vonSchröder & Kalender 07.06.2019

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flättert in südlicher Richtung
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Jetzt, da sich die Ära der Sozialdemokratie ihrem Ende zuneigt, bringen wir einen Text über Ferdinand Lassalle. Natürlich sehen wir dessen Lebensweg nicht in kausalem Zusammenhang mit der Geschichte der SPD, dennoch sind sein Wirken und Sterben im Kern ein nahezu phänotypisches Abbild der »Bürgerscheiße«, wie Karl Marx die Sozialdemokratie nannte.

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Der nachfolgende Text erschien im Januar 2017 unter dem Titel ›Die Zweite Natur‹, es ist die 66. Folge  von ›Schröder erzählt‹ von Schröder & Kalender.

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In verzweifelten Briefen schilderte Ferdinand Lassalle  in der Folge den Freunden seine Qualen und bat Wilhelm Rüstow und Johann Philipp Becker nach Genf zu kommen. Auch Sophie von Hatzfeldt brach ihre Kur in Wildbad ab und eilte zu ihm. In der Zwischenzeit versuchte sein Freund und Rechtsanwalt Aurel Holthoff – der auch Helenes Pate war – vergebens die Familie von Dönniges umzustimmen. Lassalle schrieb ihm am 5. August: »Sehr lange hält, ich fürchte, Helenes Charakter den auf sie ausgeübten Druck nicht aus.«

Seine Befürchtung wurde zur Realität. Zwei Abgesandte der Familie erschienen bei Lassalle: Graf Keyserlingk, der Verlobte von Helenes Schwester, und Helenes Vetter, der Historiker Dr. Arndt. Die beiden Herren erklärten Lassalle in Helenes Auftrage, dass sie sich von ihm losgesagt und wieder ihrem Verlobten Janko von Racowitza zugewandt habe. Am nächsten Tag erhielt Lassalle einige kleine Geschenke zurück, die er Helene nach der Begegnung im Rigi gemacht hatte.

Der zurückgewiesene Liebhaber ignorierte Helenes klare Worte und schrieb ihr: »Du hast kein Recht, alle die Zusicherungen zu brechen, die wir so fest uns gegeben hatten. Du hast kein Recht, das Übermaß von Rücksicht und Delikatesse, mit welchem ich Dich Deiner Mutter zurückgab, so schrecklich, so schändlich zu vergelten. […] Du hast kein Recht, endlich, mich zu töten und ich bin fest entschlossen, von Dir nicht zu lassen und Deinen Verlust nicht zu überleben. Drittens: Willst Du mich gleichwohl Deinem Vater aufopfern, gut, so fordere ich wenigstens noch eine einzige Unterredung von Dir, um mein Los aus Deinem eigenen Munde zu vernehmen. Früher kann und werde ich Dich nicht aufgeben. Diese Unterredung – die letzte dann unseres Lebens – Du kannst und darfst sie nicht ausschlagen. Du hast mich namenlos unglücklich gemacht; ich liebe Dich jetzt mit einer Glut, gegen welche alles andere und frühere bloßer Anfang war. Ich kann nicht mehr denken als Dich. Alles andere ist mir zur Farblosigkeit verblasst. Seit Mittwoch Nacht liebe ich Dich bis zum Wahnsinn.«

Die Sache nahm immer wahnhaftere Züge an, Lassalle schrieb an Holthoff: »Ich habe mir mein Ehrenwort gegeben an dem Tage, wo ich Helene für verloren geben muss, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen. […] Ich habe die Inventur meines Lebens gemacht. Es war groß, brav, wacker, tapfer und glänzend genug. Eine künftige Zeit wird mir gerecht zu werden wissen. Und ich werde also Helene haben oder überhaupt nicht mehr sein und also auch nicht leiden.«

Helenes Antwortbrief an Lassalle hatte lediglich einen prosaischen Inhalt: »Nachdem ich mich von ganzem Herzen und in tiefster Reue über die von mir unternommenen Schritte wieder mit meinem verlobten Bräutigam Herrn Janko von Racowitza ausgesöhnt und dessen Liebe und Verzeihung wiedergewonnen habe, nachdem ich davon auch Ihrem Rechtsanwalt Herrn Holthoff in Berlin Nachricht gegen habe, bevor ich dessen abmahnenden Brief erhielt –, erkläre ich Ihnen freiwillig und aus voller Überzeugung, dass von einer Verbindung zwischen uns nie die Rede sein kann, dass ich mich von Ihnen in jeder Beziehung los sage, und fest entschlossen bin, meinem verlobten Bräutigam ewige Liebe und Treue zu widmen.« Von ihrer Seite war alles gesagt, brutal, aber eindeutig. Und sie bat Lassalle noch, ihr den romantischen Liebesbrief zurückzugeben, den sie ihm damals in die Pension Bovet gesandt hatte. Das tat er nicht, denn auf diesen Brief stütze er alle seine Ansprüche auf Helene.

An die zweihundertfünfzig Depeschen und Briefe liefen vom 2. bis 26. August zwischen Lassalle, Holthoff, der Gräfin Hatzfeldt, Rüstow hin und her. Alle Versuche seiner Freunde Lassalle davon zu überzeugen, dass Helene nur kurze Zeit in ihn verliebt gewesen sei und sich unter dem Druck der Familie von ihm wieder abwandte, waren fruchtlos. Lassalle blieb dabei: Von Helene hänge sein Lebensglück ab. Er nahm Kontakt zu seinem Freund, dem Dirigenten Hans von Bülow auf, dieser sollte sich bei Richard Wagner dafür verwenden, dass König Ludwig II. den Diplomaten von Dönniges anweist, seine Tochter freizugeben. Keine schlechte Idee, denn Helenes Vater war bayerischer Geschäftsträger in Genf.

Zu diesem Zwecke reiste Lassalle nach München und Richard Wagner sagte ihm vage zu, sich um die Sache zu kümmern, obwohl ihm Lassalle »innigst missfiel«. Der bayerische Außenminister und Lassalle erreichten Ludwig II. nicht, er weilte in Hohenschwangau. Immerhin gelang es ihm, den bayerischen Außenminister Baron von Schrenck auf seine Seite zu ziehen. In einem Brief vom 18. August an Hans von Bülow schildert er seine Begegnung mit dem Baron, dem Dienstherrn des Diplomaten von Dönniges. Zunächst ging es um das Thema Revolution: »Baron von Schrenck replizierte: ›Wie die Dinge liegen, gehört eine Revolution keineswegs zu den Unmöglichkeiten, und da muss es gewiss keine Annehmlichkeit sein, einen Schwiegersohn zu haben, der infolge seiner überwiegenden politischen Stellung der Eventualität ins Auge sehen muss, erschossen oder gehängt zu werden.‹ Ich erwiderte, dass ich allerdings auch weit entfernt sei, eine Revolution für eine Unmöglichkeit zu halten, dass aber nur von zwei Fällen einer denkbar sei: Entweder es käme keine Revolution oder aber, käme eine, so würde es nicht an mir sein, erschossen oder gehängt zu werden, sondern im Gegenteil. Käme es wirklich zu einer Revolution, so ließe sich nach der gesamten Lage der Dinge schwer an ihrem Siege zweifeln. – Er schien das selbst einzusehen.«

Erst nach diesem Revolutionsgeplänkel kam der eigentliche Punkt zur Sprache: Auf Lassalles Forderung, Dönniges zu befehlen, ihm seine Tochter unverzüglich in Genf vor einem Notar zu sistieren, damit sie ihm ins Gesicht erkläre, ob sie bei ihrem Entschluss verharre oder nicht, ging der Außenminister natürlich nicht ein. Aber er versprach, sich bei von Dönniges für Lassalles Forderung einzusetzen. In seinem Brief an Hans von Bülow kommentierte Lassale dies so: »Eigentlich bin ich ganz überrascht von dem Entgegenkommen des Ministers und weiß noch nicht ganz sicher, wie ich es mir erklären soll! Vielleicht mag er Dönniges nicht leiden und gönnt ihm daher einen Schwiegersohn wie mich! Die Äußerung von einem ›nicht unähnlichen Fall‹ hat mich auf diese Vermutung gebracht.« Hier sprach nicht mehr der verzweifelte Liebhaber, sondern der intrigante Politiker Ferdinand Lassalle.

Nachdem er tatsächlich vom Außenminister eine Demarche gegen Herrn von Dönniges im Portefeuille hatte, schrieb Lassalle aus München an Helene: »Ich betreibe hier weiter die Schritte, Dich von hier aus zu erringen und komme dann nach Genf! Mein Los über Dich, Helene!« Von seinem Freund Rüstow erhielt Lassalle in München den Bericht über dessen Begegnung mit Helene in Genf: »Eine Spezialität ist vielleicht noch von Interesse für Dich. Helene erschien im roten Hemde. Schön ist sie, aber – man muss bei ihr zugreifen, wenn man sie hat, und nicht auf ihre Festigkeit, auf ihren Willen rechnen. Deine theoretische sogenannte Sache müsstest Du in aller Realität zu ›Deiner Sache‹ machen, um sicher zu sein – sicher des einen wenigstens, was Du dann gehabt hast.« Und in diesem Sinne fragte Rüstow seinen Freund, ob man jetzt nicht endlich zu den groberen Mitteln greifen müsse, um Helene weich zu kochen. Darauf antwortet Lassalle dem Ritter des militärischen Ordens von Savoyen: »Ich approbiere Alles, wenn es nur sicher hilft. Entführung mit List, mit Gewalt. Ja selbst, dass Du per procuration an ihr vollziehst, was ich in meiner übersinnlichen Weise an ihr zu vollziehen leider unterlassen habe. Jedes Mittel, das sicher hilft, ist mir nicht nur recht, sondern auch absolut gleich. Lege Dich daher auf die großen Mittel.« Auf gut Deutsch, der sensible Liebhaber aus der Pension Bovet erteilte seinem Freund brieflich die Genehmigung, Helene notfalls an seiner Stelle zu vergewaltigen – wenn ’s hilft. Das sind wahnwitzige Männerfantasien eines autoritären Zwangscharakters im 19. Jahrhundert!

Lassalle war immer noch von der fixen Idee besessen, eine Begegnung mit Helene würde ihren Entschluss ändern. Er forderte weiterhin ein Gespräch mit ihr, schließlich willigte der Diplomat von Dönniges ein, Lassalle zu empfangen – die Demarche seines Ministers hatte offenbar gewirkt. Trotzdem verlief das Zusammentreffen mit dem bayerischen Diplomaten erfolglos, denn Lassalle forderte Unmögliches. Er verlangte: Helenes Verlobter Janko von Racowitza müsse das Haus Dönniges auf ein paar Monate verlassen. Während dieser Zeit erbat er für sich selbst freien Zutritt. Nur so könne bewiesen werden, dass Helene freiwillig von ihm zurückgetreten sei. Dieses unverschämte Ansinnen lehnte der Vater natürlich ab, er erklärte sich lediglich dazu bereit, ohne sein Beisein würde Helene, wenn sie es selbst wolle, Lassalles Vertrauten Rede und Antwort stehe.

Diese Begegnung fand am 26. August statt, Lassalle wählte Rechtsanwalt Dr. Hänle und Oberst Wilhelm Rüstow aus, sie sollten von der Begegnung ein Protokoll anfertigten. Das Protokoll der beiden Herren lautet wie folgt: »Helene erschien vollkommen geistig frei und unbefangen, zeigte eher kalten Hohn und konventionelle Heiterkeit, als auch nur die Spur irgendeines überstandenen oder noch fortdauernden Seelenkampfes. Oberst Rüstow erörterte ihr mit Ruhe und Entschiedenheit, aus welchen Gründen Herr Lassalle auf einer höchstens zweistündigen Unterredung bestehe, mit ihr allein oder unter einer Begleitung, die etwa aus Convenienz verlangt werden sollte, die aber die Freiheit der Besprechung und der Entschließung nicht beeinträchtige. Sie lehnte ab, indem sie auf einzelne Vorstellungen erwiderte: ›Wozu das? Ich weiß, was er will. Ich habe die Sache satt.‹ Auf die Erinnerung an ihre Schwüre erwiderte sie neckisch: ›Schwüre! O, ich schwöre ja nicht!‹ Auf die Bemerkung, dass diese Antworten doch im schroffsten Widerspruch stünden mit den so außergewöhnlichen Schritten, die sie gegenüber Lassalle getan habe, zum Beispiel mit dem Schritt in der Pension Bovet, entgegnete sie leichthin: ›Ja, das ist richtig, aber das geschah nur im ersten Moment.‹ […] Dr. Hänle führte ihr noch vor, dass sie die gewünschte Besprechung doch aus dem doppelten Grunde gewähren, ja selbst wünschen sollte, weil sie einerseits an Herrn Lassalle ein Unrecht begangen habe – und dies gab sie sofort zu – für das sie ihm irgend eine Genugtuung schulde und weil für sie und ihre Familie hierdurch vielleicht die unangenehmen Folgen gemindert werden könnten, welche drohen, wenn die voraussichtlich leidenschaftliche Verfolgung der Sache durch Lassalle das Bekanntwerden der Vorgänge im Gefolge hätte. Sie erklärte, dass sie die Richtigkeit dieser Vorstellung nicht bestreiten könne, sich daher die Sache überlegen und ihren Entschluss an Dr. Hänle schriftlich mitteilen wolle.«

(Fortsetzung folgt)
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Dieser Text erschien im Januar 2017 unter dem Titel ›Die Zweite Natur‹, es ist die 66. Folge  von ›Schröder erzählt‹ von Schröder & Kalender.

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(FL / HvD / BK / JS)

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