vonErnst Volland 01.01.2026

Vollands Blog

Normalerweise zeichnet, schneidet, klebt Ernst Volland, oder macht Bücher. Hier erzählt er Geschichten.

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Mustermann oder meine Westdeutsche Verteidigung.

Von Ernst Volland

Eines Tages liegt ein Brief im Briefkasten mit der Aufforderung, an einem Freitag um 9 Uhr zur Musterung der Bundeswehr zu erscheinen. Ich wohne bei meinen Eltern. Es ist das Jahr 1964, ich bin18 Jahre alt.

Vor einem halben Jahr habe ich das Gymnasium in Wilhelmshaven nicht mehr betreten und mich in mein Mansardenzimer zurück gezogen. An den Wänden hängen großformatige Kunstdrucke, die ich bei einem bundesweiten Schülerzeichnungwettbewerb „Unteilbares Deutschland“ gewonnen hatte. Es war ein erster Preis, der mir in einer Zeremonie im Theater vom Bürgermeister überreicht wurde. Ein Quartett spielte anschließend die Nationalhymne. Einigkeit und Recht und Freiheit.

Neben den Drucken hängen Kopien, die ich gemalt habe, Picasso, Nolde, Franz Marc.

Ich hatte keine Lust mehr in die Schule zu gehen und diese von einem Tag auf den anderen verlassen, das war jetzt ein halbes Jahr her. Die Lehrer gaben mir schlechte Noten und anstatt mich zu fördern, setzte ein Lehrer alles daran, mich vor den anderen Schülern als Versager bloßzustellen.

Die meisten Pädagogen absolvierten ihre Ausbildung während der NS-Zeit im Tausendjährigen Reich, nach 1945 wurden sie wieder in der Bundesrepublik gebraucht und gleichzeitig mit etlichen Juristen, Ärzten und Politikern kollektiv entnazifiziert.

Aber vielleicht provozierte auch mein Aussehen. Ich trug die Haare wesentlich länger als die anderen. Per Post ließ ich mir preiswert einen dunkelblauen ausgemusterten Marienemantel schicken, der fast bis zu den Knöcheln reichte. Diesem nähte ich um den Kragen und um die Ärmelenden Pelzstücke an, ein auffälliges Aussehen. Zusätzlich trug ich als Schultasche einen kleinen braunen Koffer aus den 20er Jahren, mit Nieten besetzt und einem Schloß, für das ich zwei Schlüssel besaß.

Pünktlich stehe ich an einem kühlen Frühlingstag mit etwa fünfzig jungen Männern vor dem Kreiswehrersatzamt.

Wilhelmshaven ist Marinestadt. Sie wurde 1859 von Kaiser Wilhelm I. von Preußen als Kriegshafen gegründet. Die Marine hat die Stadt seit ihrer Gründung geprägt, daran hat sich vom ersten Weltkrieg, über den 2. Weltkrieg bis hin zur Bundesrepublik nichts geändert. Und sie hat Geschichte geschrieben.

Am 24. Oktober 1918 setzte die Deutsche Marine und ihre Admiralität

mit einem Flottenbefehl kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges alles auf eine Karte für eine eine Entscheidungsschlacht mit der britischen Marine im Ärmelkanal. Man sprach von einem „ehrenvollen Untergang“. Nach dem Befehl, das Auslaufen der Hochseeflotte vorzubereiten, brachen am 29./30. Oktober 1918 zunächst vereinzelte Meutereien einiger Schiffsbesatzungen der auf Schillig-Reede vor Wilhelmshaven liegenden Flotte aus.

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Es war ein Einlenken in letzter Minute. Vom sicheren Tod trennten Hunderte Matrosen nur wenige Augenblicke. Am 30. Oktober schien die Marineleitung fest entschlossen, das Aufbegehren zahlreicher Soldaten und Heizer vor Wilhelmshaven mit allen Mitteln zu unterbinden, was die Torpedierung der eigenen Schlachtschiiffe einschloss…. Admiral Hipper drohte mit dem Äußersten und ließ längs zur „Thüringen“ Torpedoboote auffahren. Lieber wollte er das Großkampfschiff mit Hunderten Mann von Besatzung zerstören als Zugeständnisse machen. Der Schießbefehl war bereits erteilt, als die ersten Meuterer erschienen, der Widerstand war gebrochen.“ (Spiegel , „Kaiserdämmerung am Jadebusen, von Martin Thaler, 30.10. 2018)

Obwohl die tapferen Meuterer einen Niederlage erlitten, war ein Funke nach Kiel übergesprungen und entzündete dort ab den 3. November 1918 mit dem Kieler Matrosenaufstand einen Flächenbrand.

Alle Versuche, den Aufstand zu unterdrücken, schlugen fehl. Bald solidarisierten sich auch Teile des Heeres mit den Arbeitern und Matrosen.

Marinangehörige und Arbeiter proklamierten die 14 Kieler Punkte, unter anderem mit folgenden Forderungen:

Freilassung sämtlicher Inhaftierten und politischen Gefangenen.

Vollständige Rede- und Pressefreiheit.

Aufhebung der Briefzensur.

Straffreie Rückkehr sämtlicher Kameraden an Bord und in die Kasernen. Jegliche Schutzmaßnahmen mit Blutvergießen haben zu unterbleiben.

Es gibt außer Dienst keine Vorgesetzten mehr.“

Die Kieler Matrosen und Arbeiter trugen den Aufstand von Kiel aus in die Landesteile, so dass wenige Tage später alle größeren Städte des Deutschen Reiches unter der Kontrolle revolutionärer Arbeiter und Soldatenräte standen.

Der Aufstand führte zum Sturz der Monarchie von Kaiser Wilhelm II. und zur Ausrufung der Weimarer Republik.

 

Im Gymnasium wurde das Thema Matrosenaufstand nie behandelt. Erst 2016 bringen einige Ratsherren der CDU und SPD einen Antrag ein zur Erstellung eines Denkmals für die aufständigen Soldaten. Der Antrag verläuft im Sande. In Wilhelmshaven gibt es kein einzelnes, spezifisches Denkmal, das nur den Matrosenaufstand von 1918, den Beginn der Novemberrevolution, darstellt.

Am Eingang zum Kreiswehrersatzamt liegen Werbeblätter der Marine aus.

Jeder der zu Musternden nennt seinen Namen, bekommt eine Nummer, ich die Nummer 9, man muss sich bis auf die Unterhose komplett ausziehen und die erste Untersuchung beginnt. Blutdruck, Kniebeugen mit ausgestreckten Armen, Blutabnahme fertig und ins nächste Zimmer.

Setzten Sie sich auf diesen Stuhl.“

Ein Arzt steht mit dem Rücken zu mir am geschlossenen Fenster. Langsam dreht der korpulente Arzt sich um und geht zu seinem Schreibtisch.

Sein linker ausgestreckter Arm deutet mit dem Zeigefinger auf einen mitten im Raum stehenden Stuhl. Ich folge der wortlosen Aufforderung und setze mich.

Irgendwelche Kinderkrankheiten, Masern, Mumps und dergleichen?“

Ja, Masern, ich glaube Masern hatte ich.“

Längere Aufenthalte im Krankenhaus?“

Nein.“

Irgendwelche Geisteskrankheiten in der Familie?“

Ja, sicher. Sie wissen doch, heute ist doch jeder so ein bisschen Plemplem.“

Der Arzt hebt seinen Kopf und schaut mich an.

Können Sie das noch einmal wiederholen.“

So eine kleine Meise hat doch heute jeder.“

Der Kopf des Arztes bewegt sich nach links und dann nach rechts, als ob er sich vergewissern wolle, dass sich keine weitere Person im Raum befindet. Ohne einen Kommentar notiert er einige Sätze auf sein vor ihm liegendes Formular. Er führt den Kugelschreiber an die Lippen, nuckelt kurz am Ende des Schreibers und beugt den Oberkörper nach hinten.

Hören Sie Stimmen?“

Ja.“

Erzählen Sie doch mal, was hören Sie denn?“

Ja wissen Sie, manchmal abends, wenn ich im Bett liege, steht irgendjemand, ich weiß nicht wer, hinter dem Vorhang und ruft: Hallo Ernst, hallo Ernst.“

Interessant, interessant und wie ist es bei ihnen, wenn sie auf der Straße laufen?“

Ich wechsle ab und zu die Straße, gehe auf die andere Seite, weil ich

denke, hinter mir läuft jemand.“

Danke das reicht, Sie können in die nächste Abteilung gehen.“

Der folgende Augenarzt erledigt seine Prüfung in drei Minuten. Anschließend warten die ersten Gemusterten vor einer Tür, hinter der die Prüfer den Wehrpass zur Eignung für die Bundeswehr aushändigen.

Nummer 3 bitte reinkommen.“

Nummer 4 hält strahlend seinen Wehrpass in die Höhe und ruft meine Nummer, die 9 auf.

Zögerlich betrete ich den schmucklosen Raum. Vor mir sitzen an einem langen Tisch drei Personen.

Wir können Ihnen den Wehrpass leider nicht ausstellen. Es ist etwas dazwischen gekommen. Hier ist ein Umschlag für Sie. Bitte nehmen sie diesen Umschlag und gehen Sie sofort zu Nervenarzt Dr. Perschel. Die Adresse steht auf dem Umschlag. Herr Dr. Perschel erwartet Sie.“

Ich will nicht zu Dr. Perschel, ich will zu den Panzern.“

Panzer? Das wird vorläufig nicht möglich sein, vielleicht einmal Sanitäter. Rufen Sie bitte Nummer 5 herein.“

Ich steige auf mein Fahrrad und radle direkt in die Praxis des mir unbekannten Nervenarztes, der mich sofort in sein Behandlungszimmer bittet. Zum ersten Mal sehe ich, wie das bekannte Hämmerchen funktioniert, das an das Knie geschlagen wird und den Reflex des wippenden Fußes erzeugt. Die Untersuchung dauert einen halbe Stunde.

Ich kann an ihnen nichts Auffälliges finden. Sie haben ein gutes Reaktionsvermögen, sind normal intelligent, also ich kann mir keinen Reim daraus machen, was in den Papieren steht, die Sie mitgebracht haben. Hier steht zum Beispiel, Sie seien auffällig grimmassiv.“

Was ist denn grimmassiv“

Das sind Gesichtszuckungen. Sieht etwa so aus.“

Der Arzt bewegt Mund, Augen und Nase gleichzeitig in verschiedene Richtungen. Ich unterdrücke ein Lachen und schaue zur Seite.

Eine unangenehme Sache die Grimmassivität, aber ich kann sie bei Ihnen nicht feststellen, überhaupt nicht. Also, sagen Sie mir, was ist los mit Ihnen.“

Darf ich ehrlich sein? Ich beschäftige mich mit Kunst, male, verstehe mich als Maler und bin gerade in einer kreativen Phase. Ich möchte die nächsten zwei Jahre nicht bei der Bundeswehr verbringen.“

Das finde ich gut, das war keine schlechte Idee von Ihnen. Ich schreibe Ihnen jetzt ein Gutachten, das so ausgerichtet ist, dass Sie nicht zur Bundeswehr müssen. Ich lasse mir ein paar knackige Formulierungen einfallen. Wünsche alles Gute und auf Wiedersehen.“

Zu Hause erzähle ich meiner Mutter freudestrahlend das Ergebnis meiner Musterung.

Ich bin untauglich, ich muss nicht hin, ich höre Stimmen.“

Mein Bericht löst bei meiner Mutter Tränen aus, aber nicht der Freude, sonders des Zorns.

Bist du wahnsinnig? Was hast du gemacht? Das steht für immer in deinen Papieren. Deine Zukunft ist verbaut. Du kannst mit diesem Ergebnis nicht studieren. Warte nur, bis dein Vater da ist.“

Einige Stunden später, es ist früher Nachmittag, fordert meine Mutter meinen Vater auf, bei der Musterung anzurufen. Mein Vater wählt die von meiner Mutter bereits mühselig gesuchte Telefonnummer.

Hallo, verbinden Sie mich bitte mit dem verantwortlichen Arzt der Musterung. Danke.“

Meine Mutter sitzt auf dem Sofa, ein Taschentuch in der Hand, das sie hin und wieder über die Augen reibt.

Paragraf 51, mein Sohn hat Paragraf 51.“

Mit diesem Paragrafen, dem sogenannten Jagdschein, bezeichnet man die Unzurechnungsfähigkeit von Personen. Meist sind es demenzkranke Menschen, die sich jedoch frei bewegen können und nicht in geschlossenen Anstalten betreut werden müssen.

Hallo, Herr Doktor Knappenfuss, ich wollte kurz Stellung nehmen zur Musterung meines Sohnes. Mein Sohn ist nicht verrückt.“

Ich höre ein Schluchzen meiner Mutter. Dass Gespräch ist beendet. Meine Mutter schaut ihren Mann erwartungsvoll an.

Ja und, was hast du erreicht?“

Er wird in zwei Jahren noch einmal gemustert. Dann sehen wir weiter. Junge, ich war sechs Jahre im Felde, vor Leningrad, in der Ukraine, im Donezk Gebiet, Charkiv, im Schützengraben, Mann gegen Mann. Da wirst du

doch die zwei Jahre bei der Bundeswehr absitzen können. Kann dir nicht schaden.“

Er war wirklich dort und die fünf, sechs Jahre als Infanterist hatten Auswirkungen auf sein ganzes Leben bis zum seinem Tod, Anfang der 80er Jahre. Er saß täglich am Küchentisch über Landkarten und Bücher zum Thema 2. Weltkrieg. Immer wieder zeichnete er mit dem Bleistift die Feldzüge nach durch Bellarussland, die Ukraine bis an die Krim, schwärmte von der Tapferkeit der Kameraden im Schützengraben, hatte aber auch Positives über die russischen Feinde im Mundwinkel: „Eigentlich ist der Russe ein gutmütiger Mensch.“ Dann nahm er einen Schluck Korn direkt aus der Flasche und seufzte. Wir Kinder wurden mit Gute Nacht Geschichten aus seinen traumatisierten Erlebnissen in den Schlaf gebracht.

Stellt euch vor, 50 Meter entfernt liegt der Russe. Es ist Nacht und still. Doch plötzlich hört man das Geräusch der schweren Artillerie, die weit hinten im Land positioniert ist.“ Er ahmt das Geräusch der Geschütze nach.

Dann kommen die Flugzeuge, ganz leichte Maschinen, die man kaum hört. Danach die Panzer und Infanterie. Du duckst dich im Schützengraben und schon springt der erste Soldat, ein Mongole auf dich zu. Es kommt zu einem kurzen Kampf, Mann gegen Mann. Ich habe ihm die Kehle durchgebissen.“

Jahre später, Anfang der 90er Jahre lernte ich in Moskau den Kriegsfotografen Jewgeni Chaldej kennen, der etwas jünger war als mein Vater. Chaldej wurde bekannt durch sein berühmtes Flaggenfoto auf dem Reichstag im Mai 1945. Er fotografierte die Potsdamer Konferenz und bei den Nürnberger Prozessen, aber auch im Donezgebiet, Charkiw und auf der Krim, dort wo mein Vater nicht weit entfernt im Schützengraben auf der anderen Seite lag. Chaldej war ein ähnlicher Typ wie mein Vater, trinkfest, melancholisch, beide äußerten sich meist humorvoll in einer derben Sprache, die noch aus der Zeit des Krieges stammen musste. Chaldej verblüffte mich immer wieder mit der Kenntnis von Ort und Zeit des Geschehens, er wußte sogar die Namen der abgebildeten Personen auf seinen Kriegsfotos.

Die Kriegserinnerungen müssen sich auch in das Gedächtnis meines Vaters tief eingegraben haben. Es waren Erinnerungen, jedoch nie Schuldbekenntnisse oder Distanzierungen. Er sah sich als kämpfender Soldat, mit einer heroischen Attitüde, wie sie allen Kämpfern eigen sind, gleichgültig, auf welcher Seite sie stehen. Als Altphilologe konnnte er die ersten Seiten der Ilias von Homer auswendig.

Mein Vater und Chaldej überlebten mit viel Glück den Krieg, sie hätten sich sicher gut verstanden, vielleicht sogar angefreundet und es war für mich nicht nur Sentmentalität, mich Chaldej freundschaftlich zu nähern, seine Fotos zu sammeln und auszustellen.

Im Frühjahr dieses Jahres meldete sich ein Ehepaar aus Goldberg (Mecklenburg) zu einem Besuch an. Sie leiten vor Ort einen Kulturverein und fragten, ob sie eine Ausstellung mit den Fotos von Chaldej realisieren könnten. Das Paar sitzt vor mir, es ist mir sofort sympathisch. Gerhard Stromberg, ein professioneller Fotograf, kommt direkt zum Thema. „Wir möchten nicht die berühmte iconische Flagge auf dem Reichstag ausstellen, wir wollen den Krieg zeigen. Die Fotos von Chaldej sind die besten Zeugnisse für das Grauen des Krieges, die wir kennen. Bitte geben Sie uns die grausamsten Fotos. Die Leute wissen heute nicht mehr, wenn sie leichfertig von Kriegstauglichkeit reden, was Krieg bedeutet.“

Diese Argument überzeugte mich sofort. Die Ausstellung wurde realisiert und ein feiner schmaler Katalog veröffentlicht mit dem Titel “Die tote Frau am Hallischen Ufer.“

In den sechs letzten Lebensjahren von Jewgeni Chaldej, er starb am 6. Oktober 1997, in denen ich mit Chaldej zusammen arbeitete, war der große Vaterländische Krieg und die immensen Verluste mit über 20 Millionen von der deutschen Wehrmacht getöteten Menschen, Soldaten, Frauen, Kindern durch die Fotos allgegenwärtig. Der Krieg endete vor 80 Jahren. Die Zeit hat ein langes Gedächtnis, auch in Russland. Der Name Jewgeni Chaldej ist heute in Russland sehr bekannt, jedoch alle Russen kennen sein berühmtes Flaggenfoto. Es symbolisiert das Ende des Krieges, das Ende Hitlers und das Ende des Faschismus. In Deutschland hat man kein Interesse mehr an den Arbeiten von Chaldej.

Der Termin der zweiten Musterung rückt näher. Von einem Freund erfahre ich, dass es die Möglichkeit gibt, die Bundeswehr zu verklagen. Allerdings muss man gute Argumente haben.

In meiner Dachstube im Haus meiner Eltern stapeln sich die gemalten Bilder, und Grafiken. Auf keinen Fall will ich zur Bundeswehr. Die Möglichkeit der Kreigsdienstverweigerung verwerfe ich, als ich höre, man kann leicht durch diese Prüfung fallen und es gebe etliche direkte und überfallartige Fragen wie: Der Russe steht vor der Tür mit einer Kalaschnikow. Du bist mit deiner Familie im Haus, der Russe dringt ein, deine Mutter steht schützend vor dir, würdest du deine Mutter verteidigen, wenn du eine Waffe der Bundeswehr hättest?

Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Alt 68er, linke Sozialdemokraten und alte Grüne, wie Robert Habeck lassen sich vom Sog der Kriegstüchtigen verleiten. Sie erklären öffentlich, sie würden heute nicht mehr verweigern und empfehlen den Kindern, das Vaterland durch den Wehrdienst zu verteidigen.

Ich reiche die Klage ein und kann inzwischen mit der Unterschrift meines Vaters rechnen. Da ich mit 19 Jahren noch nicht volljährig bin, muss mein Vater die Klage unterschreiben und auch bei der Verhandlung persönlich anwesend sein.

Sie findet 60 Kilometer entfernt in einem Stützpunkt der Bundeswehr statt. Im Zug zur Verhandlung komme ich mit meinem Vater ins Gespräch.

Wenn Sie dich zwingen zur Bundeswehr zu gehen, dann musst du hin. Pflicht ist Pflicht und Schnaps ist Schnaps.“

Ich will aber nicht gehen.“

Was willst du dagegen tun? Wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann mache ich das, doch jetzt scheint es zu spät zu sein. “

Ich ziehe einen großen Umschlag aus meiner Tasche, öffne diesen und zeige meinem Vater einen Brief.

Hier, lies, ich war noch einmal beim Nervenarzt Dr. Perschel, habe ihn gebeten, sein Gutachten zu erneuern und so wasserfest zu gestalten, dass ich nicht den Dienst antreten muss. Hört sich doch ganz gut an.“

Mein Vater überfliegt die Zeilen und schaut eine Weile aus dem Fenster des Zuges.

Alle Achtung, Respekt, Anerkennung. Ich werde dich bei der Verhandlung unterstützen.“

Damals wusste ich noch nicht, dass ich in jungen Jahren intuitiv beim Kreiswehrersatzamt in Wilhelmshaven meinen ersten Fake gelandet hatte. Später setzte ich das Prinzip des künstlerischen Fakes öfter ein.

So erfand ich in den 80er Jahren einen französischen Künstler, Blaise Vincent, dessen neun großformatigen Arbeiten ich für jede einzelne Wand in einer kleinen Kreuzberger Galerie in zwei Nächten malte. Dieser hatte schnell Erfolg und es befindet sich sogar ein Bild des nicht existenten Künstlers in der Neuen Nationalgalerie Berlin mit dem Titel „La duce nuit a Kreuzberg“.

Nervös betrete ich mit meinem Vater den Verhandlungsraum der Bundeswehr. Hinter den an hohen Tischen sitzenden Personen hängen die Fahnen der Bundeswehr und der Bundesrepublik. Ich bin beindruckt. Mein Vater und ich bleiben kurz zur Orientierung mitten im Raum stehen, den Blick auf die Personen an den Tischen gerichtet. Ich höre direkt neben mir das Zusammenschlagen von zwei Schuhen, das in der Stille einen lauten Knall erzeugt. Mein Vater steht stramm neben mir, die Hände an der Hosennaht.

Heil Hitler!“

Nach drei Minuten ist die Verhandlung beendet.

Ich werde nie einen Wehrpass der Bundespepublik Deutschland erhalten.

 

Bilder: Aus der Serie Eingebrannte bilder von Ernst Volland, divers.

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