vonDetlef Berentzen 19.09.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Sehr geehrter Herr Härtling! In den letzten Deutschstunden haben wir Ihr Buch „Theo haut ab“ gelesen. Mir persönlich hat das Kapitel 9 „Keschius ist kein Weltmeister“ gefallen. Es war richtig spannend, wo Theo in der Kneipe war. Was mich aber sowas von beeindruckt hat, dass sie alles so jugendlich beschreiben. Man konnte alles verstehen. Sie haben das nicht so harmlos dargestellt, sondern wie es wirklich ist. Das ist wirklich neu für mich.

 

Viele Kinder haben ihm Briefe geschrieben, noch mehr sind mit seinen Kinder- und Jugendbüchern groß geworden – ob mit dem „Hirbel“, mit „Ben liebt Anna“, mit der „Oma“ oder „Djadi“, dem Flüchtlingsjungen. Peter Härtlings Bücher bewegten, rührten an, tun es noch, machen klar, dass hier einer schrieb, der immer noch wusste, wie es sich anfühlt, ein Kind zu sein. Aus gutem Grund. Nie hat er das Kriegskind vergessen, das er einst war, nie dessen Trauer und Wut, aber auch nicht jene Erwachsenen, die den atemlosen Jungen nach dem Tod der Eltern im Nachkrieg trösteten, ihm Mut, Zuversicht und Perspektive gaben. Kurzum: Er hat das Kind, das er einst war, in Lyrik und Prosa sichtbar gemacht, hat aber auch – neben seinen Romanen über Hölderlin, Schubert, Schumann und Verdi – die aktuellen Kinder, deren Kindheit und ihre Konflikte schreibend ernst genommen, den Zauber und das Elend ihrer Anfänge respektiert und so Geschichten mitten aus ihrem Leben erzählt.


Nicht ohne Folgen: Begeisterte LehrerInnen lasen seine Bücher im Unterricht, organisierten regelrechte Härtling-Projekte, luden ihn zu putzmunteren Lesungen ein und begannen schon vor vielen Jahren ihre Schulen nach ihm zu benennen. Und er übernahm die Patenschaften und besuchte seine Schulen, so lange er es noch konnte. Weit mehr als zwanzig „Peter-Härtling-Schulen“ gibt es inzwischen und nun (nach seinem Tod im Jahre 2017) die erste in Berlin: Weit draußen in Spandau, am Rande der Stadt – eine „Peter-Härtling-Grundschule“. Ende letzter Woche fand der „Festakt zur Umbenennung“ statt, mit freundlichen Reden, mit Dichtung, Gesang und hoffnungsfrohen Sätzen über Zukunft, Frieden und Glück. Klein und Groß hatten ein munteres Programm inszeniert. Viel Freude war da, aber auch Tränen, als einem kundigen Laudator fast der Atem stockte, weil ihm der Dichter und dessen Werk zu nahe kamen.

 


Mechthild, die Frau Peter Härtlings, war eigens samt Tochter Sophie angereist und enthüllte am Zaun der Schule den neuen Schriftzug – kein digital entworfenes Logo, sondern handgearbeitete Phantasien aus farbigen Kinderwelten. Peter Härtling hätte das gefallen. Wie auch jene Lesung damals, bei der er (im Rahmen der Festspiele) tatsächlich vor ein paar Hundert Kindern saß und ihnen aus einem seiner Bücher vorlas. Still war es. Mucksmäuschenstill. Die Kinder folgten jedem Satz. Atmeten seine Geschichte nach. Am Ende wilder und jubelnder Applaus. Und jede Menge neugierige Fragen, die er – wie immer – aufmerksam und geduldig beantwortete. Mich wundert es wenig, dass Schulen Härtlings Namen tragen. Es braucht seinen guten und kritischen Geist. Nach wie vor.

 

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