vonDetlef Berentzen 21.06.2019

Dr. Feelgood

Detlef Berentzen, Ex-tazler, Autor für Funk und Print, verbreitet hier „News“ der anderen Art. Gute zum Beispiel. Macht die Welt hör-und lesbar.

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Am Anfang war eine Milchkanne, mit fetter weißer Milch darin. Die Kanne war aus Blech und wenn man klein genug war, trug man sie zum Kaufmann, der hatte eine Pumpe, befüllte das Ding und machte dann den Deckel drauf, wegen der Fliegen und überhaupt. Dann noch ein Blick auf den Einkaufszettel: 200 Gramm gute Butter hatte meine Mutter aufgeschrieben, die schnitt die Verkäuferin direkt vom großen Block auf ein Stück Pergamentpapier, dann rauf auf die Waage, einpacken und fertig. Die leeren Bierflaschen vom Vater hatte ich schon abgegeben, zwei neue bereits im Korb, jetzt aber Dalli, der Alte hatte Durst und wartete: die übliche Flasche Korn lag schon auf Eis – es gab bestimmt wieder Fussball im Radio. So ein Spiel mit Rudi Michel war jedes Mal ein Fest, …nach dem dann alle breit waren und wilde Gesänge anstimmten. Die Mutter trank hilfsweise immer ein oder zwei Eierlikörchen, aber die gab’s hier nicht.

Was es aber gab, waren diese unglaublichen Zitronenbonbons: gelb, fruchtig und sauersüß – ein Pfennig das Stück. Drei, bitte schön! Die Frau hinter‘m Thresen schaute mich freundlich an, griff nach der üblichen Papiertüte mit den blauen Sternchen und dann in eines der großen Gläser: Aaah, gleich waren sie mein und so verdammt lecker!! Alles in den Korb, „Bitte anschreiben“, rief ich noch und dann nichts wie ab in den nächsten Hauseingang, einen Schluck aus der Milchkanne und zum Nachtisch eines von den 1a-Zitronenbonbons.  Es gab nichts Besseres: Keiner kannte Plastiktüten, nichts wurde eingeschweißt und selbst die Äpfel sahen munter aus – wie direkt vom Baum gepflückt. Kaum zu glauben, all das war normal, einfach stinknormal. Aber es war. So wie dieser „Henkelmann“, in dem unser Nachbar sein Mittagessen (to go!) zum Aufwärmen mit in die Fabrik nahm. Aber das ist eine andere Geschichte.

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