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vonErnst Volland 09.09.2008

Vollands Blog

Normalerweise zeichnet, schneidet, klebt Ernst Volland, oder macht Bücher. Hier erzählt er Geschichten.

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Mann sucht Frau

Er stieg über einen Berg von Wäsche, Decken, Büchern, Zeitungen, schlurfte ins Bad, schaute in den Spiegel, schüttelte sich ein wenig, nicht wegen der Kälte, der Anblick seines eigenen Gesichtes provozierte die körperlichen Verzerrungen.

Wieder verdammt spät geworden gestern, murmelte er und drückte etwas Zahnpasta auf die Spitzen der Borsten. Früher, vor ein paar Monaten noch, war er mit einem Lied auf den Lippen unter die Dusche gehüpft, hatte sich über den beginnenden Tag gefreut, sich in einem Schwung nass rasiert und immer wieder über die Frische des Nassrasierens im Gegensatz zum Trockenrasierens gestrahlt.

Ist ja auch viel männlicher mit Schaum um das Kinn, hatte er dann immer gedacht und sich als Model für eine Gillette Reklame vorgestellt.

Doch seit einigen Wochen war alles anders. Er fühlte sich wie auf einem anderen Planeten, ausgesetzt, allein, einsam. Eine Frau hatte ihn verlassen, seine Frau, mit de er seit acht Jahren zusammen war.

Er schlich unter die Dusche, drehte den heißen Strahl viel zu heiß auf, sprang zur Seite, fluchte, regulierte missmutig kaltes und heißes Wasser und traute sich dann wieder unter den Duschkopf. Wie benommen griff er dann zum Handtuch um sich abzutrocknen. Der strenge Geruch des seit Wochen nicht mehr gewaschenen Handtuches machte ihm erneut wieder klar: Sie ist nicht mehr da, sie bügelt nicht mehr deine Hemden und sie kocht nicht mehr diese eine wunderbare Pasta, Spaghetti aglio olio.

Jetzt in diesem Augenblick vermisste er sie äußerst schmerzlich und der Tag hatte erst angefangen.

Kommst du zu mir, hatte sie immer ins Handy geflüstert, ich habe wunderbare Tagliatelle gekocht, vielleicht bringst du etwas Wein mit?

Ja, kochen konnte sie, viel besser als er. Für den Wein war er immer zuständig, obwohl er auf diesem Gebiet keine große Ahnung hatte.

In einem hohen Bogen warf er das alte Handtuch neben die Waschmaschine, die er sich vor einigen Wochen neu kaufen musste. Dann tippelte er zum Schrank, um sich ein frisches Handtuch zu nehmen. Drei, schon mindestens zehn Jahre alte Handtücher schauten ihn an.

Die guten Sachen aus dem Haushalt hatte sie mitgenommen, darunter auch die schönen großen Badetücher, die sie in Frankreich gekauft hatten. Er erinnerte sich jetzt wieder daran, dass sie es gewesen war, die die Badetücher günstig erworben hatte, ebenso den Jugendstilspiegel, den Kühlschrank, das Doppelbett, die Bettwäsche.

Vor einem halben Jahr waren sie zusammengezogen. Die Möbel, inklusive Küche aus seiner kleinen Wohnung waren auf dem Müll gelandet. Sie hatte ihre komplette Wohnungseinrichtung in die gemeinsame neue Wohnung mitgebracht und jetzt, nachdem sie alles wieder abtransportiert hatte, musste er sich neue Möbel kaufen.

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