Danke, Spahn.
Nach langer Pause bist gerade du es, der mich motiviert, wieder zu schreiben. Du und ich sind vor Kurzem Eltern geworden. Nicht gemeinsam. Noch nicht. Wer weiß, was die Zukunft noch bringt. Das Leben kommt ja meistens anders, als man denkt.
Aber nun weg vom privaten Elternglück, hin zur gesellschaftlichen Debatte über Leihmutterschaft.(Mehr dazu hier.) An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich es ungut finde, dass Jens Spahn erst jetzt zurücktreten „muss“. Als ob er vorher ein strahlender Stern der Glaubwürdigkeit am Polithimmel gewesen wäre. Kein Skandal groß genug, um dieses Licht zu trüben. Erst wenn es um die Rechte von queeren Menschen und die Selbstbestimmung gebärender Menschen über ihren Körper geht – da hört der Spaß auf. Aber mich daran abzuarbeiten, wie und wo und was die CDU da jetzt an wen für moralische Ansprüche stellt – da fehlt mir der Spaß.
Zum Abarbeiten an diesem Thema brauchen wir auch nicht grundsätzlich die CDU. Es ist kein Thema „konservativ“ gegen „nicht konservativ“. „Wir“ Feminist:innen greifen uns bei diesem Thema nicht glücklich an den Händen und tanzen in Frieden und Eintracht um die Leihmutterschaft. Es ist aber ja auch kompliziert. Vielleicht die komplizierteste Debatte im Feminismus derzeit. Es prallen zwei wesentliche Grundideen aufeinander: körperliche Selbstbestimmung versus Schutz vor patriarchaler und kapitalistischer Ausbeutung.
Wir Feminist:innen rufen auf jeden Fall alle: „My Body, My Choice!“
Die einen meinen damit, dass wir mit unserem Körper tun und lassen können müssen, was wir wollen, und dass jedes staatliche Verbot am Ende nur patriarchale Bevormundung ist und Frauen als unmündige Wesen darstellt, die vor sich selbst geschützt werden müssen.
Und die anderen meinen damit, dass der Körper einem wirklich selbst gehört und auf jeden Fall unverkäuflich sein sollte und keiner kapitalistischen Logik unterworfen werden darf, die Frauen* auf ihre biologische Gebärfunktion reduziert.
Ja. Wie ich bereits sagte. Kompliziert.
Jetzt könnten wir ja sagen: Wenn es hier verboten ist, dann reisen vor allem reiche Menschen ins Ausland – Grüße an dieser Stelle an Jens Spahn und Familie! –, und da herrschen oft prekäre Bedingungen für die Frauen, die ihre Mutterschaft leihen. Legalisierung bedeutet also besseren Schutz. Vielleicht als reguliertes, altruistisches Modell? Also ohne Bezahlung, nur mit Auslagenersatz. Aber halt, dann könnten wir sagen: Wenn, dann sollten Frauen* doch dafür bezahlt werden können – wenn sie ihren Körper schon zur Verfügung stellen. Unbedingt aber jede Leihmutterschaft freiwillig. Eh klar.
Jetzt könnten wir aber auch noch dazu sagen, dass es wirkliche Freiwilligkeit in unserem System überhaupt nicht geben kann, solange Frauen* vor allem finanziell und auch sonst schlechter gestellt sind. Und selbst wenn es „unbezahlt“ im Freund:innen- oder Familienkreis stattfindet – da kann schon auch viel schiefgehen für die Leihmutter.
Wir könnten aber sagen, dass Frauen* ja auch emotionale Grenzen setzen können. Und dass wir ja inzwischen wissen, dass es diesen Mutterinstinkt nicht gibt. Und dass wir Frauen* nicht nur als Opfer ihrer Hormone darstellen sollten. Aber halt. Wir wissen auch, dass eine Schwangerschaft durchaus tiefgreifend auf den Körper einwirkt.
Okay. Es ist kompliziert.
Und will ich aus Prinzip nicht der Meinung von Alice Schwarzer sein?
Tatsächlich habe ich immer wieder mal überlegt, ob ich mir vorstellen könnte, mich als Mutter zu verleihen. Ich habe inzwischen drei Kinder geboren. Das dritte erst vor Kurzem. In verschiedensten Konstellationen. Unter verschiedensten Lebensumständen. Ungeplant. Geplant.
Ich habe nach dem zweiten Kind und nach der ersten Scheidung immer wieder gesagt: Ach ja, noch so ein drittes Kind mit dem Konzept Co-Parenting. Das wäre doch was für mich. Wäre ich dafür „radikal“ und „mutig“ genug gewesen, wenn ich nicht wieder ganz spießig geheiratet und mit meinem jetzigen Mann ein Kind bekommen hätte? Ich weiß es nicht.
Aber das homosexuelle Paar, mit dem ich vielleicht ein Kind bekommen hätte und das jetzt ohne mich auskommen muss, das kann doch adoptieren! Denn bei dieser Debatte kommt auf jeden Fall immer noch einmal das mit der Adoption. Es gibt doch schon so viele Kinder, die ein liebevolles Heim bräuchten. Adoptiert doch eins. Aber um das einmal kurz einzuordnen: Das ist alles andere als leicht – vor allem für homosexuelle Paare und alleinstehende Menschen.
Das mit der Adoption schiebt also irgendwie die Verantwortung für ein gesellschaftliches Problem – dass es viel zu viele Kinder gibt, die eben nicht in einem liebevollen Zuhause aufwachsen – einseitig auf eine ohnehin vulnerable Gruppe ungewollt kinderloser Menschen ab. Mit der „Lösung“ Adoption muss man sich dann aber auch nicht mit den komplexen Fragen der Reproduktionsmedizin auseinandersetzen. Also Problem gelöst. Nicht. Wobei auch hier Umstände zu ändern wären, sodass es Teil der Lösung sein könnte.
Wir arbeiten uns beim Thema Leihmutterschaft also nicht nur an der Selbstbestimmung gebärender Menschen ab, sondern auch an unserem Verständnis von Familie. Wer darf wie Familie sein? Wer kann es sich unter welchen Umständen leisten, Familie zu sein?
Wir tun bei der Familienerzählung meistens so, als ob das „Mutter-Vater-Kind“-Konstrukt immer noch der heilige Gral des Kindeswohls wäre. Aber Überraschung: Dem ist gar nicht so. Und Menschen, die gebären können: Herzlichen Glückwunsch. Wir gratulieren. Glück gehabt. Gebärt einfach vor euch hin. Aber wehe, ihr tut es nicht! Also, es wäre uns schon wichtig, dass ihr dann auch wirklich gebärt!
Ja. Was für ein Dilemma.
Und nun? Ich persönlich kann Jens Spahn anbieten, dass wir über ein Co-Parenting-Konzept nachdenken könnten, falls noch ein weiterer Kinderwunsch besteht. Ich wäre offen dafür. Ruf einfach an, Jens!
Ich wäre gern eine Person, die dazu eine klare Meinung hätte. Die noch viel mehr Zeit gehabt hätte, sich tiefer einzuarbeiten, um dann ganz vielleicht eine klare Meinung haben zu können. Eine Feministin mit einer fundierten und überzeugten Meinung zu diesem Thema – nicht nur mit vagen und uneindeutigen Gefühlszuständen hinsichtlich Leihmutterschaft.
Ein Kind mit Jens Spahn und mit Alice Schwarzer einer Meinung? Das Leben kommt ja meistens anders, als man denkt.