vonErnst Volland 12.06.2026

Vollands Blog

Normalerweise zeichnet, schneidet, klebt Ernst Volland, oder macht Bücher. Hier erzählt er Geschichten.

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Viele Blicke. Zur Konzeption im fotografischen Werk von Erika Ede

Die 1961 geborene Fotografin Erika Barahona Ede, sie bevorzugt die Kurzform Erika Ede, studierte Geschichte und Bildende Kunst an der Universität Complutense Madrid.

Ein wichtiger Impuls für eine fotografische Karriere wird das anschließende Eddy Adams Workshop-Stipendium für Dokumentar-und Pressefotografie 1995 in New York gewesen sein. Schließlich entscheidet sie sich nur für Fotografie, wobei das Historische und die Kenntnisse über bildende Kunst ihre konzeptionellen Absichten unterstützen.

Das fotografische Werk von Erika Ede erscheint desperat und sehr variantenreich. Erika Ede drückt nicht nur auf den Auslöser der Kamera, um den einen entscheidenden Augenblick wiederzugeben, sie entwickelt vielmehr immer wieder ein neues Konzept zu einem für sie wichtigen fotografischen Projekt, das schließlich zu Publikationen führt, sei es ein Buch oder eine Ausstellung.

Erika Ede passt in keine Schublade, ein Indiz für ihr selbstbewusstes Fotografieren, das sich für immer neue Ausdrucksmöglichkeiten öffnet.

So ist mit der Zeit eine eigene Erika Ede Schublade entstanden und ein Blick in das Innere zeigt eine Reihe von konzeptionellen Fotografieprojekten, angefangen in den 90er Jahren.

Das Moment des Erinnern ist eines der bewußt gewählten Arbeitsweisen der Fotografin. Erika Ede arbeitet und fotografiert für unser kollektives Gedächtnis. So bewahrt sie Bilder und Geschichten vor dem Vergessen, wie in ihrer Arbeit „das ist berlin“ aus dem Jahr 2005, ausgestellt in Bilbao, ihrem Heimatort.

Wir sehen hunderte von derangierten Schaufensterläden auf den Straßen der geteilten und wieder vereinten Stadt Berlin, aufgenommen über die Jahre. Heruntergelassene marode Markisen, Grafittis, leere Läden, zugemauerte Türen mit Schriftzügen wie Ali Baba- Lebensmittel oder Obst & Gemüse. Alles ist geschlossen, ramponiert, was einmal lebte und zum letzten Mal vor dem Vergessen bewahrt wird, durch das Auge und die Kamera der Fotografin. Die Schaufensterläden zeigen, besonders im Ostteil der Stadt, die Zeit des Überganges in Berlin, Ende der 80er Jahre und Anfang der 90er mit dem Jahr des Mauerfalls im November 1989.

Zeitschichten schieben sich übereinander in der Serie ihrer Fotos. Der Schriftzug „GLAS“ an einer Hauswand stammt noch aus den 20er Jahren, während ein verschnörkeltes „Indian“ mit einem nüchternen Schriftzug „Motorcycles“ über einem gemauerten Ziegelbacksteintürbogen, die Wende von 89 hinter sich läßt und den westlichen direkten Einfluß kommentiert.

Die serielle Anordnung des Projektes erzeugt im Betrachter einen nachhaltigen Moment des Erinnerns an eine außergewöhnliche Zeit in Berlin, einer Stadt mit vielen Brüchen und Verwerfungen, in der Erika Ede mehrere Jahre gelebt hat und in die sie immer wieder mit einem erworbenen zweiten Wohnsitz zurückkehren kann. Ist die Ausstellung vorüber, so bleibt das Buch, das anlog die Zeit der Übergangsperiode in Berlin dokumentiert.

In einem späteren Projekt PIEL DE LLUVIA, das sie mit den Gedichten von Jose‘ Ignaci’o de Anguisola bereichert, versucht Erika Ede mit ihrer farbigen Fotografie von vorwiegend Meeres und Küstenlandschaften den Fluß der Zeit mit ihrer eigenen familiären, litauischen Vergangenheit zu rekronstruieren.

Sie geht mit ihrer Kamera zurück an den Lebensort der Familie, die vor mehr als Hundert Jahren Edenska hiess und in Litauen wohnte. Zuerst recherchiert sie authentische, historische Familienfotos und schöpft aus dieser Inspiration eine intensive persönliche Sensibilität, um dann ihre Kamera am Meer aufzustellen und zu fotografieren. Durch diesen fotografischen Dialog mit historischen Familienfotos und eigenen aktuellen Landschaftsfotos stellt sie eine Nähe her über die Jahrzehnte, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die großformatigen Abbildungen zeigen Erde oder Sand am Meer mit weitem Horizont, so wie es auch zu Lebzeiten ihrer Vorfahren an der Küste Litauens, dem Kurischen Haff, ausgesehen haben könnte. Alles ist Natur, keine Architektur und Strassen, die Strände sind menschenleer, kein modernes Gerät oder Müll verunziert den reinen Blick auf die Elemente Erde, Wasser, Luft. Nur einmal in der ganzen Serie taucht in der Ferne ein altes Segelschiff auf einem Foto auf, es könnte aus der damaligen Zeit stammen.

Die Reduzierung auf das Wesentliche erlaubt dem Betrachter unvoreingenommen seinen Gedanken in der Historie schweifen zu lassen. Erika Edes Meer- und Strandbilder von heute in Litauen imaginieren die gleichen Assoziationen und Bilder wie seinerzeit an der Küste. Mann kann das Rauschen der Wellen hören, riecht das salzige Meer. Das Projekt dehnt die Zeit um über Hundert Jahre, was die moderne Fotografie vermag, wenn sie klug eingesetzt wird.

Schon früh hat Erika Ede die Gelegenheit im Museum Guggenheim, Bilbao genutzt, eine langfristig angelegte Portraitserie zu schaffen von Künstlern, die im Museum fest zum Haus gehören oder dort Ausstellungen präsentieren. Die schwarz/weiß Fotografien im klassischen Halbportrait, mit der Konzentration auf das Gesicht, zeigen die Abgebildeten in immer der gleichen Position, aus einer leichten Untersicht und von der Scheitelspitze bis zur Brusthöhe. Jeder Künstler, wie bekannt er auch ist, bekommt das gleiche Format, nur die Personen sind unterschiedlich. Es sind viele Berühmtheiten darunter, wie Gerhard Richter, Jeff Koons, Richard Serra, aber auch Künstler, deren Namen man zum ersten Mal liest, wie Eva Davidova und Richard Onyango. Die Fotoserie, die schlicht „retratos“ heißt, besteht aus immer gleichformatigen Portraits. Auch in der ausgestellten Rahmengröße 100 x 100 cm werden alle Künstler mit diesem Format gleich behandelt. Erika Ede wertet nicht den Bekanntheitsgrad des Künstlers, sie zieht niemanden vor, behandelt in ihrer Technik alle gleich.

Die Farbfotografie ist nicht in der Lage das Abgebildete so zu verdichten, wie es die schwarz/weiss Fotografie vermag. Farbe lenkt ab. Die schwarz/weiß Portraitserie fällt auf durch ihre Nüchternheit und der Konzentration auf das Wesentliche.

Ganz anders geht Erika Ede in einem weiteren Familienprojekt vor.

By Special Desire“ nennt sie das mit reichlich Goldprägungen verzierte Cover des Buches. Die mit einer Collage von Originalfotos, Dokumenten und authentischen Originalzeitungstexten zusammengestellte Arbeit spiegelt das Leben von Maria Edenska wieder, einer Frau in Männerkleidern und das Mitte des 19. Jahrhunderts in Litauen. Maria Edenska war eine Berühmtheit, Opernsängerin, engagiert in den ersten Häusern Europas. Ihre Karriere hatte ihren Höhepunkt in den Jahren 1859 -1869.

Das provokante Auftreten in aller Öffentlichkeit von Maria Edenskas war eine kleine Sensation. Ihre imposante Erscheinung, ihr Singen als Frau in Männerkleidung mit Sicherheit der Zeit voraus.

Über Hundert Jahre später tritt Erika Ede aus dem Schatten der Familie Edenskas, jetzt Ede. Sie ist keine Sängerin wie Maria Edenska. Ihr Metier ist nicht der Akt auf der Bühne. Sie verschafft sich ihre eigene, spezielle Bühne und öffnet Räume für neue fotografische Konzepte, die nur sie gestalten kann mit ihrem historischen und künstlerischen Hintergrund.

Dieser eigene fotografische Weg war nicht von Anfang an vorgegeben, als sie schon früh Preise beim Welterbe Fotowettbewerb (1998) und zwei Preise (2000 und 2002) beim Europäischen Preis für Fotografinnen in Florenz gewinnt. Sie erhält Zugang zu Redaktionen zahlreicher Publikationen und veröffentlicht ihre Fotos bei GEO, Elle, Vogue, Figaro, The New York Times, National Geographic. In diesen Zeitschriften hin und wieder präsent zu sein, das sind einzelne, kleine Stationen, um in der Masse der Fotografen vielleicht bemerkt zu werden.

Eine herausragende Stellung und Profil als Fotografin gewinnt Erika Ede mit ihren modernen und rational aufgebauten Bildstrecken.

In der Geschichte der Fotografie spielten und spielen Männer eine wesentliche Rolle. Doch auch Frauen wie Julia Margaret Cameron, Diane Arbus oder Lotte Jacobi gehören zum fotografischen Kanon.

Jetzt erscheint zum ersten Mal ein vorläufiger Überblick des fotografischen Ouvres von Erika Ede im Berliner Verlag „Editionfrölich“. Mit diesem Überblick in die Breite der Vielfalt und Komplexität im Werk von Erika Ede ist sicher-gestellt, Erika Ede gehört zu den führenden zeitgenössichen Fotografinnen ihrer Generation.

 

 

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