vonSchröder & Kalender 09.06.2019

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flättert in nördlicher Richtung
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Jetzt, da sich die Ära der Sozialdemokratie ihrem Ende zuneigt, bringen wir einen Text über Ferdinand Lassalle. Natürlich sehen wir dessen Lebensweg nicht in kausalem Zusammenhang mit der Geschichte der SPD, dennoch sind sein Wirken und Sterben im Kern ein nahezu phänotypisches Abbild der »Bürgerscheiße«, wie Karl Marx die Sozialdemokratie nannte.

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Der nachfolgende Text erschien im Januar 2017 unter dem Titel ›Die Zweite Natur‹, es ist die 66. Folge  von ›Schröder erzählt‹ von Schröder & Kalender.
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Die Illustration aus der ›Gartenlaube‹ zeigt Ferdinand Lassalle nach dem Duell.
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Im Hotel Victoria hatten sich die Freunde in Lassalles Zimmer versammelt, als das Protokoll verlesen wurde, steigerte sich Lassalle in einen Wutanfall hinein, raste von einer Wand des Zimmers zur anderen, riss sich mit beiden Händen die Haare aus und schrie: »Mit mir sollte man ungestraft ein solches Spiel getrieben haben! Gegen mich sollte man solche Beleidigungen gewagt haben! Mich sollte man mit solcher Lächerlichkeit, mit solchem Hohn und Spott bedecken können! Ich sollte mit so miserablen Gegnern und Hinternissen, die jeder dumme Junge überwunden hätte, nicht fertig geworden sein! Ich muss Rache haben!«

Vergeblich waren alle Argumente seiner Freunde. Die Gräfin Hatzfeldt erinnerte ihn daran, dass er – ein prinzipieller Gegner von Duellen – jetzt selbst ein Duell fordere. Er entgegnete ihr: »Ich halte auch jetzt noch mit der gleichen Entschiedenheit an diesem Prinzip fest, aber ich habe es Ihnen schon früher gesagt, es gibt wie in allem so auch in dieser Beziehung seltene Ausnahmefälle, wo man Rache haben muss, und sie in keiner anderen Weise erlangen kann. Dies ist ein solcher Fall, dies ist kein Duell, es ist Rache!« Keinen vernünftigen Einwand ließ er gelten: »Glauben Sie mir, ich fühle, dass ich in dieser entschiedenen Weise handeln muss; ich darf nicht unterliegen, denn das weiß ich gewiss, das erste Mal, dass es mir nicht gelingt, meinen Willen durchzusetzen, muss ich daran unterliegen.«

Noch am selben Tage schrieb Ferdinand Lassalle an Wilhelm von Dönniges und forderte Genugtuung: »Nachdem ich durch den Bericht des Oberst Rüstow und des Dr. Hänle vernommen habe, dass Ihre Tochter Helene eine verworfene Dirne ist und es folgeweise nicht länger meine Absicht sein kann, mich durch eine Heirat mit ihr zu entehren, habe ich keinen Grund mehr, die Forderung der Satisfaktion für die verschiedenen mir von Ihnen widerfahrenen Avanien und Beleidigungen länger zu verschieben und fordere Sie daher auf, mit den beiden Freunden, die Ihnen diese Erklärung überbringen, die erforderliche Verabredungen zu treffen.«

Nach der Herausforderung zum Duell floh Wilhelm von Dönniges nach Bern und vertraute die Vertretung der Familienehre seinem künftigen Schwiegersohn Janko von Racowitza an. Obwohl diese Abtretung gegen die Regeln verstieß, war Lassalle einverstanden, er wollte keinen Aufschub. Er bat seine Freunde Rüstow und Becker ihm bei dem bevorstehenden Duell zu sekundieren. Becker lehnte ab, weil er aus prinzipiellen Gründen gegen Duelle sei. Von nun an sprach Lassalle kein Wort mehr mit ihm und wählte den ungarischen General Bethlen zu seinem zweiten Sekundanten.

Das Duell sollte bereits am nächsten Morgen stattfinden, Lassalle forderte seine Sekundanten auf, alles dafür vorzubereiten. Man einigte sich mit dem Gegner auf glatte Pistolen. Lassalle wollte sich nicht mit seiner Pistole einschießen, er schrie: »Dummes Zeug!« Sein Gegner feuerte am Nachmittag auf dem Schützenstand hundertfünfzig Übungsschüsse ab.

Am 28. August 1864, morgens um halb sechs fuhr Lassalle mit seinen Sekundanten nach Carouge, einem Vorort von Genf. Während der Fahrt übergab er Rüstow sein Testament. Um sieben Uhr erreichten die Männer den Treffpunkt. Während sie auf die Gegner warteten, trank Lassalle in aller Ruhe eine Tasse Tee. Um halb acht traf Janko von Racowitza mit seinen Sekundanten ein. Durch das Los wurde bestimmt, dass Rüstow für den ersten Schuss lädt und das Kommando gibt. Die Parteien wurden auf die Mensur gestellt. Nur fünf Sekunden nach Rüstows Kommando fiel der erste Schuss von Seiten des Janko von Racowitza. Erst danach antwortete Lassalle, er schoss vorbei und fiel schwer verletzt zu Boden.

Lassalle hatte einen Bauchschuss und blutete stark, der Arzt verband die Wunde. Während der Fahrt in der Kutsche klagte er nur leise über Schmerzen. Man brachte den Schwerverletzten in sein Zimmer im Hotel Viktoria. Sophie von Hatzfeldt holte den besten Arzt von Genf, der konnte nichts weiter tun als dem Patienten alle halbe Stunde ein Morphiumpulver zu geben. In der Nacht wurden die Schmerzen unerträglich, Lassalle schlug mit beiden Fäusten an die Wand und schrie: »Hätte er mich doch gleich erschossen!« Seine Schmerzen nahmen weiter zu, er verlangte immer häufiger nach Morphium. Ein zweiter Arzt wurde hinzugezogen, aber auch er konnte nicht helfen. Oberst Rüstow schrieb später in seinem Bericht über das Duell: »Aus Erfahrung wußte ich, dass die Wunde tödlich war.«

Sophie von Hatzfeldt hielt Lassalles Hand in den letzten Stunden seines Lebens. In der zweiten Nacht schlief er ruhig mit kurzen Unterbrechungen. Um zwei Uhr fragte er, wie spät es sei. Als Sophie ihm die Zeit nannte, erwiderte er: »Gott sei Dank, dann kehren diese furchtbaren Schmerzen nicht wieder.« Gegen Morgen nachdem er Eiswasser getrunken hatte, befiel ihn ein heftiges Schlucken. Am Vormittag des dritten Tages wurde er unruhig und wollte aufstehen. Sophie beschwor ihn, sich nicht zu bewegen. Er sagte: »Wie lange soll ich denn hier noch liegen?« Bis zum Abend blieb er dann ruhig. In der Nacht wurde sein Atem kurz, er sprach nicht mehr. Am Morgen des 31. August 1864 um sieben Uhr starb Ferdinand Lassalle. Blumen und Lorbeerkränze füllten sein Sterbezimmer, und viele Menschen aus Genf kamen, um Abschied zu nehmen.

Ihrem Bericht über Lassalles Sterben fügte die Gräfin eine Schlussbemerkung an: »Während er im Sterben lag, zeigte sich Janko von Racowitza frei und offen in Genf. Er fuhr mit Helene von Dönniges, diese in hellblauem Aufputz und mit heiterer Miene, einige Male in offenem Wagen an den Fenstern des Hotel Viktoria vorüber, wo ihr blutiges Opfer im qualvollen Kampf mit dem Tode rang.« Der Wahrheit halber sei gesagt: Weder Helene, noch Janco wussten zu diesem Zeitpunkt, dass Lassalle im Sterben lag. Aber weiter mit Sophies Bericht: »Nach seinem Tod verließ die Familie Dönniges mit Herrn Racowitza Genf. Sie wurden vertrieben durch die allgemeine Entrüstung, die sich bei der Nachricht vom Tode Lassalles in einem Tumulte vor dem Hause der Dönniges in heftigen Schmähungen und Anheften von Maueranschlägen Luft machte. Von Bern aus hatte Herr von Racowitza die Flucht nach der Wallachei ergriffen.«

Es blieb nicht bei diesem Bericht der Gräfin über den Verlust ihres Lebensfreundes. Später wandelte sich ihre Trauer in blanken Hass gegen die »Mörderin Lassalles«, wie sie nun Helene von Dönniges nannte. Sophie von Hatzfeld bot alles auf – denn Geld hatte sie ja im Überfluss –, um Lassalles Rolle in der Duell-Affäre in ein glorioses Licht zu rücken. Selbst Karl Marx versuchte sie für ihre Zwecke einzuspannen, was dieser strikt ablehnte. An Friedrich Engels schrieb er über Lassalle: »Was seinen Todesvorwand angeht, so hast Du ganz recht. Es ist eine der vielen Taktlosigkeiten, die er in seinem Leben begangen hat.« Engels hatte Marx in der ihm eigenen drastischen Art geschrieben: »Der Lassalle ist daran kaputt gegangen, dass er das Mensch nicht sofort in der Pension aufs Bett geworfen und gehörig hergenommen hat.« Genau dies hatte die junge femme fatale von ihrem Geliebten in der Pension Bovet erwartet.

Helene heiratete ein Jahr nach Lassalles Tod Janko von Racowitza. Er starb kurz nach der Hochzeit an »einer schweren Krankheit« – wie es in den Annalen heißt. Danach heiratete sie den Schauspiellehrer Siegwart Friedmann, von dem alle Welt wusste, dass er homosexuell war. Dank seiner Kontakte spielte Helene an einigen Theatern, sie war vor allem wegen ihrer Lassalle-Affäre bekannt und berüchtigt. Nach der Scheidung von Friedmann, heiratete Helene in Sankt Petersburg den Sozialisten Sergej von Schewitz. Beide wanderten nach Amerika aus, am Broadway spielte Helene einige kleinere Rollen und schrieb für die New Yorker Volkszeitung über ihre Sicht der Lassalle-Affäre. Bald kehrte Helene mit ihrem dritten Mann nach München zurück und beschäftigte sich im Stil der Zeiten mit Geisterseherei. Sergej von Schewitz verstrickte sich in Wechselreitereien und starb – vermutlich durch Selbstmord. Helene folgte ihm, sie nahm wenige Tage später eine Überdosis Morphium. Sie wurde 68 Jahre alt.

(Ende)

Dieser Text erschien im Januar 2017 unter dem Titel ›Die Zweite Natur‹, es ist die 26. Folge der ›Schwarzen Serie‹ von ›Schröder erzählt‹ von Schröder & Kalender. ISBN 978-3-920096-88-9

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(FL / SvH / BK / JS)

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