Jean Ziegler
Wie es das Schicksal will, schreibe ich erneut einen Nachruf.
Diesmal geht der Nachruf an Jean Ziegler. Schweizer.
Viele werden diesen bedeutenden Mann nicht kennen, dessen Reputation etliche Staatsmänner, Würdenträger, Geistliche, Stars, Politiker in den Schatten stellt.
Ein Einzeltäter, ein Einzelkämpfer, Abgeordneter, Schriftsteller, politischer Mensch. Aufrecht.
Eine Episode spielt in Genf. Er ist der Fahrer von Che Guevara, Minister für Ökonomie auf Kuba. Ziegler, Mitte zwanzig, ist fasziniert von der kubanischen Revolution, angeleitet und erfolgreich ausgeführt von Fidel Castro. „Wo kann ich kämpfen fragt er Che. Dieser führt ihn ans Fenster. „Dort unten, inmitten von Banken und Versicherungen ist dein Platz.“
Ziegler schreibt Bücher, hält Vorträge und arbeitet als UNO- Sonderberichterstatter auf Recht für Nahrung.
Kein Vortrag, kein Buch, kein Interview ohne den Satz, den er wie ein Mantra wiederholt: „Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind auf dieser Welt, obwohl wir Nahrung für bis zu 12 Milliarden Menschen haben.“
Ziegler legt sich mit den reichen Schweizern an, den Chefs von Banken, großen Unternehmen wie Nestle und Versicherungen. Er nennt Klarnamen in seinen Büchern und wird dafür hart attackiert. Die Angesprochenen wollen Ziegler finanziell ruinieren und überschütten ihn mit Gerichtsprozessen.
Ich habe fast alle Bücher von Jean Ziegler gelesen. Seine Haltung beeindruckt mich, auch wenn seine Botschaft, die Verantwortlichen für den Hunger und Kriege anzuprangern für viele heute naiv erscheint. Ziegler gab nie auf.
Vor 30 Jahren traf ich ein Schweizer Ehepaar, sie führten eine Fotoagentur.
Der Name Ziegler war ein rotes Tuch für sie. „Nestbeschmutzer“.
Absurd und immer wieder der gleiche Mechanismus. Ziegler zeigt auf die Verantwortlichen, durch deren Handeln Tausende sterben. Anstatt ebenfalls auf die Verantwortlichen zu zeigen und sogar zu überführen, zeigt das Ehepaar nur auf Ziegler „Nestbeschmutzer“.
Ziegler, eine Zierde für die Schweiz.
Ich wollte Ziegler immer schon einmal kennen lernen. Eines Tages lief er mir über den Weg, vor dem Brecht Theater in Berlin am Schiffbauerdamm.
Ich hatte vor, eine Karte zu kaufen für einen Vortrag Zieglers am nächsten Abend im Theater. Enttäuscht blieb ich noch eine Weile vor dem Theater stehen, Ziegler war ausverkauft. Da stand er plötzlich vor mir. Ich sprach ihn an, erzählte vom vergeblichen Kauf einer Karte. Er forderte mich auf, ihm zu folgen und ging mit mir zur Thaterkasse. Es dauerte nicht lange, ich war im Besitz einer Karte für den Vortrag am nächsten Abend. Im Anschlus seines Vortrages signierte er Bücher. Ich kam kurz ins Gespräch mit ihm, versprach Arbeiten oder ein Buch von mir zu schicken. Er war erfreut.
Nach einigen Tagen schickte ich ihm mein neuestes Buch, eine komplette Sammlung meiner Arbeiten, zusammengefasst in einem 600 seitigen Band. Er antwortete begeistert als Kollege in einer gemeinsamen Sache.
Der Kampf geht weiter.
Jean Ziegler starb am 10 Juni mit 92 Jahren. Unvergessen.
Aus einem Text, den ich vor über 10 Jahren schrieb:
Gestern ging ich wieder einmal zu meinem Frisör. Nachdem die Haare nass waren und der Frisör anfing, mir mit der Schere die Haare zu kürzen, fragte ich ihn. „Was macht denn eigentlich Herr Gauck?“
„Der war heute auch hier. Hat ja eine Einladung zu den Salzburger Festspielen. Soll morgen die Eröffnungsrede halten.“
„Wissen Sie, was er sagen wird?“ fragte ich meinen Frisör.“
„Das weiß ich nicht, er hat nichts gesagt, nur, dass er eingeladen ist.“
Vor einigen Wochen traf ich Jean Ziegler. Ich hatte im BE Theater eine Karte für das Stück von Mark Ravenhill „Freedom and democracy – we hate you“ gekauft und wollte mir auch eine Karte für den nächsten Abend besorgen an dem Jean Ziegler sein Buch vorstellte, „Der Hass auf den Westen“, doch diese Veranstaltung war bereits ausverkauft. Vor dem Theaterplatz warteten die Besucher für das Ravenhill- Stück. Da lief zufällig Jean Ziegler an mir vorbei.
„Herr Ziegler, lassen Sie sich ansprechen, jetzt, hier?“ fragte ich ihn.
„Ja natürlich.“
Jean Ziegler sollte in diesem Jahr, 2011, die Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen halten. Kurz nach der Einladung durch das Land Salzburg wurde er wieder ausgeladen. Jean Ziegler vermutet Schweizer Sponsoren wie Nestel’e und Cr’edit Suisse hinter der Absage.
Die nicht gehaltene Rede von Jean Ziegler beginnt mit den Sätzen:
„Sehr geehrte Damen und Herren, alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 37 000 Menschen verhungern jeden Tag und fast eine Milliarde sind permanent schwerstens unterernährt….“ und fährt fort …„Viele der schönen und Reichen, der Großbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen. Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung…. .“ „…Vergangenes Jahr – laut Weltbankstatistik – haben die 500 größten Privatkonzerne, alle Sektoren zusammengenommen, 52,8 Prozent des Welt – Bruttosozialprodukts, also aller in einem Jahr auf der Welt produzierten Reichtümer, kontrolliert….“
Was Herr Gauck bei den Salzburger Festspielen gesagt hat weiß ich nicht, ich kann es mir aber denken.
