, der eine gute theorie hat?

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