
Am reinen Bach.
Als er sich nicht wohl fühlte, ging er zu einem Krankenbruder.
„Ich weiß nicht, was mit mir los ist, mir ist schwindlich.“
Der Krankenbruder schaute ihm in den Hals, stellte eine erhöhte Temperatur fest und schrieb ihn für zwei Tage krank. Er bekam ein Bett im Krankenzimmer, in dem noch drei Jungen lagen, mit unterschiedlichen Erkrankungen.
Seit über einem Jahr lebte er jetzt bei den Ballodienern, einem katholischen Orden, den ein römischer Armenpriester in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet hatte.
Seine Eltern, die in einer norddeutschen Stadt wohnten, hatten ihn zu den Ballodienern mit 11 Jahren geschickt, weil der Ortspfarrer ebenfalls ein Ballodiener war und meinte, der Junge habe das Zeug zu einem Priester.
Seine Mutter begleitete ihn bis in die Kleinstadt in der Nähe von Bonn, in der der Orden eine große ummauerte Anlage besaß. Zwei Mal durfte er im Jahr nach Hause fahren, zwei Mal durfte er Besuch von den Eltern bekommen.
Im Orden herrschten strenge Regeln. Ab 19 Uhr hieß es Silentium (Schweigen) bis morgens um 8 Uhr. Dann war es Pflicht, jeden Tag früh die „Heilige Messe“ zu besuchen, anschließend sechs Stunden Schule.
Danach Mittagessen im großen Saal, wieder mit Silentium. Ein Pater las zur Zeit eine Geschichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg der 30er Jahre vor. Niemand der Schüler hatte jemals von diesem Krieg gehört. Aber es ging um die Rolle der Katholischen Kirche, die durch die Kämpfe der Republikaner, der Gegner Francos, stark gelitten hatten. Die vorgetragenen Greueltaten der Republikaner waren zum Mittagessen kaum zumutbar, aber die jungen angehenden Priester sollten schon sehr früh die Verfolgungsgeschichte der Kirche kennen lernen.
Am Nachmittag Hofspaziergang und spielen. Um 9 Uhr Bettruhe.
Ihm gefielen diese strengen Regeln, er fühlte sich wohl und kam mit seinen Mitschülern gut aus.
Jetzt lag er mit Kopfschmerzen, Übelkeit und einem seltsamen neuen leichten Schmerz an seinem Geschlechtsglied in der Krankenstube.
Der Orden arbeitete autark. Es gab zum Beispiel einen Bruder Gärtner, einen Bruder Schmied, einen Bruder Bäcker und also auch einen oder zwei Brüder zum Heilen einfacher Krankheiten.
Für ihn war es angenehm, einmal in einem Raum mit nur drei Betten zu schlafen, zumal die Betten hier weit auseinander standen und nicht sehr eng, wie in dem Schlafsaal mit vierzig Betten, in dem er sonst schlief. Wenn er denn schlafen konnte. Irgend ein Junge weinte immer in der Nacht, oder hustete und es gab sogar einige, die miteinander schwatzen, so lange, bis die Aufsicht kam.
Am nächsten Tag fühlte er sich schon etwas besser. Der Krankenbruder hatte ihm heute wieder einen Kräutertee mit einem Tropfen Medizin, die er nicht kannte gegeben, und da er viel Zeit hatte, nahm er seinen Rosenkranz und bat um Heilung durch die Jungfrau Maria.
Er wurde unterbrochen durch den Neuzugang eines Schülers aus einer Klasse über ihm. Sie unterhielten sich und stellten sehr bald fest, dass sie einige Gemeinsamkeiten hatten, wie Fußball spielen und malen.
In der Nacht fragte der ältere Schüler, der Luis hiess und französische Eltern hatte, ob er unter seine Decke kriechen darf.
„Ich fühle mich so einsam, es ist dunkel hier, darf ich zu dir kommen?“
Er hatte die Frage zuerst gar nicht verstanden und antwortete nicht.
Luis wiederholte seine Frage.
„Darf ich kommen?“
Es war stockdunkel im Raum. Plötzlich merkte er, wie Luis, es konnte nur Luis sein, vor seinem Bett stand, dann die Zudecke zur Seite schob und sich neben ihn legte. Er blieb still liegen. Man hörte den Atem beider, einen Atem, den man sonst nie hört. Jetzt war er ganz präsent, fast laut, keiner von beiden sagte ein Wort. Luis rückte ertwas näher an ihn heran, die Körper berührten sich. Er hörte sein eigenes Herz pochen, pochen, pochen, da legte Luis seine linke Hand auf seiner Brust. Er fühlte eine angenehme Wärme und regte sich nicht. Das Pochen des Herzens wich etwas zurück. Ohne dass er es bemerkte, versteifte sich sein Glied ein erstes Mal. Die Hand von Luis glitt an seinem Körper herunter bis zwischen seine Beine. Die Finger umschlossen sein gesamtes Glied. Er holte tief Atem, stöhnte, sein Kopf schüttelte hin und her und er erfuhr einen Moment nie gewesenen süßen Schmerzes. Luis lag ganz eng an seinem Körper, den Kopf an seinen Hals gepresst, seine Faust umschloss immer noch sein Glied, aus dem eine Fontäne Flüssigkeit spritze und sich gleichzeitig über beide ergoß.
Immer noch lag er regungslos da. Er fühlte sich erschöpft, wie nach einem langen Trainigslauf beim Sport. Luis führte seine Hand zu seinem eigenen Glied. Es war steif. Er schob es umschlossen von Luis Hand, rauf und runter, bis Luis auch diese Flüssigkeit aus der Eichelspitze entleerte und dann ruhig neben ihm lag.
„Das ist Sperma, keine Angst.“
So leise, wie Luis in sein Bett geschlüpft war, stieg er wieder aus.
Er war todmüde, aber auch irgendwie sehr zufrieden und wollte daher nicht darüber nachdenken, was gerade geschehen war.
Am nächsten Tag verließ er die Krankenstation, noch etwas benommen vom nächtlichen Erlebnis. Mit Luis sprach er kein Wort.
Einige Wochen später wird er in das Direktionszimmer gerufen.
Vor ihm sitzen drei Patres, die Spitze des Ordens.
„Wir wollen gleich zur Sache kommen,“ sagte der Direktor.
„Warst du mit Luis im Bett?“
Er wußte nicht, was und wie er antworteten sollte.
Ich? Nein. Ja, vielleicht, nein, doch, da war was auf der Krankenstation.“
„Was war auf der Krankenstation?
„Ich habe es vergessen.“
Vergessen, wie kann man das vergessen. Weisst du, dass Luis nicht nur mit dir im Bett war, sondern mit weiteren drei Jungen. Wir verbieten auf unserem Gelände sexuelle Praktiken wie sie hier geschehen sind.“
Er fand keine Antwort.
„Du kannst jetzt gehen. Du wirst von uns hören.“
Wie vor den Kopf geschlagen blieb er sitzen.
„Du kannst jetzt gehen!“
Von ganz fern hörte er diese Stimme, stand auf, fand die Tür und suchte eine stille unbeobachtete Ecke, in der er hemmungslos weinte.
Sexuelle Praktiken, dachte er, was ist das? Er wußte, dass Männer und Frauen miteinander verkehrten, und dann kamen Babies heraus, mehr aber nicht.
Auch hatte er den einen oder anderen Pater gesehen, der einen bestimmten Schüler immer wieder über die Wange streichelte oder auch einmal in den Arm nahm. Einmal hatte er eine Diskussion auf dem Schulhof mitgehört, in einer Ecke, in der sich die „Großen“ trafen. Von denen traute sich sogar einer, eine Zigarette zu rauchen. Die Jungen tuschelten und kicherten hinter vorgehaltener Hand.
„Habt ihr gesehen wie der Meier wieder den Dieter streichelte und mit der Hand über den Kopf strich, irgendwie komisch? „
„Bei uns hat er einen anderen Schüler in den Arm genommen. Der wollte das eigentlich gar nicht. „ Allgemeines Kichern.
„Ja, und mein Liebling hatte er ihn sogar genannt, das habe ich ganz genau gehört. Ich saß daneben.“
„Das ist noch gar nichts, bei uns hat ein Pater einen Schüler auf den Schoß genommen, weil er sehr gute Leistungen hatte, der Streber.“
Es wurde noch heftig diskutiert. Die einen fanden die Bevorzugung ungerecht, die anderen einfach nur komisch. Nur zwei meinten, der Pater ticke nicht richtig, der sei wohl schwul. Keiner wußte, was schwul war.
„Na Männer die lieben sich, so wie Frauen Männer lieben. Das nennt man gleichgeschlechtliche sexuelle Praktiken.“ Die anderen waren verblüfft.
„Und das kann auch mit Jüngeren sein.“
Er hatte nichts mit einem der Pater, wurde auch nie gestreichelt oder ähnliches. Aber das waren auch für ihn keine sexuellen Praktiken. Aber waren das sexuelle Praktiken, was er mit Luis erlebt hatte? Das war doch etwas besonderes, sogar aufregend Schönes gewesen. Er fand keine Antworten in all dem Wirrwar in seinem Kopf, vor allem fürchtete er sich vor einem zweiten Treffen mit dem Direktorium, das nach drei Tagen anberaumt war.
„Wir müssen dir leider mitteilen“, so eröffnete der Direktor den Dialog mit ihm, „dass wir dich, Luis und drei weitere Jungen wegen gemeinschaftlicher sexueller Praktiken aus dem Orden verweisen.“
Stille im Raum.
„Deine Eltern sind benachrichtigt worden. Dein Vater wird dich in zwei Tagen abholen. Wir wünschen dir alles Gute auf deinem weiteren Lebensweg.“
Mit diesem Urteil hatte er nicht gerechnet. Er stürzte aus dem Raum, rannte die Treppe herunter und lief in den hinteren Teil der Anlage, dort wo der Bruder Gärtner seinen Garten pflegte. Er fühlte jetzt nur eines: Scham.
Sein Vater holte ihn ab. Sie fuhren mit dem Zug zurück in die Heimatstadt.
Hiermit endet die junge Karriere eines potentiellen katholischen Priesters Vielleicht wäre er einmal Papst geworden.
Zeichnung Ernst Volland, 1969