vonSchröder & Kalender 22.12.2020

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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Diese Geschichte erschien zuerst in ›Schröder erzählt‹: Wir tranken Tee im ›Café du Moulin‹ in Ait Baha. Ich ging zur Toilette, währenddessen erhielt Barbara die Lektion, daß es für eine Frau nicht ratsam ist, allein durchs wilde Anti-Atlas-Gebirge zu reisen.

Kaum hatte ich nämlich den Raum verlassen, zog sich der Wirt hinter die Theke zurück, um gebührenden Abstand von der Frau zu halten. In diesem Moment betrat ein großer Mann das Café, er trug eine schwarze Dschellaba und hatte sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gewickelt. Als er Barbara dort sitzen sah, schrie er bedrohlich laut. Zwar versuchte Mohamed, ihn zu beruhigen, aber er murrte weiter in einem Wortschwall mit vielen harten Rrrs und blieb demonstrativ am Eingang stehen. Später erzählte Barbara mir, sie habe sich nicht wohl gefühlt in ihrer Haut. Erst als ich zurückkam und also klar war, daß hier keine Frau allein unterwegs ist, beruhigte sich der Mann. Er setzte sich an den Nebentisch, und bald gesellten sich andere hinzu. Ich bot ihnen Zigaretten an – wußte ja nicht, daß einer von ihnen kurz zuvor meine Barbara angeschnarrt hatte. So herrschte wieder schönste Eintracht unter den Kulturen.

Jetzt erfuhren wir auch den Grund für Hadj Mohamed Ben Lancers überschwengliche Gastfreundschaft: Er sammelte Postkarten  und holte seine zwei Kamelpacktaschen. Sie waren prall gefüllt mit Postkarten von Opfern, die hier angehalten hatten und die er vermutlich alle mit Hilfe von Madeleines verdonnerte, ihm eine aus ihrer Heimatstadt zu schicken. Natürlich haben wir alle Karten angesehen und gebührend bewundert, und selbstverständlich mußte auch ich ihm eine versprechen. Ich erklärte ihm, wo Fulda liegt, aber alle Mühe war vergebens, er verortete uns hartnäckig in Schweden. Vielleicht lag das an Barbaras blondem Zopf – ach, wahrscheinlich war es Mohamed ganz egal, wo ein Ort wirklich lag, Hauptsache, er hatte eine Postkarte davon. Schließlich wollte er noch meinen Beruf wissen, und um nicht als reich dazustehen – Verleger wollte ich nicht sagen, sonst hätte der Tee vielleicht das Dreifache gekostet –, antwortete ich: »Schriftsteller.« Das war ein Fehler! Denn nun gab Mohamed keine Ruhe, wollte ein Buch von mir haben und eine Postkarte. Es half nichts, ich mußte ihm beides versprechen. Und weil man ein Versprechen, das man einem Mann aus dem Anti-Atlas-Gebirge gegeben hat, unbedingt halten muß, beschlossen wir, als wir wieder zu Hause waren, ihm einen ›Siegfried‹ zu schicken.

Zu dieser Zeit hatte Katinka eine Freundin, die Jousra hieß und im Irak aufgewachsen war, ihre deutsche Mutter hatte einen irakischen General geheiratet. Schließlich verließ diese unter abenteuerlichen Umständen ihren Mann und kehrte ›Nicht ohne meine Tochter‹-mäßig nach Deutschland zurück. Das Mädchen war ein gespaltenes Wesen – einerseits hatte ihr die Mutter den Haß auf die irakischen Männer eingebleut, andererseits war sie sehr der arabischen Kultur verhaftet. Wir baten Jousra, auf einer Postkarte vom Fuldaer Buttermarkt unseren Gruß ins Arabische zu übersetzen und in den ›Siegfried‹ folgenden Text zu schreiben: »Dem geschätzten Sidi Hadj Mohamed Ben Lancer, Besitzer des ›Café du Moulin‹ in Ait Baha, mit Dank für seine große Gastfreundschaft …«

Ich bin sicher, heute steht dieses Buch neben den Madeleines, der leeren Dimple-Flasche und dem kleinen Eiffelturm im ›Café du Moulin‹ als »schwedische« Reliquie.

Nach anderthalb Stunden ging es weiter durch das Tal von Ammeln, vorbei an Palmen-, Mandel- und Olivenhainen. Über den Kasbahs ragen rosa oder orange schillernde Granitwände tausend Meter in die Höhe, über anderen drohen mächtige Steineier, die so auf ihrem Felsnadelsockel zu liegen scheinen, als müßten sie beim kleinsten Windstoß herunterrollen. Im ›Guide bleu‹ steht, daß sie das nie tun. Wir haben aber in den Feldern und Palmengärten durchaus den einen oder anderen übergrünten Felsbrocken liegen sehen – Inschallah! Oder wenn du es anders willst: Die Natur gewinnt immer.


Blick über über Tafraoute zum „Napoleonskopf“, Marokko. Foto: Julian Nyca – Wikipedia.

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Am späten Vormittag erreichten wir Tafraout. Es war Markttag, auf einem Sandplatz wurden Kamele, Ziegen, Esel, Hühner und Maultiere gehandelt, es herrschte reges Treiben. Auch schräg gegenüber im Gasthaus war drangvolle Enge, aber der Wirt besorgte uns ein Tischchen draußen unter der Jasminlaube und servierte uns in spitzkegeligen Toubihkas aus Ton eine köstliche Lamm-Tajina in einer Sauce aus Pfeffer, Essig, Zucker und Rosinen.

(Fortsetzung folgt)
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Diese Geschichte erschien in ›Schröder erzählt: Pingpong‹ im März Desktop Verlag. Jörg Schröder und Barbara Kalender erzählten, die Transkription der Tonaufnahmen wurde von beiden Autoren redigiert.
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(BK / JS)

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