vonDetlef Berentzen 19.07.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

Mehr über diesen Blog

Lieber Detlef,
einen deftigen Meter Österreich (s. Foto) bietet der Wiener Wirt Heinz Pollischansky in seinem Lokal „Centimeter“ am Wiener Spittelberg an. Wer einen harten Magen hat, bekommt viel Lokalpatriotismus auf den Teller. Das Schwein bestimmt dabei vorzugsweise das Bewusstsein: 1x Wiener Schnitzel, 1x Blunzengröstl (gebratene Blutwurst mit Kartoffeln), 1x Specklinsen, 1x Frankfurter, aber auch 1x Rindsgulasch und 1x Eiernockerl (für vegetarische Minderheiten). Wenn’s ums heimatländische Essen geht, verstehen Traditionalisten hierzulande keinen Spaß.

Das bekommt nun auch die Jüdische Gemeinde Wiens zu spüren. Der für Tierschutz zuständige niederösterreichische Landesrat Gottfried Waldhäusl von der FPÖ will nämlich den Zugang zu koscherem Fleisch deutlich erschweren. „Aus der Sicht des Tierschutzes“, sagt Herr Waldhäusl, „wäre Schächten für mich generell abzulehnen.“ Mag schon sein. Aber aus der Sicht des Tierschutzes sind auch Blunzengröstl, Wiener Schnitzel, Schweinsbraten, Gulasch und was immer sonst die Alpenbürger und Alpenbürgerinnen gern auf ihre Teller häufen, abzulehnen. Gut 96 Kilogramm Fleisch werden in Österreich alljährlich pro Kopf verzehrt. Nicht einmal 3% davon stammen aus Bioproduktion und artgerechter Tierhaltung.

Davon spricht der Tierschutzlandesrat Waldhäusl freilich nicht. Ihm geht es um etwas anderes: „Es ist nicht einzusehen, warum Wiener nach Niederösterreich fahren und hier tausende Tiere schächten lassen“, erklärt der Freiheitliche gegenüber der Wiener Zeitung. Daher lässt Waldhäusl nun prüfen, „ob der Bedarf des Fleisches an den Wohnsitz gekoppelt werden kann. Wir sind in Niederösterreich nicht dazu da, um den Wienern das geschächtete Fleisch zur Verfügung zu stellen.“ Was das heißen soll? Nun, wenn der Waldhäusl-Vorschlag umgesetzt wird, dann dürften wohl nur mehr Juden und Jüdinnen koscheres Fleisch erwerben, die in eigenen Listen verzeichnet sind und eine Erklärung abgegeben haben, immer koscher zu essen.

 

Die „Wiener Zeitung“ hat beim Amt der niederösterreichischen Landesregierung nachgefragt und die Bestätigung erhalten, dass ein diesbezüglicher Erlass-Entwurf bereits vorliege. Was das Amt offenbar schon sicher weiß, ist, dass es „religiöse und nicht so religiöse Juden“ gibt. Und weil das Recht der freien Religionsausübung in Österreich nur für das einzelne Individuum gilt, müssen sich gläubige Juden und Jüdinnen in Österreich vielleicht bald wieder behördlich erfassen lassen (wie die Sinti und Roma in Italien). Neuer Stil, neuer Weg, neue Chancen, nennt das der fesche Bundeskanzler Sebastian Kurz auf seiner Website. Tatsächlich ist das der Hautgôut (Verwesungsgeruch, d. säzzer) unserer Vergangenheit.

 
Ich versuche dennoch, nach vorn zu blicken.
(Ohne dabei zu erschrecken?, d. säzzer)
Michael

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/spurensuche/2018/07/19/wiener-korrespondenzen-34/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.