vonSchröder & Kalender 01.01.2021

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
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Diese Geschichte erschien zuerst in ›Schröder erzählt‹: Während der Silvesterfeier in Marrakesch saßen wir wie auf heißen Kohlen, um endlich von dem Swinger-Pärchen loszukommen. Denn selbst für einen Menschen, der mal Pornographie hergestellt und vertrieben hat, gilt doch das Grundrecht der Wahlfreiheit. Jedenfalls habe ich Libido immer demokratisch betrachtet und nicht als Drang zu zwanghaften Handlungen, die anderen und mir keine Chance lassen, ja oder nein zu sagen. Gut, inzwischen überbieten sich die Medienkonzerne bei der Auflösung von Intimität, versuchen ihre Einschaltquoten mit Outings und Diskussionen zu halten, in denen Exhibitionisten darüber sprechen, ob man besser in der Hocke pinkelt oder im Stehen, und wer es wem mit Gummischnuller oder im Lederkoller am besten besorgt.

Ich möchte hier nur ganz nebenbei mal darauf hinweisen, daß Anfang der Achtziger die Rücksichtnahme, ob man eine sexuelle Vorliebe teilt oder nicht, durchaus noch Usus war. Wahrhaftig, was dumpfe Direktheit angeht, erwiesen sich Horst und Elke als wirkliche Pioniere. Barbara und ich signalisierten uns: Vor diesen Typen hilft nur noch die Flucht.

Man servierte den Mokka, ich rief den Kellner und gab ihm ein Trinkgeld. Überrumpelt! Denn Elke und Horst saßen noch vor ihren Täßchen, als wir aufstanden. »Entschuldigen Sie uns jetzt – und alles Gute für den Jahreswechsel«, verabschiedeten wir uns von den grauenhaften Leuten. Ssssst, raus auf den langen Flur. Das Hotel war U-förmig gebaut, im Mitteltrakt gab es einen langen verglasten Gang, der an den Speisesälen und den Serviceräumen, also Bank, Friseur, Kiosk, entlangführte, an seinem Ende lag die Bar. Kaum waren wir zehn Meter gegangen, da schrie es hinter uns: »Hallo! Hallo! Warten Sie bitte!« Die Stimme der Kimonofrau! Ohne mich umzudrehen, zischte ich: »Los, Barbara, jetzt rennen!« Sie hatte wieder die bewährte Silvesterkleidung an, blaues Seidenkleid, blaue Pumps, trotzdem lief sie, so schnell sie konnte, und ich mit. An der Tür zur Bar angekommen, guckten wir uns um, da schleifte Horst seine Kimono-Elke auf ihren Kothurnen mehr mit sich, als daß sie rannte. »Wir müssen nur noch unseren Platz erreichen, dann sind wir gerettet«, beruhigte ich Barbara.

Der dicke Barfritze winkte uns freundlich zu. Für einen unmäßig hohen Tip von hundert Dirham hatte ich zwei der raren Plätze reservieren lassen. Er führte uns zu einem der besten Tische neben marokkanischen Moulays. Es war klar, hier trafen sich die angesehenen Männer der Stadt. Wir rutschten auf die halbrunde, mit grünem Leder bezogene Bank, auf der zwei Personen bequem sitzen konnten, und schwupp – quetschte sich Horst neben Barbara und Kimono neben mich. Jetzt half nur noch brutale Deutlichkeit: »Hier ist kein Platz für Sie«, sagte ich, »wir haben diesen Tisch reserviert, um Silvester zu feiern, und zwar allein!« Sie standen aber nicht auf. Es kam der Dom Perrignon, der Barmann stellte vier Gläser hin, weil er dachte, diese Leute gehörten zu uns. »Bitte nur zwei Gläser, wir trinken alleine«, mußte ich ihm klarmachen. Er guckte verwirrt, die Swinger bestellten daraufhin zwei Gin-Fizz, und Elke meinte ungerührt: »Wir könnten doch eine schöne Nacht zu viert verbringen …« Da reagierte Barbara sofort: »Lasst uns doch in Ruhe!« Elke sprang auf und eilte zur Toilette, kam mit verheulten Augen wieder, und Horst trötete beleidigt: »Elke hat geweint!« Es nützte alles nichts, der tolle Tisch, die Flasche Champagner, die Partagás – diese Arschgeigen gingen nicht! Sie saß weiter da mit Tränen in den Augen, und das noch eine geschlagene Viertelstunde Minuten – bis nach zwölf blieben die beiden mucksch an unserem Tisch sitzen. Zwar taten wir so, als wären sie Luft, aber natürlich versauten uns diese penetranten Menschen den Jahreswechsel.

Es kann kein Mißverständnis gegeben haben, deshalb steht fest: Die Swinger arbeiteten mit der Holzhammer-Methode und waren damit wahrscheinlich erfolgreich. Schon als sechsjähriger Knabe verachtete ick solche Beeester zutiefst, die auf Abweisung nicht reagierten, keinen Stolz hatten und einfach stur dabei blieben: »Ich will mitspielen!« Vielleicht ein erfolgreiches Lebensprinzip?! Mag sein, aber beim Gruppensex eher doch nicht zu empfehlen. Nein, ich denke, daß diese beiden gleichzeitig auch Masochisten waren, die sich mit Lust beleidigen ließen, gern öffentlich weinten und sich auf diese Weise ihren Kick holten. Und was lernt man aus dieser Geschichte? Nimm nie an einem Silvesteressen teil, ohne deine Tischnachbarn zu kennen!? Quatsch! Für solche Situationen gibt es keine Ratschläge oder Versicherungen, das sind Kommunikationskatastrophen, also höhere Gewalt.

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Diese Geschichte erschien in ›Schröder erzählt: Pingpong‹ im März Desktop Verlag. Jörg Schröder und Barbara Kalender erzählten, die Transkription der Tonaufnahmen wurde von beiden Autoren redigiert.
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(BK / JS)

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