vonSchröder & Kalender 06.07.2014

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert schwach in nördlicher Richtung.

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Letzten Sonntag auf dem Weg zur Museumsinsel zählten wir acht junge Männer, deren Nase geschwollen oder gebrochen war. Nun fragen wir uns: Kommt das vom WM-Public-Viewing?

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Wir erwischten den Familientag und gleichzeitig wurde die neue Dauerausstellung »Steinzeit / Bronzezeit / Eisenzeit« im Neuen Museum eröffnet. Erst einmal gingen wir nicht ins Neue Museum, sondern blieben im Kolonnadenhof, denn hier hatte die Gruppe AGIL (Büro für angewandte Archäologie) ihre Stände aufgebaut. Als erstes sprachen wir mit dem Bogenbauer. Er erklärte uns, wie man in der Steinzeit Bogen baute,  dass die besten aus Eibe gemacht wurden. Die Bogensehnen, die auf dem Tisch lagen, waren aus Brennnesselfasern gedreht. Natürlich wurden auch Tiersehnen oder Darm benutzt.

 

Bogenbauen, Neues Museum, Steinzeit, tazblog Schröder & Kalender, Foto: Barbara Kalender

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Dann übten wir Bogenschießen. Bei mir (B) blieb der Pfeil nicht in der Strohscheibe stecken. Ich (J) konnte es noch, kein Wunder! Die russische Kommandantur hatte 1945 in einer Pankower Schule ein Hilfslazarett eingerichtet, dort arbeitete meine Mutter als Rote-Kreuz-Krankenschwester. Heiner, einer der Pfleger, baute mir aus den Spannstangen eines alten Regenschirms einen Flitzebogen – mein ganzer Stolz! Nur die Pfeilspitzen machten Probleme. Ich fand eine Lösung, kratzte warmen Bitumen aus dem Straßenbelag, formte Kugeln und setzte sie als Spitze auf die Pfeile. Damit schoss ich hoch in den Himmel, bis def Pfeil nicht mehr zu sehen war. Als es mir während eines Besuches bei Verwandten in Rosenthal langweilig wurde, wir hatten gerade Pflaumenkuchen gegessen und Tante Friedel räumte die Teller ab, schoss ich auf ihren Hintern. Sie schrie und tanzte von einem Bein aufs andere wie eine Wilhelm-Busch-Figur. Ich lachte, Onkel Walter klebte mir eine, konfiszierte den Bogen, und ich sah ihn nie wieder. Schlimmer noch als die Backpfeife und der Raub meines Schirm-Bogens war die Verachtung der Erwachsenen, die doch gerade den Krieg überstanden hatten, für den achtjährigen schießwütigen Übeltäter.

 

2-Bogenschießen, Neues Museum, Steinzeit, tazblog Schröder & Kalender, Foto: Barbara Kalender

 

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Feuersteine, 2-Bogenschießen, Neues Museum, Steinzeit, tazblog Schröder & Kalender, Foto: Barbara Kalender

 

 

Am nächsten Stand sah man Feuersteine, die nicht nur zum Feuerentfachen benutzt wurden, sondern aus deren Abschlag man Messer oder Beile machte. Auf dem Tisch lagen drei Messer (in der Mitte des Fotos, man erkennt sie am hellen Holz), sie sahen aus wie heute die Küchenmesser. Schon in der Frühzeit wurden die Abschläge des Feuersteins in einen Stock als Handgriff gesteckt. Da hat sich bis heute ja nicht viel verändert.

 

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4-Zunderschwamm, Feuersteine, 2-Bogenschießen, Neues Museum, Steinzeit, tazblog Schröder & Kalender, Foto: Barbara Kalender

 

Ein Aussteller von AGIL zeigte uns einen Zunderschwamm, den er nicht nur zum Feueranmachen benutzt, sondern auch zum Blutstillen.

 

5-Schuhe, 4-Zunderschwamm, Feuersteine, 2-Bogenschießen, Neues Museum, Steinzeit, tazblog Schröder & Kalender, Foto: Barbara Kalender

 

Sie sehen gut aus, jeder Hippie würde sich darüber freuen.

 

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6-Lehmofen-Bronzegießen, 5-Schuhe, 4-Zunderschwamm, Feuersteine, 2-Bogenschießen, Neues Museum, Steinzeit, tazblog Schröder & Kalender, Foto: Barbara Kalender

 

Es war spannend, den prähistorischen Bronzeguss mal mit eigenen Augen zu sehen. Den Ofen hatten die Leute von AGIL aus Lehm-Sand-Stroh-Gemisch gebaut. Als wir fragten, warum der Ofen ein Gesicht hat, antwortete Kerstin Schwämmle: »Es gibt keine Befunde, aber warum sollte der Ofen kein Gesicht gehabt haben?«

 

Kerstin Schwämmle ist Zahnärztin und Zahntechnikmeisterin in Hannover und Archäotechnikerin. Sie hat beim Aufbau des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen mitgewirkt und ist spezialisiert auf frühgeschichtliche Techniken. Sie hat zahlreiche Kurse konzipiert und durchgeführt. Harald Fricke ist Fotografenmeister und Langbogenschütze, befasst sich seit über 20 Jahren mit Archäotechnik. Die beiden zeigten, wie man in der Steinzeit Pfeilspitzen aus Bronze herstellte.

 

7-ziegenfell-blasebalg, 6-Lehmofen-Bronzegießen, 5-Schuhe, 4-Zunderschwamm, Feuersteine, 2-Bogenschießen, Neues Museum, Steinzeit, tazblog Schröder & Kalender, Foto: Barbara Kalender

 

Für einen Blasebalg muss eine Ziege entbalgt werden. Mit solchen Blasebälgen schürte man dann das Feuer im Lehmofen.

 

 

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Links auf den Backsteinen liegen zwei Pfeilspitzen. Die flüssige Bronze goss man in eine Tonform, sie wurde nach dem Erkalten zerschlagen, also eine verlorene Form. 

 

Die Kinder waren begeistert, und wir wurden auch wieder zu Kindern.

 

Alle Fotos: Barbara Kalender

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(BK / JS)

 

 

 

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