vonErnst Volland 14.05.2026

Vollands Blog

Normalerweise zeichnet, schneidet, klebt Ernst Volland, oder macht Bücher. Hier erzählt er Geschichten.

Mehr über diesen Blog

Die Russin.

Es war nie mein Interesse, eine Eigentumswohnung zu besitzen. Da der Besitzer

der Wohnung, in der ich lebte, Eigenbedarf für seine Tochter anmeldete, sprach ich mit einem befreudenten Anwalt, der mir die Bedeutung des Eigenbedarfs erklärte und mir offenbarte, dass ich maximal zwei Jahre in der Wohnung bleiben könnte, dann aber definitiv ausziehen müsste. Ich schaute in meinen Geldbeutel, ich schaute auf mein Konto, ich sprach mit meiner Sparkasse und entschied dann, die Wohnung zu kaufen. Sie war inzwischen, drei Jahre nach der Wende, doppelt so teuer geworden wie vor der Wende. Ich riskierte es und war damit im Besitz einer ca 50 qm großen Wohnung in Berlin Friedenau.

Eigentümer in einer Hausgemeinschaft zu werden ist eine Aufgabe für sich. Ich habe sie nicht bestanden. Nur widerwillig ging ich zu den gähnend langweiligen Eigentümerversammlungen. Das Dach musste repariert werden, ich sagte, wie fast alle anderen Eigentümer zu, obwohl die Kosten für meinen Anteil durch mein Bankkonto schlugen.

Ich lernte eine Frau kennen und zog nach einigen Monaten zu ihr. Meine Eigentumswohnung konnte ich jetzt vermieten. Allerdings deckte die Miete knapp meine Ausgaben. Im Laufe der Jahre wechselten die Mieter, bis schließlich ein schweizer Unternehmensberater in meine Wohnung zog. Er war von der Vormieterin empfohlen worden und so sagte ich zu.

Der Schweizer blieb nicht lange allein, inzwischen lebte er mit einer Frau zusammen. Ich hörte, es war eine Russin und beide wollten bald heiraten. Die Trauung fand in Dänemark statt.

An der Decke des einen Zimmers der Wohnung hatte sich ein feuchter Fleck gebildet und ich wurde gerufen. Bei meinem Besuch lernte ich die russische Partnerin kennen. Sie machte auf mich einen sympathischen Eindruck.

Ich versprach, mich um den nassen Fleck zu kümmern und erklärte gleichzeitig, dass ich kein typischer Eigentümer sei, der mehrere Wohnungen besitzt und ausschließlich mit Anwälten arbeitet. Der Fleck wurde beseitigt, tauchte regelmäßig nach einem halben Jahr wieder auf und jedes Mal wurde ich gerufen. Ich ließ den Fleck beseitigen und überlegte mir, wie ich die Wohnung wieder verkaufen könnte. Die monatlichen Kosten für Wohngeld und Abzahlung der Raten waren inzwischen doppelt so hoch wie die Miete, die ich einnahm. Mit dem Pärchen in der Wohnung war das Objekt schwer zu verkaufen. Das junge Paar aus der Wohnung heraus zu bekommen erschien noch schwieriger. Sicherlich würden beide eine stattliche Summe verlangen, wenn ich sie fragen würde. Einen Eigenbedarf konnte ich nicht anwenden. Ich musste die Wohnung irgendwie los werden. Die Chance, die kleine Wohnung zu verkaufen war gerade günstig, meine 50 qm große Altbauwohnung war jedoch in keinem guten Zustand. Da erreichte mich die Nachricht, es habe sich wieder ein nasser Fleck gebildet und ich möge doch vorbei kommen.

Sie zeigten mir freundlich den nassen Fleck, ich versprach, diesen zu entfernen und wiederholte den Grund des Schadens. Vom Balkon des Mieters über der Wohnung lief das Wasser bei Regen nicht ab und sammelte sich in den Mauern.

Der Mieter hatte alles versucht, das Regenwasser umzuleiten, der Schaden trat wieder auf. Die Partnerin monierte außerdem, dass morgens um sechs Uhr das Duschwasser nicht richtig heiß wird. Ich versprach mich auch darum zu kümmern, und wünschte einen guten Abend.

Moment,“ sagte der Schweizer, „wir haben noch eine wichtige Frage.“

Ich blieb stehen.

Würden Sie ihre Wohnung an uns verkaufen?“

Ich war auf diese Frage nicht vorbereitet, über mir ging in diesem Augenblick ein ganzer Kronleuchter mit Kerzen auf. Was für eine Gelegenheit. Sie schauten mich gespannt an.

Ja, ich weiß nicht so recht, ob das für mich eine gute Sache ist, ich muß mir das in aller Ruhe überlegen und Sie sollten das auch noch einmal überdenken, ob Sie die Wohnung wirklich haben wollen.“

Ich nahm eines der Schnittchen, die plötzlich auf dem Tisch lagen und schlug auch ein Glas Wein nicht ab.

Ich mache Ihnen folgenden Vorschlag, wir überdenken die Sache und treffen uns in genau vier Wochen beim Italiener um die Ecke. Einverstanden?“

Sie waren einverstanden.

Nach vier Wochen ging ich zum Italiener. Ich wartete ein paar Minuten, da kam die russische Partnerin durch die Tür. Sie setzte sich neben mich und fing an zu weinen. Die Tränen flossen und sie erzählte.

Ich komme allein. Mein Mann ist seit drei Wochen verschwunden. Vor ein paar Tagen hat er mir einen Brief geschickt. Er lebt jetzt mit einer farbigen Frau zusammen, die drei Kinder hat und sie ist von ihm schwanger.“ Tränen floßen und sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter.

Das ist eine traurige Geschichte,“ sagte ich.

Er kommt nie mehr zurück,“ schluchzte sie.

Ich ließ ihren Kopf noch eine Weile an meiner Schulter. Dann fragte ich sie.

Würden, oder besser, können Sie die Wohnung auch alleine kaufen?“

Sie wischte sich die Traänen ab.

Ja, das kann ich. Meine Eltern in Petersburg geben mir das Geld.“

Sie wissen doch noch gar nicht wie teuer die Wohnung ist.“ Kaum hatte ich das gesagt, nannte ich den Preis.

Ich mache Ihnen erneut einen Vorschlag. Sie haben vier Wochen Zeit, sich zu diesem Preis eine vergleichbare Wohnung zu suchen. Wenn Sie diese gefunden haben, nehmen sie die und unser Kauf findet nicht statt.“

Sie war einverstanden und nach vier Wochen trafen wir uns wieder beim Italiener, ohne Tränen. Ihr Mann blieb bei der Farbigen und sie hatte das Geld für die Wohnung von Ihren Eltern aus Petersburg bekommen. Sie war fest entschlossen meien Wohnung zu kaufen.

Wir erledigten die Modalitäten, gingen zu einem Anwalt ihrer Wahl und machten einen Kaufvertag. Danach äußerte sie bei einem Kaffee eine Bitte.

Ich würde Ihnen gern eine Teil des Geldes überweisen und den Rest in bar übergeben.“ Der Grund dafür wurde nicht ausgesprochen, aber ich wußte, dass sie, wenn sie mir eine Teil in bar gab, weniger Steuern zahlen musste.

Ich war einverstanden und fuhr in den Urlaub. Als ich zurück kam, war der verabredete Betrag auf meinem Konto. Jetzt wollte ich das Bargeld abholen.

Inzwischen hatte sich in meinem Familien und Bekanntenkreis herum gesprochen, daß ich meine Wohnung verkauft hatte und ausgerechnet an eine Russin und dass ich obendrein einen großen Betrag in bar bekomme, ohne dafür eine Quittung erhalten zu haben. Die Vorwürfe grenzten zeitweise an Beleidigungen, denn ich wurde als Naivling und Dummkopf bezeichnet. Einer Russin könnte man doch nicht trauen, sie würde mich über den Tisch ziehen und den Restbetrag nicht auszahlen. Mich beeindruckten die Vorwürfe nicht. Ich vertraute der Frau, aus einem Instinkt heraus für Menschen. Dieser Instinkt hat mich nie im Stich gelassen.

Am Nachmittag war eine Geburtstagsfeier einer Freundin in kleinem Kreis angesetzt, zu der ich um vier Uhr ging. Auf dem Weg zur Feier führte mich mein Weg zur russischen Frau, von der ich den Restbetrag abholen wollte. Ich klingelte an ihrer Tür, sie machte nicht auf. Ich war erstaunt, wir waren um fünfzehn Uhr verabredet.

Da ich kein Handy hatte, fuhr ich wieder mit dem Fahrrad nach Hause und rief per Festnetz an. Sie ging ans Telefon.

Oh, entschuldigen Sie, ich war auf dem Balkon und habe nichts gehört. „

Ich stieg auf mein Fahrrad und klingelte erneut. Sie machte auf.

Wir setzten uns in die kleine Küche. Zwei Kerzen waren angezündet. Eine Schale mit Weintrauben stand daneben. Mein Blick fiel auf eine Flasche Wodka mit zwei Gläsern.

Zuerst trinken wir Wodka, und hier ist der Umschlag mit dem Rest Geld für den Kauf der Wohnung.“ Wie tranken und sie schob den prallen Umschlag mit einer Hand auf dem Tisch in meine Richtung. In dem Umschlag befand sich ein Betrag, für den man mindestens ein Jahr arbeiten musste.

Ich steckte den Umschlag in meine Jackentasche.

Wollen Sie denn garnicht nachzählen, es ist immerhin ein sehr hoher Betrag?“

Nein, ich denke, der Betrag stimmt.“

Wir tranken noch einen zweiten Wodka und ich fuhr zur Geburtstagsfeier. Dort wurde ich schon gespannt erwartet.

Kaum war ich in der Tür, kamen schon die ersten Bemerkungen.

Na, hast du das Geld bekommen? Wie kann man nur soo naiv sein, ohne Quittung ohne alles.“ „Sicherlich stimmte der Betrag nicht, Russen kann man nicht trauen.“

Ich hängte meine Jacke an die Garderobe und setzte mich an den schön gedeckten Geburtstagstisch.

Zeig doch mal dein Geld, wo ist es denn?“

Es ist in meiner Jacke, die hängt an der Garderobe.“

Ohgottogott, an der Garderobe, wie fahrlässig. Unmöglich der Mann!“

Aber wir sind doch unter uns, Familie, Freunde, ein Dutzend ist sehr überschaubar. Wer sollte denn mein Geld stehlen?“

Dürfen wir das Geld sehen?

Ich holte den Umschlag. Gisela hatte jahrelang in einem großen Betrieb die Finanzen verwaltet und Gehälter ausgezahlt. Sie fragte mich, ob sie das Geld zählen darf.

Sie durfte. Alle schauten auf die Hände von Gisela. Auf dem Geburtstagstisch lagen ausschließlich 500 Scheine. Sie bedeckten die ganze Oberfläche des Tisches.

48 000, 48 500, 49 000, 49 500. Ein Fünfhunderter fehlt. Sie hat dich um 500 Euro betrogen.“

Hat sie nicht,“ sagte ich. „Hier ist der 500ter. Ich habe ihn vorher rausgenommen.“

Stille.

Na, da hast du noch einmal Glück gehabt“, bemerkte ein Gast und ein anderer schüttelte den Kopf. „Wie kann man nur, wie kann man nur.“

Am nächsten Tag ging ich zur Sparkasse und wollte zwei 500 Scheine auf mein Konto einzahlen. Den ersten Schein spuckte der Automat wieder aus, ebenso den zweiten.

Sollte ich mich doch geirrt haben und ich hatte Falschgeld in der Hand? Mir kamen leichte Zweifel, die ich jedoch sofort verdrängte.

Am nächsten Tag ging ich wieder zur Sparkasse und steckte den gleichen 500ter Schein in den Automaten. Diesmal kam er nicht zurück, ebenso der zweite, sowie alle anderen, die ich im Laufe der Jahre in den Bankautomaten steckte.

Zeichnung : Ernst Volland. 1963. Feder

Anzeige

Dir hat der Beitrag gefallen? Teile ihn über Social Media. Du möchtest etwas dazu sagen? Weiter unten gelangst du zu den Kommentaren.

https://blogs.taz.de/vollandsblog/2026/05/14/die-russin/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert