vonFabian Schaar 18.02.2021

other society

Wie ist der Sprung in eine sozialere, gerechtere Zukunft möglich? Ein junger Mensch stellt sich Fragen.

Mehr über diesen Blog

„Noch nie waren ehrliche, wahre Worte so wichtig, wie heutzutage (…)“, so begann ich das Fazit zu meinem dritten Artikel auf diesem Blog. Vor etwa einem Monat, am 20. Januar, wollte ich am Tag der Übergabe des Präsidentenamtes in den USA an Joe Biden neben der Gefahr des Populismus a la Trump auch die Wichtigkeit von journalistischen, transparenten Informationen deutlich machen – mit Erfolg.
Der Beitrag mit der Orange wurde ziemlich häufig aufgerufen. Irgendwie war das auch zu erwarten, in einer politisierten und polarisierten Gesellschaft. Vielleicht war es das Beitragsbild, vielleicht doch der Inhalt, vielleicht die Platzierung auf der Startseite der taz blogs, die den Artikel in Sachen Aufrufzahlen in eine für mich bis dahin ungekannte Höhe katapultierten.
Jetzt, einen Monat später, schreibe ich einen weiteren Artikel, wieder zum Thema Informationstransparenz.

Neben der hierzulande nicht wirklich gut durchdachten und entsprechend ankommenden Urheberrechtsreform sollen nun auch in Australien gewisse Änderungen in Sachen Urheber- bzw. Medienrecht vorgenommen werden. Anders als in Europa oder Deutschland setzt man im Kontinentenstaat aber weniger auf zwangsläufig einzuführende Uploadfilter. Nein, hier geht es um die Entlohnung von Zeitungen und ähnlichen, die Netzmonopolisten wie Facebook und Google – durch Werbung gewinnbringend – verlinken.
Das klingt doch, vor allem wenn man den Vorschlag mit dem europäischen Verwandten vergleicht, ganz einleuchtend, ja fast schon zu schön um wahr zu sein:
Qualitativer Journalismus könnte gefördert werden, der Zentralisierung des Internets könnte etwas – wenn auch zu wenig – entgegengesetzt werden!

Tja, wie gesagt, zu schön um wahr zu sein: Kaum macht gibt es Bestrebungen, den Berg aus Geldscheinen, nicht aus Zucker, langsamer wachsen zu lassen, tritt Facebook in Australien wichtigen Journalismus mehr oder weniger wörtlich mit Füßen, und stampft über Nacht die Facebook-Konten von Superspreadern journalistischer Inhalte, ferner auch Seiten der Regierung ein.
„No posts yet“ heißt es auf einmal.

Beängstigend, sollte man meinen. Schaut man sich ein, laut tagesschau.de, vorgebrachtes Argument der Internetgrößten an, wird einem fast schon schlecht: Hier wird doch allen Ernstes behauptet, dass Facebook und Co. den journalistischen Angeboten ja wohl Gutes tun würden, bringe man doch Leser:innen. Das ist so absurd, dass es fast weh tut.

Natürlich bringen die Großkonzerne Aufrufe, aber wer denn auch sonst? Ein Großteil der Surfenden im Netz nutzt Google, das ist Fakt. Facebook hat einen riesigen Marktanteil, auch Fakt. Wer nun also im Netz nach Nachrichten sucht, und nicht direkt die URL der Anbieter tippen möchte, wird nicht selten mit Google oder in den Sozialen Netzwerken mit Facebook Vorlieb nehmen. Durch Google Adsense oder die Werbegewinne auf Facebook profitieren von den eigentlichen Inhalten natürlich Google und Facebook am Meisten. Zu einem ähnlichen Schluss käme laut Holger Senzel vom NDR auch die australische Kartellbehörde, welche errechnet habe, dass von 100 Dollar für Webwerbung 81 an Facebook und Google gingen. Hier erscheint es doch nur fair, die eigentlichen Urheber:innen an den Gewinnen gerecht zu beteiligen.

Facebook denkt anscheinend nicht so und löscht, wie beschrieben, alle journalistischen Inhalte, nutzt damit klar sein Machtmonopol aus, wie das so ist, im Kapitalismus. Meiner Meinung ist das eine klare Einschränkung der Pressefreiheit in Australien. Wer das Nutzer:innenmonopol darstellt, stellt gleichzeitig, ob gewollt oder nicht einen wichtigen, gesellschaftlichen Knotenpunkt dar, hat also gewisse gesellschaftliche Pflichten, die, bevor mir das Argument an den Kopf geworfen wird, andere Dienste mit womöglich kleinerer Nutzer:innenzahl nicht unbedingt oder nicht allein stemmen können. Zudem sei die Abschaltungswelle des „meteorologischen Dienstes“ besonders in der Saison der Waldbrände gefährlich, Facebook hatte versehentlich unter anderem auch Feuerwehr- und Polizeiaccounts gesperrt, berichtet Senzel auf tagesschau.de.
Auch die Popularität von Hetzenden und Trollen könnte, so befürchte ich persönlich, noch weiter steigen. Hass und Spaltung über das Netz könnten so noch mehr zunehmen, als ohnehin schon.

Was tun, wenn Facebook so handelt, wie es handelt? Für Google ist der Fall klar, hier wird schon mit lokaler Abschaltung des eigenen Dienstes, naja, geworben… Die australischen Regierenden fordern Anbieter wie die allseits bekannte Datenkrake nun auf, mit den Medienhäusern zu verhandeln, was bisher erst in zwei Fällen geglückt sei.

Fazit

Die bereits vor der tatsächlichen Einführung des neuen Gesetzes angespannte Situation, in der die negativen Auswirkungen einer eigentlich gut gemeinten Idee, vor allem durch den extrem großen Marktanteil von Facebook im Netz bedingt, auf den Rücken der Nutzerinnen und Nutzer ausgetragen werden, hat eines deutlich gezeigt: Die Dezentralisierung muss nicht nur in der analogen Welt, sondern auch im Internet stattfinden, nicht nur in Australien!

Eine sinnige Alternative zum keineswegs süßen Zuckerberg stellt z.B. das dezentral organisierte und auf Datenschutz ausgelegte, tausendmal sozialer Netzwerk „Diaspora*“ dar, was noch wesentlich unbekannter ist, und ironischer Weise während in der Gründungszeit der laufenden Crowdfunding-Kampagne von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg finanziell unterstützt wurde (und trotzdem nichts mit Datenklau am Hut hat). Das Problem: Durch die fehlende Popularität sind kaum Medienhäuser auf der Plattform vertreten.
Es ist und bleibt also ein Dilemma, dem sich nur eine solidarische Gesellschaft stellen kann.

Bitte einen Kommentar schreiben, sollte irgendjemand, der diesen Artikel gelesen hat, vom Facebook-Profil der taz kommen… 😉

Referenz/Quelle/Zweitquelle:
Streit um Mediengesetz : Facebook sperrt Nachrichten in Australien | tagesschau.de
Medienstreit in Australien: Facebook dreht den Newshahn zu – taz.de

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/society/journalismus-vs-facebook/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.