Wenn man 80 Jahre alt wird, wie ich es am 4. Mai dieses Jahres geworden bin, dann lichten sich die Reihen.
Anders ausgedrückt: Die Einschläge kommen immer näher.
Wieder ist über den Tod eines Freundes zu berichten, ein Kollege, der, mit 65 Jahren am letzten
Sonntag am 17. Mai, wie man sagt, viel zu jung verstorben ist.
Pavel war ein Maler in bester Tradition. Er hatte nicht viel übrig für die klassische Moderne, noch weniger schätzte er
die zeitgenösssiche Kunst. Velasquez, Goya, darunter machte er es nicht. An ihnen orientierte er sich, bei ihnen fand er seine Themen.
Nie sah man ein Produkt aus dem 20. oder 21. Jahrhundert auf einem seiner Bilder, etwa eine Cola Dose, ein Radio oder einen Computer.
Er reduzierte seine zu malenden Objekte auf Gläser, Geschirr, Früchten Tische und Tücher.
In seinem Atelier in der Nassauischen Strasse 4, zu dem man mindestens 2000 Stufen erklimmen musste, war er fast jeden
Tag anzutreffen. Das kleine Atelier besaß eine exquisite Visitenkarte, es war Ende der 20er Jahre das Atelier von George Grosz.
Pavel malte kontinuierlich, Bild für Bild. Auf dem Tisch stand eine Schale mit frischen Früchten, oft Weintrauben,
manche von ihnen fanden den Weg in ein Bild. Zitronen, Melonen, Granatäpfel, Apfelsinen.
Gemalte Apfelsinen waren meine erste Begenung mit Pavel Feinstein. Ich sah sie vor fast vierzig Jahren auf einem Bild bei einer Freundin.
Auf dem Sofa sitzend, blickte ich direkt auf das Bild. Die Apfelsinen lagen auf einem nicht zu identifizierenden dunklen
Untergrund, der sich zu den Seiten hin changierend in Luft auflöste, dunkle Luft.
„Wer ist der Maler“, fragte ich die Freundin. „Das Bild ist von Pavel“. „Es gefällt mir sehr“, sagte ich.
Ein paar Wochen später rief mich die Freundin an. „Ich habe mit Pavel gesprochen, er hat noch ein weiteres Bild
mit Apfelsinen.“ Wir trafen uns zu dritt. Das zweite Bild ähnelte dem ersten sehr, es hatte eine Apfelsine weniger.
Wir einigten uns auf den Preis. Es wurde das erste von zehn Bildern, die ich von Pavel kaufte. Eines kaufte er
nach zwanzig Jahren wieder zurück, weil er meinte, es sei eines seiner Schlüsselwerke, und daher müsste es unbedingt
wieder in seinen Besitz kommen. Ich willigte ein und kaufte von dem Geld eine Sickergrube für mein Haus in
Portugal. Das Schicksal wollte es, dass das Haus nach zwei Jahren an die öffentliche Wasserableitung angebunden wurde,
und somit die Sickergrube auf ewig versiegelt.
Pavel verbrachte mit Frau und Freunden einige Urlaube in diesem Haus, direkt an der Westküste gelegen. Er ging fischen,
liebte das Kochen, rauchte selbstgedrehte Zigaretten und trank Wein.

Abbildung: Mein erster Kauf von Pavel Feinstein. Foto: Ernst Volland
Es entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tragbare Freundschaft und ich konnte im Familien und Freundeskreis
einige Ankäufe aquirieren, die unsere Freundschaft stabilisierte und für immer verfestigte.

Pavel Feinstein, Stilleben. Ca 1995. Privatbesitz

Pavel Feinstein, Der Maler, 2015 . Öl. Privatbesitz

Pvel Feinstein. Portrait Ernst Volland. 2012. Öl Privatbesitz
Das Portrait von mir, Ernst Volland malte Pavel in zwei Stunden.
