vonErnst Volland 11.02.2026

Vollands Blog

Normalerweise zeichnet, schneidet, klebt Ernst Volland, oder macht Bücher. Hier erzählt er Geschichten.

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Salah Jahin

Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt hatte ich vor, wieder zu meiner gewohnten Physiotherapeutin zu gehen, ich musste jedoch einige Wochen warten, sie war im Urlaub. In der ersten neuen Stunde legte sie mich bäuchlings lang auf eine Liege, mein Gesicht steckte in einer Ausbuchtung, sodaß ich atmen und sprechen konnte.

Sie hatte eine deutsche Freundin in Ägypten besucht, erzählte sie und knetete meine Rückenmuskulatur. Als sie erwähnte, diese sei mit einem Palästinenser verheiratet, merkte ich, ich kann mit ihr über alles reden. Aber ich wollte nicht reden, ihre Hände glitten über meinen Rücken, ich schloß die Augen und ich erinnerte mich an Salah Jahin.

In Wilhelmshaven befand sich nach dem 2. Weltkrieg eine Zeit lang ein Hochschuldorf, eine Universität, auf der ein Nachbar lehrte, der auf der Etage über uns wohnte, Professor Franz Maria Feldhaus. Nicht nur sein zweiter Name verwunderte, er war dreissig Jahre älter als seine Frau. Das Paar lebte mit drei Töchtern. Später erfuhr ich, dass Feldhaus viermal verheiratet war und neun Kinder hatte.

Alle drei Töchter über uns waren älter als ich und unerreichbar, Herrat, Sissi und Gela.

Bekannt wurde Feldhaus als Technikhistoriker und durch ein 1924 in Berlin Friedenau veröffentlichtes Werk

KA-PI-FU und andere verschämte Dinge, eine Kulturgeschichte des Klosetts.“ (Ka- Pi-Fu- Kacken-Pissen-Furzen).

Die jüngste Tochter Gela zog später mit ihrem Mann nach Heidelberg, wurde Lehrerin wie ihr Mann, der eines Tages auf die Idee kam, für einige Jahre an die Deutsche Schule in Kairo zu gehen. Durch einen Zufall kam ich mit Gela, die inzwischen Fuchs hieß, wieder in Kontakt und sie und ihr Mann luden mich nach Kairo ein.

Ich absolvierte das übliche Besuchsprogramm Pyramiden, Museen und merkte allmählich, dass Gela und ihr Mann einen besonderen Status genossen. So konnten sie problemlos mit ihren Verwandten und Freunden in Deutschland telefonieren, obwohl auf Grund der politischen Spannung zwischen Ägypten und Israel, niemand ins Ausland telefonieren durfte. Nur Herr Fuchs und seine Frau. Einladungen zu ägyptischen Freunden und Bekannten mit eigenem Swimmingpool war Normalität.

Eines Tages, zu Beginn des Ramadan, kam ein schlanker Mann, mit grauen Schläfen zu Besuch, der mir bei einem Glas Tee nach kurzer Zeit in einem Nebensatz das Angebot machte, irgendeine Persönlichkeit aus Ägypten kennen zu lernen, falls ich das wolle. Das Angebot überraschte mich, war es ernst gemeint, machte sich der Gast nur wichtig? Egal, ich nutzte die Gelegenheit und antwortete, ja, ich möchte den besten ägyptischen Karikaturisten kennen lernen.

Ich hatte keine Ahnung, ob es überhaupt einen Karikaturisten in diesem Land gab, Karikaturen gab es nur in der westlichen Welt, nicht in Afrika.

Am nächsten Tag fuhr ein Auto vor und aus diesem stieg Salah Jahin.

(Englische Textpassagen unverändert aus dem Internet)

Foto: Salah Jahin in frühen Jahren.

Ich war beeindruckt und das doppelt. Einmal von der prompten Erledigung des Angebotes und von dem Mann, der vor mir stand, Salah Jahin.

Er war einen Kopf kleiner als ich, kugelrund und lächelte mich freundlich an.Wir unterhielten uns über die Schwierigkeiten, die man als kritischer Künstler bekommen konnte, sowohl in Deutschland, als auch in Ägypten, ich erzählte von meinen Prozessen und polizeilichen Schwierigkeiten, was Salin Jahin überraschte. Er selbst sah sich als Cartoonist, der vornehmlich unpolitische Zeichnungen veröffentlichte, obwohl er ein zutiefst politischer Mensch und Künstler war, der die Revolution von Nasser (Gamal Abdel Nasser Offizier und Ministerpräsident 1952-1970) mit aller Vehemenz verteidige.

In einem kurzen TV Statement spricht Salah Jahin 1970 über die Ziele der Revolution für den Globalen Süden, nämlich unabhängig zu werden von der politischen und ökonomischen Dominanz der Vereinigten Staaten.

https://x.com/drhossamsamy65/status/2005505986325520892

 

Zeichnung von Salah Jahin, ohne Datum

Mir war klar, ich habe gerade einen sehr klugen, freundlichen Menschen kennen gelernt, der mir ein paar Stunden gewidmet hatte, was auch immer sein Motiv gewesen war. Die Wege sind verschlungen, Ägypten ist das Tor zu Afrika, der Blick geht in den Orient, Inchallah, eine wunderbare Begegnung.

Viel später erfuhr ich, was für eine Koryphäe zum Tee beim Ehepar Fuchs auftauchte.

Salah Jahin war der führende ägyptische Schriftsteller, Lyriker, Playwriter und Cartoonist. Ich erfuhr, daß er Songtexte für die Sängerin Dalia geschrieben hatte, die Millionen Auflagen erreichten. Er schrieb auch Texte, Dialoge und Songs für Filme. Außerdem arbeitete er für ein Puppentheater und schrieb Texte für Kinderserien im Fernsehen. Es ist daher nicht überrraschend, dass er auch als Schauspieler auftrat.

Plakat zum Film, „Kümmere dich um Zuzu“. Dialoge und Songs von Salah Jahin.

In the golden age of cinema, Jahin wrote and inspired many of the masterful movies that we grew up watching, such as Khali Balak Men Zouzou, which was screened for over a year, and Shafiqa Wa Metwali, which documented the social history of two siblings in the construction of the Suez Canal. The latter movie and poem are inspired by the classic mawwal folktale of Shafiqa & Metwali but were innovatively brought back to life by the multi-talented Jahin. Jahin also wrote the Soad Housni masterpiece, Amira Hobbi Ana, considered one of the best love-story movies!“

Die vielfältigen Arbeiten von Salah Jahin scheinen immer noch aktuell zu sein.

Cairo International Book Fair is back with its 54th edition! The oldest book fair in the MENA region will run from January 24th to February 6th, 2023 with over 1000 publishing houses and cultural events to participate in. Annually, the book fair honours a cultural icon and identifies them as the character of the exhibition.This year, the late Salah Jahin, Egypt’s leading poet, playwright, and cartoonist, is the fair’s spotlight; his complete poetic works will be printed and presented. So, in preparation for the book fair, let’s honour the legacy of Salah Jahin in our own way!

In the 1960s, Jahin wrote a rubaiyat (quatrains) poem that expressed his views and emotions on life, existence, and morality. Each verse ended with his signature expression, “Wa ‘Agabi”, an Egyptian statement indicating irony. These quatrains are considered one of the most outstanding poetic achievements in Egypt and are the most popular among all Arabic poetry enthusiasts.“

„History may say what it wishes in Egypt’s name
Egypt, for me, is the most beloved and most beautiful of things.
I love her when she owns the earth, east and west.
And I love her when she is down, wounded in a battle.
I love her fiercely, gently and with modesty. „
I hate her and curse her with the passion of the lovesick.
I leave her and flee down one path, and she remains in another .
She turns to find me beside her in misfortune.
My veins pulsating with a thousand tunes and rhythms.
In Egypt’s name.“

 

Ägypten nennt sich Demokratische Republik. Man kann Zweifel haben, was den demokratischen Aspekt betrifft. Salah Jahin blieb ein überzeugter Anhänger

von Nasser und auch ein zutiefst überzeugter Sozialist. Um so enttäuschter war er, als er sah, wie die soeben neu gewonnenen Errungenschaften wieder rückgängig gemacht wurden.

Ägypten ist nach Artikel 1 der ägyptischen Verfassung vom 11. September 1971 ein „sozialistischer demokratischer Staat“ und „Teil der arabischen Nation“. 1980 wurde diese Verfassung verändert, u.a. wurde der Begriff „sozialistisch“ getilgt.

Als wir uns 1978 für ein paar Stunden trafen, kam sein ironischer Zug zum vorschein, denn so deute ich den Satz, den er in das Gästebuch schrieb.

Ausschnitt Gästebuch Gela Fuchs. Text Salah Jahin. Zeichnungen Ernst Volland

Dieser Satz ist ein langer Ausdruck von Freundschaft, aber er ist hyroglyphisch. Vielleicht verstehst du das nicht, egal, ich verstehe es auch nicht.“

Salah Jaheen 27. 2. 1978.

Muhammad Salah Eldin Bahgat Ahmad Helmy, known as Salah Jaheen, December 25, 1930 – April 21, 1986 was a leading Egyptian poet, lyricist, playwright and caroonist.“

Briefmarke mit einer Portraitkarikatur von Sala Jahin. Zeichnung von Yusseff Wilson 10. 1. 2025. „Sylah Jahin memorial stamp“.

Zum Schluss die Auflösung. Warum genossen die Fuchsens solche Privilegien? Nicht einfach zu erraten. Herr Fuchs war neben seiner Tätigkeit als Lehrer an der deutschen Schule in Kairo auch der Schulpsychologe. Es gehörte zum guten Ruf für wohlhabende Ägypter, ihre Kinder auf die deutsche Schule zu schicken. Jedes Jahr gingen fast Fünfhundert Bewerbungen ein. Nur 20 wurden angenommen. Alle Kinder mussten sich einem Test unterziehen, den der Schulpsychologe auswertete.

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