Der Dichter und Herausgeber Johann P. Tammen
Es geht um Johann Peter Tammen, von dem ich erst spät den zweiten Vornamen wußte, bei uns hieß Johann immer Johann und in seltenen Fällen Johann P. Tammen.
Mit 16, 17 Jahren begann die Freundschaft. Johann wohnte mit dem Rad nur zehn Minuten weit weg in Rüstersiel, einem Ortsteil im Norden von Wilhelmshaven. Ich wohnte bei meinen Eltern im Nachbarstadtteil Altengroden.
Mit Johann, Wolfgang (Wolfgang P. Menzel) und gelegentlich Ulrich (Ulrich Großklaus) gründeten wir eine Künstlergruppe, die sich regelmäßig zu Seancen
traf, um über künstlerische Zeitepochen oder eigene Werke zu sprechen. Bevorzugtes Thema, der Dadaismus.
Wir unterschieden uns von anderen, die sportlicher waren oder zu Schachtournieren gingen. Doch Johann unterschied sich auch von uns. Er trug immer ein graues Jackett, sicherlich der Tatsache geschuldet, seriöser auszusehen. Zwei Jahre älter als wir, lebte er von seiner Büroarbeit. Doch die Büroarbeit wurde nie erwähnt, Johann war der Dichter in unserer Vierergemeinschaft. Er schrieb Gedichte mit poetischen Titeln und vielen Wörtern, die ich nicht kannte, wie das Wort Pandemonium. Er ist der Poesie treu geblieben, mit Gedichten vieler poetischer Titel, wie dem Gedicht: „Beutestücke, landeinwärst.“
Beutestücke, landeinwärts
Da dieser Schneeund mault schnee
weiß und hört den Schnee matt
auf sich fallenund fühlt sich an
wie Sackleinen ist grau und trost
los und bestellt nun schon den xten
Bleib-mir-treu-Aufgußund stapelt
hoch nun abermals bis rauf zum
Fensterbrett: Schnee mit Pfoten
augen in denen sich graupelnd
Licht verliert.
Das Komplizierte war ihm nicht fremd, auch in längeren Texten. So hatte er sich später für einen langen Beitrag über meine frühen Zeichnungen für das Buch „Ernst Volland- Eingebrannte Bilder, Plakate, Cartoons, Buntstiftbilder, Fakes, Dokumente“ den Titel ausgedacht:
„Erkundigungsgänge durch den Nebel der Scheinwirklichkeit. Ernst Vollands frühe Grafik und seine künstlerische Hinwendung zur politischen Karikatur- Kipplasten auf dem Weg zur alternativen Kultur nach 1968.“
Nebel, Scheinwirklichkeit, Kipplasten, allein drei schwierige Begriffe in nur einem Titel.
Johann besaß schon früh den Nimbus des Intellektuellen, er rauchte Pfeife, stieg später zu Zigarillos um, von denen er über Jahrzehnte fünfzig Stück pro Tag im rechten Mundwinkel verpaffte, was ihn wohl letztlich in den Dichterhimmel brachte. Er starb kürzlich, am zweiten Weihnachtstag, in einem Hospiz. Der wohlwollenden Nachrufe gab es viele, sogar die Frankfurter Allgemeine ehrte ihn, online, mit einem längeren Beitrag von Andreas Platthaus. Dieser hob besonders Tammens Herausgeberschaft der „Horen“ hervor, ein verdienstvolles Stück Arbeit, für das Johann immer wieder Gelder beschaffen konnte. Die Horen veröffentlichten vor allem internationale Autoren, die Gedichte schrieben, wie er selbst und Johann hatte die sprachliche Gabe, viele fremdsprachige Autoren zu übersetzen.
Johann war eine leiser, freundlicher Mensch, in dessen Arbeitszimmer sich schon immer Bücher und Zeitungen stapelten. Das Leise und die Freundlichkeit waren seine Stärke, gepaart mit einem feinem Lächeln.
Im Winter, genau einige Tage nach Weihnachten 1967 sind wir zwei nach Westberlin gefahren. Es war für mich das erste Mal. Ich hatte auf Wunsch von Johann einige seiner Gedichte illustriert, wobei mir damals, mit knapp zwanzig Jahren klar war, ich illustriere nicht, ich entwerfe meine eigene künstlerische Welt in Form einer Zeichnung und bilde nicht seine Texte ab.

Abb. 1 Aufbruch in einer Landschaft. Für Johann P. Tammen, Feder 1967. 50 x 35 cm Privatbesitz

Abb. 2 Aufbruch in einer Landschaft II. Für Johann. P. Tammen, Feder , 1967. 60 x 40 cm. Privatbesitz
Ich hatte einige Gedichte von Johann gelesen, mich danach hingesetzt und es sprudelte aus mir heraus, eine Federzeichnung nach der anderen. Als ich sie Johann zeigte, sagte er mir, wir fahren in Kürze nach Berlin zu V.O. Stomps. Ich kannte weder V.O. Stomps noch Berlin. Stomps war ein Verleger, der junge schreibende Talente aufspürte und verlegte. Ihm wollte Johann seine Texte und meine Zeichnungen zeigen, denn die handsignierten Bücher, die Stomps in einer kleinen, edlen Ausgabe herausgab, bestanden oft aus einem Text und einer Illustration. Der Verleger wohnte im friedlichen Friedenau bei einer Galeristin. Inzwischen im hohen Alter, fand er hier Unterschlupf und er war in der Lage, seine verlegerische Tätigkeit fortzusetzen. Wir stellten uns vor, gaben unsere Arbeiten ab, tranken eine Tasse Tee und wurden aufgefordert, in drei Tagen wiederzukommen. Nach drei Tagen tranken wir wieder eine Tasse Tee und als ich mit der Galeristin in die Küche ging, um ihr beim Service zu helfen, fragte sie mich, ob ich bei ihr meine Zeichnungen ausstellen wolle.
Gleichzeitig gab sie mir flüsternd zu verstehen, dass V. O Stomps gern ein Buch edieren würden, mit meinen Zeichnungen, aber mit einem anderen Autor, was mich überraschte. Sie sagte, ich könne einen anderen Autor vorschlagen.
Wie kann man in dieser Situation den Kopf aus der Schlinge ziehen. Wie gibt man einem Freund zu verstehen, dass man auch ohne ihn gern veröffentlichen möchte.
Kann man sich in die Bitterkeit einfühlen. Bricht man das Projekt ab und vergisst die Sache.
Wir haben das Problem lösen können durch die Idee, einen weiteren Kreativen aus unserem Viererkclub vorzuschlagen, Wolfgang P. Menzel. Auch er schrieb neben seiner Malerei Gedichte. Ich weiß bis heute nicht, ob dieses die sauberste Lösung war.

Abb. 2 Doppelfenster. Gedichte Wolfgang Peter Menzel, Zeichnungen Ernst Volland. Edition Galerie am Abend. 1969
Die Gedichte von Menzel gefielen, das Buch wurde unter dem Titel „Doppelfenster“ gedruckt. Johann hielt die Rede zur Eröffnung meiner ersten Einzelausstellung in der Galerie in Friedenau.

Abb. 3 Ausstellungsplakat Ernst Volland, Zeichnungen. Galerie am Abend, Berlin- Friedenau.
So weit so gut, bzw so schlecht, denn seit dieser Zeit hatten wir uns allmählich entfremdet. Es gab punktuelle Begegnungen, zeitlich weit auseinanderliegend, jedoch nicht mit der Intensität früherer Jahre.