vonSchröder & Kalender 22.07.2020

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.
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Abschied von Jörg Schröder, Foto: Matthias Reichelt

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Am 10. Juli 2020 nahmen wir Abschied von Jörg Schröder in der Feierhalle des Krematoriums Berlin-Baumschulenweg. Wie überall mussten wir uns auch im Krematorium an die Verhaltensregeln zum Schutz vor dem Coronavirus halten: Ein Mund-Nasenschutz war obligatorisch, und leider durften nur 50 Personen teilnehmen, obwohl die Halle für 250 Personen geplant wurde.

Gunna Wendt hat einige Ausstellungen im Literaturarchiv Monacensia kuratiert und schrieb zahlreiche Biografien unter anderem über Franziska zu Reventlow, Liesl Karlstadt, Maria Callas, Paula Modersohn-Becker und Lena Christ.

Gunna reiste eigens aus München an, um Jörg die letzte Ehre zu erweisen. Sie gab uns die Erlaubnis, ihren Text hier abzudrucken. Dafür danke ich ihr.

 

Gunna Wendts Rede, Foto: Matthias Reichelt

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Liebe Barbara, liebe Trauergäste,

nicht nur als Redakteurin der Jazz Welle Plus, die auf der Suche nach originellen literarischen Themen war, sondern auch als begeisterte Leserin von MÄRZ-Büchern wie Vespers “Reise”, Keseys “Einer flog übers Kuckucksnest”, Amendts “Sexfront” und allen Leonard Cohen-Titeln freute ich mich, als ich erfuhr, dass Jörg Schröder und Barbara Kalender sich in Fuchstal-Leeder unweit von München angesiedelt hatten und ein neues Projekt planten. Es war nicht schwer, den Kontakt herzustellen und schon bald machte ich mich auf den Weg.

Wie dieser aussah, hat ein Kollege von mir sehr anschaulich beschrieben. Ich zitiere Thomas Palzer:
“Folgt man dem Ruf, der jemand vorauseilt, gelangt man paradoxerweise zu der Quelle, der der Ruf entsprang. Irgendwo hinter dem Ammersee fließt der Lech, und irgendwo hinter dem Lech finden sich noch Reste der römischen Handelsstraße Via Claudia. Hinter der Via Claudia liegt Fuchstal-Leeder, ein Dorf, wie es nur in Bayern ausgebrütet werden kann. An der Mitte des Dorfes ragt eine Kirche hoch empor, und nahe der Kirche steht ein Haus, eine Villa besser gesagt, und in der Villa, sind wir erst mal drinnen, findet sich auch die Quelle, und drinnen sprudelt Jörg Schröder.”

Als Jörg über sein neues Konzept berichtete, sprudelte es nur so aus ihm heraus. Manchmal hielt es ihn nicht auf seinem Stuhl, dann sprang er auf, lief um den Tisch herum und verstärkte die Lebendigkeit seiner Erzählung durch bewegte Geste.

Ich bin stolz darauf, dass ich damals, im Mai 1990, das erste Interview mit Jörg über die erste Folge von “Schröder erzählt” mit dem Titel “Glückspilze” gemacht habe. Die Sendung fand großen Anklang bei den Hörern der Jazz Welle Plus.
Es war ja auch ein spannendes Konzept, das in seiner Spontaneität und Improvisation mit der Musik des Senders hervorragend korrespondierte: Jörg erzählt Barbara aus seinem Leben, gemeinsam redigieren sie die Tonbandabschriften. “Ross und Reiter” werden genannt – das ist die vielzitierte Maxime. Nah an der Wahrheit. Nichts wird verschlüsselt, bei Unterlassungsklagen, mit denen Jörg Erfahrung hatte, kein weiteres Exemplar mehr hergestellt. Ein Lager gab es nicht, da die Hefte nur auf Bestellung gedruckt wurden.

So viel zu der Form des neuen Buchtyps, den das Paar Schröder/Kalender damals kreiert hat. Das Motto für den Inhalt habe ich erst viel später in der Neuausgabe von “Siegfried” entdeckt: Da heißt es zum Schluss: “Du meinst, ich hätte keine Angst? Ich habe Angst, aber Angst ist eine andere Geschichte, von der ich nicht erzähle. Oder verstehe ich alles falsch? Du kannst von allem sprechen, von dem alle Leute meinen, dass du davon niemals sprechen darfst.”

Dieser ersten – beruflichen – Begegnung folgten viele freundschaftliche, in Fuchstal, Augsburg und Berlin. Jedes Mal durfte ich Barbaras Kochkünste und die umwerfende Gastfreundschaft der beiden genießen.

Dass sie meine Lesungen besuchten und – immer in einer der vorderen Reihen sitzend – mit ermutigendem Mienenspiel begleiteten, weiß ich zu schätzen. Ich habe Euch beiden, liebe Barbara, viel zu verdanken in Sachen Mut, Haltung, Autonomie – und das Wort „Dumpfmeister“. Von Jörg hörte ich diesen Begriff das erste Mal und war glücklich, weil er genau das traf, was ich damals suchte, um einen bestimmten Typus zu beschreiben.

So locker und großzügig Jörg im Alltag war, so streng und kompromisslos war er, wenn es um seine Arbeit ging: Einige Zeit nach der Literaturclub-Sendung in der Jazz Welle Plus lud ich ihn ein, auch am Münchner Literaturtelefon die neue Folge von Schröder erzählt zu präsentieren.
Nachdem der Tonmeister Schlucker und Schmatzer herausgeschnitten hatte, hörten wir uns die Aufnahme gemeinsam an. Damals, im Analogzeitalter, wurde wirklich noch geschnitten. An einer Stelle hatte der Tonmeister zu viel des Guten getan und bei der Endung das T entfernt. Wir hörten also „erzähl“ statt „erzählt“. Damit war Jörg nicht einverstanden. Was tun? Die Lesung wiederholen? Den Satz neu aufnehmen und einflicken? Oder auf dem Schneidetisch in den dort herumliegenden Schnipseln das T suchen? Wir entschieden uns für letzteres und hatten viel Spaß bei der Suche und dem Ergebnis: Ein kräftiges T am Ende des Satzes. Schröder erzählT!

Mein Schlusswort stammt von Leonard Cohen:
Tell me again

When the day has been ransomed

And the night has no right to begin

Try me again

When the angels are panting

And scratching at the door to come in

Tell me again (1)

Gunna Wendt im Juli 2020

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(1) Jörg Schröder verlegte vier Bücher von Cohen im März Verlag: ›Schöne Verlierer‹, ›Flowers for Hitler / Blumen für Hitler‹, ›Das Lieblingsspiel‹ und ›Wem sonst als Dir / Book of Mercy‹.

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GW / BK

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