Plötzlich weg
Der Weg führt hinaus aus der Stadt über eine neue Schnellstrasse, Hundert Kilometer nördlich von Berlin. Es ist ein heißer Hochsommertag. Sie sind bei einem Freund zu Besuch, der ein Haus an einem See besitzt. Das Grundstück liegt versteckt in einer Waldgegend, es ist schwer zu finden. Doch schließlich entdecken sie die schmale Zufahrt direkt zum Haus und sehen Karl winken. Nachdem sie die mitgebrachten Getränke aus dem Auto geholt haben, zieht Rolf sofort seine Badehose an. Der See glitzert in der Sonne durch die Bäume.
„Ich warte noch ein bisschen“ sagt Monika.
„Vielleicht kommst du mit mir mit Monika. Rolf kann ja schon im See baden. Ich möchte noch etwas Fisch kaufen. Nicht weit von hier, einige Autominuten entfernt, gibt es einen guten Fischladen mit Fischen aus den umliegenden Seen.“
Sie fahren los. Rolf geht barfuss den abschüssigen Weg hinunter zur Anlegestelle und setzt sich kurz auf eine Holzbank, um das Schauspiel der leichten Welle zu betrachten, die der Wind an der Wasseroberfläche erzeugt.

Ernst Volland, Verschnecktes Gespräch, 1967, Feder
Als er aufwacht, hat er Zeit und Orientierung verloren. Er sitzt vor dem Haus. In seiner Vorstellung befindet er sich in einem traumähnlichen Zustand. Monika und Karl reden auf ihn ein. Sie gestikulieren und wiederholen immer wieder die gleichen Sätze, die er nicht versteht. Seine Kraft reicht nicht aus, um auf ihre Fragen zu antworten. Karl packt ihn an der Schulter und schüttelt Rolfs Körper kräftig durch. Dann telefoniert er mit einem befreundeten Arzt.
Es gelingt beiden, seinen Körper hoch zu heben und in das Auto von Monika zu setzen. Rolf weiß nicht, was mit ihm geschieht und wo er sich befindet. Monika fährt hastig los. Beim Zurücksetzen stößt sie leicht gegen einen Eisenpfosten der Toreinfahrt. Dann fährt sie so rasch wie möglich davon, in das zwanzig Kilometer entfernte Krankenhaus.
Nach einigen Minuten sieht Monika plötzlich einen parkenden Rettungswagen am Rande der Strasse stehen. Was für ein Zufall. Die beiden Rettungsfahrer rauchen eine Zigarette. Monika erklärt kurz die Situation und schon liegt Rolf auf der Trage im Rettungsauto und wird noch im Auto behandelt.

Ernst Volland, Nächtliche Begegnung, 1967, Feder
Im Krankenhaus untersucht ihn eine junge Ärztin nur kurz. Die Daten aus dem Krankenwagen, Bluthochdruck und Blutuntersuchung kann sie direkt übernehmen. Sie fragt nach seinem Befinden.
Jetzt kann Rolf sie verstehen und ganz normal antworten.
„Sie bleiben eine Nacht bei uns, dann sehen wir weiter.“

Ernst Volland, Popgeige, 1967, Feder
Am nächsten Morgen wacht Rolf in einem hellen Einzelzimmer auf. Ihm ist jetzt ganz klar, wo er ist, wer er ist und was passiert ist. Er erinnert sich, in das Wasser gegangen zu sein und auch wieder hinaus, aber dann hatte er, was man einen Filmriss nennt.
Die Tür geht auf, eine Ärztin erscheint.
„Guten Morgen.“

Ernst Volland, Kopf, 1967, Feder
„Guten Morgen. Darf ich Ihnen ein Gedicht vortragen?“
Die Ärztin schaut ihn überrascht an.
„Wollen Sie nicht zuerst meine Diagnose hören?“
„Ich würde ihnen gern das Gedicht ‚Die Grützwurst‘ vortragen.“
Ohne auf ihre Antwort zu warten, beginnt Rolf mit den ersten Zeilen.

Ernst Volland, Vogel, 1969, Feder
„Es summen die Bienlein. Die Schnucke still ässt
Süß säuselt des Schäfers Schalmei
Doch horch, da hör ich was hinter der Geest
die Grützwurst, die Grützwurst ist frei.
Der bucklige Bote verkündet es schrill
fast bricht ihm die Stimme dabei.
Wir werden ihr trotzen, mag kommen was will
die Grützwurst, die Grützwurst ist frei.
Die Tiere ahnten..“
„Sehr gut, sehr gut.“ Die Ärztin unterbricht ihn.

Ernst Volland, Fisch, 1969, Feder
„Ich habe verstanden, was Sie mir mit dem Gedicht sagen wollen. Ihr Gehirn funktioniert wieder völlig normal. Sehr gut.“
„Das Gedicht hat zwölf Strophen, wenn Sie Lust haben?…..“
„Jetzt zur Sache. Wir können uns Ihren Gedächtnisausfall nicht erklären. Ihre Werte sind ganz normal, keine Auffälligkeiten. Wenn überhaupt, spricht man in solchen Fällen von einem kleinen Schlaganfall, der aber wiederum keiner ist. In der letzten Woche hatten wir einen ähnlichen Fall. Auch diese Frau kam aus der Großstadt und ging auf dem Land in einen See baden. Vielleicht ist dieser Kontrast, Stadt versus Land, dieser Schock eine Erklärung.“

Ernst Volland, Vogel II, 1968, Feder
Sie überreicht Rolf einen Umschlag.
„Hier sind die Unterlagen für ihren Hausarzt. Sie können das Krankenhaus heute noch verlassen. Alles Gute.“
Monika holt Rolf nach einigen Stunden am Eingang ab. Sie fahren zum Haus des Freundes. Still sitzen sie vor dem Haus und geniessen die Ruhe.
Rolf blickt immer wieder auf die glitzernden, kleinen Wellen der Oberfläche des Sees. Dann ruft Karl.
„Der Fisch ist fertig.“

Ernst Volland, Anblick, 1968, Fedder