vonDetlef Berentzen 05.11.2018

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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„Die Technik des Glücks – Eine Franz-Jung-Revue“ – am 14. November ist Premiere im Berliner „HAU Hebbel am Ufer (HAU2)“. Hanna Mittelstädt (Edition Nautilus) hat Jahre lang für die Realisierung der Revue gekämpft, die theatralische Auferstehung eines verrückten Revolutionärs (1888-1963) betrieben, der ständig und wagemutig auf der Suche war, allemal nach dem Motto: „Mehr Tempo!, Mehr Glück! Mehr Macht!“. Nun ist all das auf dem Weg, die Proben haben begonnen. Die Musik für die Revue spielen „Die Sterne“. Das Textbuch haben, unter Verwendung der Texte Franz Jungs, Annett Gröschner und die Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber geschrieben. Am Konzept ist auch Bühnenbildnerin Constanze Fischbeck beteiligt. Schauspieler auf der Bühne sind Robert Stadlober und Wolfgang Krause Zwieback. Im filmischen Teil der Inszenierung spielt Corinna Harfouch. Franz Jungs Sätze beatmen die Bühne, provozieren Fragen, schaffen Spruch und Widerspruch. Wie genau, das erzählt Hanna Mittelstädt (Künstlerische Leitung) bis zur Premiere in der Blog-Praxis von Dr. Feelgood – als Impressionen vom „making of“.

 

 Bühnenbild für das Theaterstück „Legende“ von Franz Jung (1927)

 

 

 

Lieber Detlef,
die Franz-Jung-Proben gingen in Berlin zwar weiter, aber ich musste pausieren, weil eine weitere Folge der Lesungen über den anarchistischen Bauern-Partisanen Nestor Machno (s.u.) anstand. Zusammen mit Mark Zak, Schauspieler und Autor des Buches „Erinnert Euch an mich“, las ich aus Machnos ganz eigenen Versuchen einer „Technik des Glücks“ in der Ukraine zu Zeiten der Russischen Revolution und des Bürgerkriegs (1917-1920).

 

Die „Technik des Glücks“ der Bauernpartisanen bestand darin, die Armee-Offiziere und Großgrundbesitzer umzubringen(!) oder zu verjagen und das Land „unter Brüdern“ aufzuteilen, freie Kampfverbände (die Aufständische Armee) und Kommunen zu bilden. Keine neue Macht, keine Diktatur, keine Parteiherrschaft! Dass das nicht gut ausging, war vorherzusehen, aber es war ein Versuch, der bis heute ausstrahlt, im besten Sinne ein legendärer Mythos, ein utopischer Impuls und ein Befreiungsversuch, der von den zaristischen Weißen Truppen, den Bolschewiken, den Nationalisten und den deutschen und österreich-ungarischen Invasionstruppen gestoppt wurde.

Zur selben Zeit in Deutschland: Im Jahre 1917 unterstützte Franz Jung (s.u.) die illegale Propagandaarbeit der Spartakusgruppe, die für eine Räterepublik kämpfte, 1918 war er im Zentralrat der Dadaisten, und während der Novemberrevolution in Berlin besetzte er mit Genossen das „Wolffsche Telegraphenbüro“.

 

Kunst oder Politik?
1920 entführte Franz Jung mit einem kommunistischen Genossen den Fischdampfer „Senator Schröder“, um nach Russland zu gelangen und mit W.I.Lenin über die Ausrichtung der deutschen Kommunisten zu diskutieren: Räterepublik mit föderaler Autonomie oder Parteidiktatur der Bolschewiken?


Revolutionsziel: das Glück!
1921 wurden Nestor Machno und seine Kämpfer (s.u.) bereits von der Roten Armee gejagt, Franz Jung wurde nach einer Verhaftung in die Sowjetunion ausgewiesen und arbeitete als Koordinator für die „Hungerhilfe“ an der Wolga. 1922 baute er nahe Nowgorod eine Fabrik auf, in der er mit den Problemen der Arbeiterautonomie zu kämpfen hatte, da sich Männer wie Frauen seinen Effektivitätsvorstellungen(!) verweigerten.

1921 bis zu seinem Tod im Jahre 1934 lebte Nestor Machno im Exil, schrieb an seinen Memoiren. Er war von seiner Partisanenexistenz schwer gezeichnet und starb so krank wie verarmt in Paris. Machno ist nie wieder in seine Heimat, die Ukraine, zurückgekehrt.

 

 

Franz Jung war seit 1937 im Exil, hetzte von einem Land zum anderen, immer auf der Flucht vor der Verfolgung durch die Nazis, kehrte aber kurz vor seinem Tod, auch völlig verarmt, nach Deutschland zurück, „als angetriebenes Strandgut“. Er starb 1963 in Stuttgart, nachdem 1961 seine Autobiographie „Der Weg nach unten“ erschienen war.

So waren zwei Kämpfer, beide(!) 1888 geboren (einer in Neiße, heute Polen, und einer in Gulajpole in der Südostukraine), auf der Suche nach einer „Technik des Glücks“. So verschieden sie und ihre Lebenswege auch sein mögen, sind sie sich doch in ihrer Unrast, ihrem kompromisslosen „Sprung aus der (vorgegebenen) Welt“ und auch in ihrem unbedingten Streben nach Freiheit nah.

 

Nestor Machno sagt in einer Verszeile:
„Weshalb fühl ich mich so einsam / ich kanns weder verstehen noch sagen“.
Und Franz Jung notiert am Ende seines Lebens: „
Natürlich gehe ich zur Hölle, Ehrensache! Gehabt Euch wohl!“

 

LG Hanna

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